Offener Brief an Johann-Magnus Freiherr von Stackelberg

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An
Johann-Magnus Freiherr von Stackelberg
GKV Spitzenverband
– offener Brief –

Kronberg, 5. Juli 2013

Sehr geehrter Herr von Stackelberg,

Genexpressionstests haben sich in den letzten Jahren zu einer wichtigen diagnostischen Methode in der Pathologie entwickelt. Nach Expertenschätzungen werden sie es ermöglichen, jedes Jahr allein in Deutschland ca. 10.000 bis 15.000 weniger Brustkrebspatientinnen als bisher mit einer überflüssigen, belastenden Chemotherapie zu behandeln, ohne dabei ihre Prognose zu verschlechtern.

Auch bei der in der vergangenen Woche zu Ende gegangenen Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Senologie in München waren Genexpressionstests Thema zahlreicher Seminare. Ich konnte so selber verfolgen, welche hohe Akzeptanz die Tests in Fachkreisen besitzen. Alle vortragenden Experten betonten, wie sinnvoll ihr Einsatz bei den zahlreichen Brustkrebspatientinnen ist, für die die älteren diagnostischen Methoden keine objektive Entscheidung bezüglich des Nutzens einer Chemotherapie erlauben. Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie bescheinigt einigen dieser Tests einen „Level of Evidence 1“ – also höchste wissenschaftlich-klinische Validität. Auch international wird diese Sicht der Dinge geteilt. Prof. Martine Piccart, die Präsidentin der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO), fasste beispielsweise den Reifegrad des in Deutschland für die beschriebene Diagnostik entwickelten EndoPredict Tests vor einigen Wochen in dem Satz zusammen „Endopredict – ready for primetime“.

Genexpressionstests wurden von deutschen Pathologen in den vergangenen knapp zwei Jahren als kassenärztliche Leistung auch für gesetzlich versicherte Patientinnen durchgeführt. Im vergangenen Jahr hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung, ohne sachlich-inhaltliche Gründe vorzubringen und allein aus ihrem Verständnis der Definition eines im Leistungskatalog EBM verwendeten wissenschaftlichen Begriffs, diese Abrechnungsfähigkeit verneint. Renommierte Experten aus Wissenschaft und Forschung haben der Sicht der KBV energisch widersprochen – darunter eine Nobelpreisträgerin für Medizin. Wohl auch deswegen blieben Genexpressionstests auch für gesetzlich versicherte Patientinnen in den meisten Bundesländern zugänglich.

Frau Prof. Kiechle, Direktorin der Frauenklinik der Technischen Universität München, berichtete mir von einem Gespräch mit einigen Ihrer Mitarbeiter vom GKV Spitzenverband und mit Vertretern des AOK Bundesverbands im vergangenen Monat. Sie hatte sich dort dafür eingesetzt, dass diese neuen Tests den Patientinnen überall zur Verfügung stehen: Ein Vertreter Ihres GKV Spitzenverbands meinte in dem Gespräch zu Frau Professor Kiechle, er wisse nicht, warum Expressionstests für sie so wichtig seien; eine Chemotherapie sei doch heute nicht mehr so schlimm. Dies ist nicht nur eine unglaubliche Respektlosigkeit gegenüber einer renommierten Spezialistin auf dem Gebiet, sondern eine offene Verhöhnung der abertausenden von Frauen mit Brustkrebs, die jedes Jahr eine Chemotherapie und deren Folgen ertragen müssen.

Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass der Bewertungsausschuss in der vergangenen Woche den Leistungskatalog EBM dahingehend geändert, dass Genexpressionstests künftig nicht mehr für gesetzlich versicherte Patientinnen zur Verfügung stehen: Privat versicherte Patientinnen bekommen also eine moderne Diagnostik, gesetzlich versicherte Patientinnen eine Chemotherapie. Hatte ich gehofft, dass die von Frau Prof. Kiechle wiedergegebene Aussage, wie wenig schlimm eine Chemotherapie sei, nur eine besonders bornierte Einzelmeinung innerhalb Ihrer Organisation war, so bin ich leider eines Besseren belehrt worden:
Das ist scheinbar die Position des gesamten GKV Spitzenverbands, was bei Frauen mit Brustkrebs in Deutschland nicht gerade auf Applaus stößt!

Es mag in der Vergangenheit im Leistungskatalog EBM unklar beschrieben gewesen sein, dass Brustkrebspatientinnen ein Anrecht auf die modernen Tests haben und es mag Interpretationsspielräume gegeben haben. Sie haben Ihren Spielraum mit der Entscheidung des Bewertungsausschusses jetzt nicht nur gegen die Frauen mit Brustkrebs genutzt, sondern auch gegen eine kosteneffiziente Gestaltung des Gesundheitsbudgets. Ich bitte Sie deshalb, Ihre Entscheidung zu revidieren; ich bitte Sie, sie konstruktiv zu ergänzen; ich bitte Sie, uns Brustkrebspatientinnen zu zeigen, dass der GKV Spitzenverband nicht der Meinung ist, Frauen müssten eine Chemotherapie ertragen, auch wenn sie nicht sinnvoll ist, nur weil Chemotherapien „nicht so schlimm“ sind.

Sie und der Bewertungsausschuss haben den Entscheidungsspielraum. Ich verlasse mich darauf, dass Sie ihn für uns Brustkrebspatientinnen in Deutschland nutzen.

Mit freundlichen Grüßen,

Eva Schumacher-Wulf
Chefredaktion