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Effekti­vität der Krebs­früh­erkennung in Familien mit erb­lichem Darm­krebs

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Patienten mit HNPCC haben im Vergleich zur Normalbevölkerung ein stark erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens an Dickdarm- oder Enddarmkrebs zu erkranken. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass das Lebenszeitrisiko (gerechnet bis zum 80. Lebensjahr) für Darmkrebs bei HNPCC-Patienten in Abhängigkeit von der veränderten Erbanlage (Gen) bei etwa 40 bis 80 Prozent liegt. Auch wenn bereits ein Darmkrebs aufgetreten ist und erfolgreich behandelt wurde, besteht ein erhöhtes Risiko für eine spätere zweite Erkrankung an einer anderen Stelle des Dick- oder Enddarms. Daneben ist das Risiko für eine Reihe verschiedener anderer Krebsarten, darunter insbesondere Krebs der Gebärmutterschleimhaut, ebenfalls deutlich erhöht.

Regelmäßige Darmspiegelungen

Ein wichtiger Eckpfeiler in der Betreuung von Patienten liegt in der regelmäßigen Durchführung von Darmspiegelungen. Aufgrund des stark erhöhten Darmkrebsrisikos müssen die Darmspiegelungen bei HNPCC-Patienten jedoch deutlich engmaschiger erfolgen als bei Normalpersonen. Ziel der Dickdarmspiegelung ist es, gutartige Vorstufen von Darmkrebs – so genannte Adenome – zu entdecken und noch während der Untersuchung zu entfernen. Adenome sind zunächst gutartige Wucherungen der Darmschleimhaut, aus denen sich jedoch im Laufe der Zeit Darmkrebs entwickeln kann. Durch die rechtzeitige Entfernung der Adenome wird also die Entstehung von Darmkrebs verhindert. In einigen Fällen entwickelt sich jedoch Darmkrebs, ohne dass zuvor ein Adenom gefunden wird. Dennoch ist es möglich, durch die Darmspiegelung die Erkrankung in einem möglichst frühen und noch symptomlosen Stadium zu entdecken, um damit die Heilungs- und Überlebenschancen zu verbessern. Wichtig ist, dass bei der Darmspiegelung der gesamte Dickdarm untersucht wird, da bei HNPCC-Patienten die Tumoren bevorzugt im oberen Abschnitt des Dickdarms auftreten.

Eine wichtige Frage ist, wie häufig die Darmspiegelungen durchgeführt werden müssen. Einerseits sollen Adenome und Karzinome möglichst frühzeitig entdeckt werden, andererseits jedoch dürfen die Belastungen für die Patienten durch zu häufige Untersuchungen nicht zu groß werden. Bisherige Studien haben gezeigt, dass durch dreijährliche Darmspiegelungen eine Senkung der Darmkrebshäufigkeit und auch der Sterblichkeit an Darmkrebs erreicht werden kann. Allerdings finden sich trotz dreijährlicher Darmspiegelungen dennoch in einigen Fällen fortgeschrittene Darmkrebserkrankungen.

Jährliche Untersuchungs­intervalle

Im Verbundprojekt „Familiärer Darmkrebs“ werden seit 1999 Familien mit Verdacht auf HNPCC interdisziplinär beraten und betreut. Der Verbund wird von der Deutschen Krebshilfe finanziell gefördert. In diesem Rahmen entstand eine der weltweit größten und am besten charakterisierten Personengruppe, zu der sowohl Patienten mit erblichem Darmkrebs als auch gesunde Risikopersonen gehören. Beteiligt sind insgesamt sechs Universitätsstandorte in Deutschland. Eine Dokumentationszentrale und eine Referenzpathologie ergänzen den Verbund. Betroffenen Patienten wird die Teilnahme an jährlichen Früherkennungsuntersuchungen, darunter auch Darmspiegelungen, empfohlen. Diese Empfehlung gilt in gleicher Weise für bisher gesunde Hochrisiko-Personen als auch für solche Patienten, die bereits eine Krebserkrankung hatten. Im Rahmen einer Studie werden die Früherkennungsuntersuchungen sowie weitere Daten in standardisierter Weise dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet. Die Auswertungsergebnisse sollen der künftigen Verbesserung und weiteren Optimierung der Früherkennungsempfehlungen dienen.

Weltweit erste Studie

Im Jahr 2010 wurden Ergebnisse einer Studie des Verbundprojektes zur Effektivität der jährlichen Darmspiegelungen in der Zeitschrift „Clinical Gastroenterology and Hepatology“ veröffentlicht. Es handelt sich weltweit um die erste Studie mit jährlicher Früherkennung. Im Rahmen der Studie wurden über 1.100 Hochrisiko-Patienten über einen Zeitraum von durchschnittlich drei Jahren beobachtet. Fast zwei Drittel der Patienten waren vor Beginn der jährlichen Darmspiegelungen bereits an einen Dickdarmkrebs erkrankt. 81 Prozent der Darmspiegelungen wurden in einem Intervall von 15 Monaten oder weniger durchgeführt. Dies spricht für eine gute Akzeptanz der jährlichen Untersuchungen. Insbesondere war die Akzeptanz bei Männern und Frauen und auch in allen Altersgruppen gleich gut. Allerdings war die Akzeptanz bei Personen geringer, die bislang noch keinen Darmkrebs hatten und zudem aus Familien stammten, bei denen keine ursächliche Genmutation nachgewiesen werden konnte.

Während der Laufzeit der Studie wurden insgesamt 99 Diagnosen von Darmkrebs gestellt. Während 71 Diagnosen im Rahmen von Darmspiegelungen gestellt wurden, wurden die restlichen 17 Fälle erst durch aufgetretene Symptome entdeckt. Eine genauere Analyse dieser Fälle zeigte jedoch, dass bei 16 dieser Fälle das empfohlene Früherkennungsintervall stark überschritten war oder dass der Krebs bereits vor der ersten Darmspiegelung diagnostiziert war. Dieses Ergebnis unterstreicht, dass nach Feststellung der HNPCC-Diagnose ein unmittelbarer Beginn der Darmspiegelungen sowie die strikte Einhaltung der empfohlenen jährlichen Intervalle sehr wichtig sind.

Ein Hauptergebnis der Studie ist, dass nur bei fünf Prozent der durch Darmspiegelung entdeckten Tumoren Absiedlungen in den Lymphknoten festgestellt wurden. Fernabsiedlungen (Metastasen) traten gar nicht auf. Das Stadium der Karzinome war im Vergleich zu den durch Symptome entdeckten Tumoren insgesamt günstiger, wenn diese durch eine Darmspiegelung entdeckt wurden.

Die Studie zeigte jedoch noch weitere interessante Resultate. So war das Darmkrebs-Risiko bei einer bestimmten, molekularpathologisch abgegrenzten Patientengruppe deutlich niedriger. Inwiefern bei diesen Patienten weniger strenge Früherkennungsempfehlungen gegeben werden können, müssen weitere Studien in dieser speziellen Patientengruppe zeigen.

Mit der hier vorgestellten Studie des Verbundprojektes „Erblicher Darmkrebs“ konnte ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Früherkennungsmaßnahmen bei HNPCC-Patienten geleistet werden. Dennoch gibt es auf diesem Gebiet noch weiteren Bedarf an klinischer Forschung. Insbesondere soll in Zukunft die Früherkennung dem individuellen Risiko des Patienten anpasst werden. Hierzu zählt, das optimale Alter für den Beginn und das Ende der Untersuchungen zu bestimmen und die Intervalle zwischen den Darmspiegelungen und weiteren klinischen Untersuchungen je nach Lebensalter und anderen Faktoren unterschiedlich festzulegen. Um dies zu erreichen, müssen Hochrisiko-Patienten weiterhin langfristig im Rahmen der Studie des Verbundprojektes betreut und beobachtet werden.


Dr. med. Christoph EngelDr. med. Christoph Engel
Leiter der Arbeitsgruppe „Dokumentation und Biometrie“ im Verbundprojekt „Familiärer Darmkrebs“ der Deutschen Krebshilfe
Institut für Medizinische Informatik
Statistik und Epidemiologie (IMISE)
Universität Leipzig

 

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