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Risiko­adaptierte Vorsorge-/Früh­erkennungs­unter­suchungen

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Compliance durch regelmäßige Teilnahme und gute Vorbereitung

Die Koloskopie (Darmspiegelung) ist für die vom familiären oder erblichen Darmkrebs Betroffenen beziehungsweise Bedrohten die Vorsorgemöglichkeit der ersten Wahl. Für HNPCC-Mutationsträger empfiehlt die S3-Leitlinie „Kolorektales Karzinom“ ab dem 25. Lebensjahr beziehungsweise fünf Jahre vor dem Erkrankungsalter des jüngsten betroffenen Familienmitglieds sogar eine jährliche Koloskopie. Die Effektivität der engmaschigen Untersuchungen wurde für diese Patientengruppe in einer Studie des Verbundprojekts „Familiärer Darmkrebs“ belegt.

Die Effektivität einer Koloskopie hängt jedoch nicht nur von ihrer regelmäßigen Durchführung ab, sondern ganz wesentlich auch von der Qualität der Vorbereitung auf die Untersuchung. Ist diese nicht gegeben, besteht das Risiko, dass selbst der erfahrenste Untersucher kleine oder flache Polypen, die insbesondere bei Risikopatienten auftreten können, nicht erkennen kann.

Zum einen bedarf es für eine gute Darmvorbereitung einer verständlichen und nachvollziehbaren Aufklärung über das Prozedere. Dies wird seitens des Untersuchers sichergestellt. Der entscheidende Anteil liegt jedoch in der Verantwortung des Patienten selbst, nämlich die Durchführung der Darmreinigung. Damit ist die so genannte Compliance, also die Therapietreue der Patienten nicht nur hinsichtlich der Befolgung der ärztlichen Empfehlungen zur Häufigkeit der Koloskopien, sondern insbesondere auch hinsichtlich der Durchführung der Darmreinigung ganz maßgeblich. Das heißt: Sie selbst können einen entscheidenden Beitrag zur Minimierung Ihres Erkrankungsrisikos leisten!

Gleichwohl haben viele Patienten mehr Sorge vor der Darmvorbereitung als vor der Darmspiegelung selbst, die meist in einer kleinen Schlafnarkose durchgeführt wird und in der Regel völlig schmerzlos ist. Zur Vorbereitung des Darms wird eine so genannte orthograde Darmspülung vom Patienten selbst vorgenommen. Diese ist dann erfolgreich, wenn nur noch klare, gelbliche Flüssigkeit aus dem After kommt. Um dies zu erreichen, sind einfache Abführmittel nicht ausreichend geeignet. Vielmehr bedarf es der Einnahme einer geeigneten Reinigungslösung.

Der Markt bietet eine Vielzahl verschiedener Präparate, die sich nicht nur hinsichtlich des einzunehmenden Volumens und ihres Geschmacks, sondern insbesondere durch ihre Wirkweise und damit auch ihre Nebenwirkungen unterscheiden. Im Wesentlichen werden Lösungen auf Basis von Polyethylenglykol – PEG (Einnahme-Volumen: 4.000 ml; Präparate wie Endofalk®, Globance® Lavage, Kleanprep®, Oralav®), PEG plus Vitamin C Lösungen (Einnahme-Volumen: 2.000 ml; Präparate wie Moviprep®), Natrium-Phosphat-Lösungen (Einnahme-Volumen: ca. 100 bis 300 ml; Präparate wie ­Prepacol®, Fleet® Phospho-soda) oder Magnesium­citrat-Natriumpicosulfat-Lösungen (­Einnahme-Volumen: ca. 150 ml; Präparate wie ­Picoprep®, Citra­Fleet®) eingesetzt.

Wichtig: Trinken Sie viel! Ohne ausreichend Flüssigkeit kann der Darm nicht sauber werden!

Unabhängig davon, welches Präparat eingesetzt wird, ist eine erfolgreiche Darmreinigung grundsätzlich nur dann möglich, wenn dem Körper genügend Flüssigkeit zur Verfügung gestellt wird. Das bedeutet, dass es gerade bei den Lösungen mit geringem Einnahme-Volumen entscheidend darauf ankommt, genügend andere klare Flüssigkeit (mindestens zwei Liter) zusätzlich zu trinken.

PEG-basierte Lösungen passieren den Darm ohne wesentliche Aufnahme oder Absonderung. Damit werden signifikante Flüssigkeits- und Elektrolytverschiebungen vermieden, jedoch ist ein relativ großes Volumen an salzhaltiger Flüssigkeit zu trinken. Bei Kombinationslösungen aus PEG plus Vitamin C ist das Einnahme-Volumen geringer. Vorteile des Vitamin C sind zudem die sehr geringe Toxizität auch bei sehr hohen Dosen und der angenehme Geschmack. Vorsicht ist jedoch geboten bei Patienten mit Herz- und/oder Niereninsuffizienz und Patienten mit schweren Lebererkrankungen.

Natrium-Phosphat-Lösungen sind in der Regel hyperosmolar. Das bedeutet, dass während der Darmpassage Plasmawasser entsprechend dem osmotischen Druckgefälle ins Darminnere gezogen wird und die Darmreinigung fördert. Dabei können signifikante Elektrolyt- und Flüssigkeitsverschiebungen auftreten. Damit es durch den Flüssigkeitsverlust nicht zu Dehydration kommt, muss auf das Trinken eines entsprechenden Wasservolumens bei der Koloskopievorbereitung geachtet werden. Bei der Anwendung bei Patienten in hohem Alter und Kindern ist deshalb äußerste Vorsicht geboten. Patienten mit Nierenfunktionseinschränkung und Bluthochdruck sollten diese Vorbereitung nicht erhalten.

Die Kombination von Magnesiumcitrat und Natriumpicosulfat erzeugt eine zweifache Wirkung. Magnesiumcitrat zieht Wasser in den Darm (osmotischer Effekt) und Natriumpicosulfat steigert die Darmperistaltik. Unter dieser Kombination entwickelt sich keine Elektrolytverschiebung, so dass diese Lösungen auch für Kinder geeignet sind. Die Wirkung der Reinigungslösung tritt mit einiger zeitlicher Verzögerung ein, was zu Interferenzen mit dem privaten und beruflichen Leben führen kann.

In einem Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat die Sektion Endoskopie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS) zur Darmreinigung vor Koloskopie ausführlich Stellung zu den verschiedenen Reinigungslösungen genommen. Im Ergebnis spricht sie sich für die Verwendung PEG-basierter Lösungen aus, wobei erste Studienergebnisse sowie das geringere Einnahme-Volumen und der bessere Geschmack Kombinationslösungen bestehend aus PEG plus Vitamin C in den Fokus rücken. Die inzwischen auch in Deutschland erhältlichen Kombinationspräparate mit Natriumpicosulfat/Magnesium­zitrat wurden in dem Positionspapier noch nicht berücksichtigt.

Konsens besteht darüber, dass die Darmreinigungslösungen in einer so genannten Splitting-Dosierung, also auf zwei Zeitpunkte verteilt, in der Regel beginnend je hälftig am späten Nachmittag des Vortages und mehrere Stunden vor der Darmspiegelung, eingenommen werden sollten. Der zeitliche Ablauf der Einnahme richtet sich dabei nach dem Untersuchungszeitpunkt.

In der Regel wird im Rahmen der Vorbereitung auf die Koloskopie seitens der Arztpraxis oder der Klinik ein Regime zur Darmreinigung vorgeschlagen und ausführlich erläutert, mit dem dort die besten Erfahrungen gesammelt wurden. Sollte sich herausstellen, dass dieses Prozedere oder Präparat gar nicht für Sie in Frage kommt, sollten Sie sich mit Ihrem Untersucher über mögliche Alternativen beraten, aber keinesfalls auf die empfohlenen Darmspiegelungen verzichten!


Dr. med. Berndt R. BirknerDr. med. Berndt R. Birkner
AGAF, FACP, FASGE, FEBG
Facharzt für Gastroenterologie/Internist
Kuratoriumsmitglied der Felix Burda Stiftung
Vizepräsident des Netzwerks gegen Darmkrebs e.V.

 

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