St. Gallen Brustkrebskonferenz: Chemotherapie bei frühem Brustkrebs

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Alle zwei Jahre treffen sich bei der St. Gallen Breast Cancer Conference in Wien Brustkrebsexperten aus der ganzen Welt, um neue Daten zur Behandlung von frühem Brustkrebs vorzustellen und zu diskutieren. Prof. Michael P. Lux, Chefarzt der Frauen- und Kinderklinik St. Louise in Paderborn, berichtet im Gespräch mit Mamma Mia! über Neuigkeiten zur Chemotherapie.

Mamma Mia!: Herr Professor Lux, in diesem Jahr fand zum 16. Mal die St. Gallen Brustkrebskonferenz, ein internationales Treffen  führender Ärztinnen und Ärzte in der Senologie, in Wien statt. Kurz vorher hat die Kommission Mamma der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V. ihre überarbeiteten Therapieempfehlungen für die Patientin mit einem Mammakarzinom vorgestellt. Welche Ergebnisse für die Therapieentscheidung in der adjuvanten Therapie sind aus Ihrer Sicht besonders hervorzuheben?

Prof. Dr. Michael P. Lux: Wichtig beziehungsweise klinisch bedeutsam aus Patientensicht ist es, dass sowohl durch die Kommission Mamma der AGO e.V. als auch durch die Kolleginnen und Kollegen der St. Gallen Konsensus Konferenz die dosisdichte Therapie (zum Beispiel anthrazyklinhaltige Therapie alle zwei Wochen anstatt alle drei Wochen) bei Hochrisiko-Patientinnen im Vergleich zur konventionellen Therapie gestärkt wurde. Es wurde in mehreren Studien gezeigt werden, dass sowohl jüngere als auch ältere Patientinnen von dieser Therapieoption trotz gewisser Risiken einen zusätzlichen Nutzen haben – insbesondere bei ausgeprägtem Lymphknotenbefall.

Mamma Mia!: Bedeutet dieses aber nicht auch mehr Nebenwirkungen?

Prof. Dr. Michael P. Lux: Das Risiko beziehungsweise die erhöhte Frequenz von Nebenwirkungen ist gegeben, daher ist es umso bedeutsamer, die Patientinnen mit einem hohen Risiko und somit einem Nutzen durch diese Chemotherapie zu identifizieren. Um diese aber zu finden, reichen in einigen Fällen die klassischen pathologisch-histologischen Parameter nicht vollumfänglich aus, um zu einer eindeutigen Entscheidung in der interdisziplinären Tumorkonferenz zu kommen.

Hier ist der Einsatz von Multigenassays zu erwägen. In diesem Zusammenhang nennt die Kommission Mamma der AGO e.V. auch auf Basis der TAILORx Studie in ihren Empfehlungen den Oncotype Dx® sowohl als prognostischen Faktor (Vorhersage des Verlaufes der Erkrankung unabhängig von der durchgeführten Therapie) als auch als Multigentest mit prädiktivem Aspekt, also die Fähigkeit der Vorhersage eines zusätzlichen Nutzens einer Chemotherapie. Dieses bedeutet nicht, dass die genaue Art/Substanz der Chemotherapie vorhergesagt werden kann, aber der Nutzen durch die Chemotherapie generell. Der Test kann folgend auf individueller Basis eingesetzt werden, das heißt es wird nicht für alle Patientinnen generell durchgeführt, sondern jeweils im Einzelfall anhand der vorliegenden Tumor- und Risikofaktoren. 

Dies sahen die Expertinnen und Experten in der weltweit beachteten St. Gallen Konsensus-Konferenz dieses Frühjahr ähnlich, denn bei der Abstimmung über entsprechende Therapieoptionen sprachen sich 94 Prozent der Expertinnen und Experten für einen Einsatz eines prospektiv randomisiert geprüften Multigenassays bei entsprechender Indikation aus. Auch bei den Patientinnen mit ein bis drei befallenen Lymphknoten (pN1) lag die Zustimmung für den Einsatz der Multigenassays bei 74 Prozent. Das bedeutet, dass für Patientinnen mit einem hormonsensitiven und HER2neu-negativen Mammakarzinom in unklaren Fällen ein solcher Test sinnvoll sein kann, um eine Chemotherapie zu vermeiden, die keinen zusätzlichen Nutzen bringen wird.

Mamma Mia!: Was heißt die Therapieempfehlung der AGO e.V. für jüngere Patientinnen mit Kinderwunsch?

Prof. Dr. Michael P. Lux: Es gibt nun endlich die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), für diese Patientinnen die Kosten für fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen zu übernehmen, das heißt für die Entnahme und das Einfrieren von Eizellen. Bisher war dieses nicht geklärt und Patientinnen mussten meist die Kosten selbst tragen – somit eine zusätzliche Belastung in der schweren Situation einer Krebserkrankung.

Die fertilitätserhaltenden Maßnahmen werden aber nur erforderlich, wenn tatsächlich eine Chemotherapie notwendig ist. Ist die Entscheidung für oder gegen die Chemotherapie nicht klar, kann die Testung mit einem Genexpressionstest in solchen Fällen helfen. Durch eine zusätzliche Betrachtung der TAILORx-Studiendaten beispielsweise haben wir bei Patientinnen unter 50 Jahren die Möglichkeit abzuschätzen, ob sie bei entsprechenden Recurrence Score (RS) Werten nicht doch von einer Chemotherapie profitieren könnten. Ein Ergebnis dieser Zusatzuntersuchungen zeigt, dass bei einem RS ab 21 der Chemotherapienutzen für die jüngere Frau mit circa 1,6 Prozent sehr niedrig ausfällt; ab einem Wert von 25 steigt der Nutzen der Chemotherapie deutlich an, dass mit diesen Patientinnen die Chemotherapie mit Abwägung der Vor- und Nachteile ernsthaft diskutiert werden muss.

Mamma Mia!: Was raten Sie betroffenen Frauen in dieser persönlich schwierigen Situation?

Prof. Dr. Michael P. Lux: Betroffene Patientinnen sollten sich bitte immer und mit allen Fragen vertrauensvoll an ihre behandelnden Brustkrebsspezialistinnen und -spezialisten in den zertifizierten Brustkrebszentren wenden; die Abwägungen für oder gegen eine Chemotherapie beim sog. frühinvasiven Brustkrebs sind und werden immer eine personalisierte, auf die jeweilige Tumorbiologie, Lebensumstände, Persönlichkeit und Umfeld abgestimmte und einzigartige Entscheidung bleiben.

Prof. Dr. Michael P. Lux
St. Vincenz-Krankenhaus GmbH
Am Busdorf 2
33098 Paderborn, www.st-louise.de