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Sind fami­liäre Tumo­ren etwas Beson­deres?

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Pathologische Besonderheiten des erblichen Darmkrebses

Zwar unterscheiden sich erbliche Darmkrebstumoren mikroskopisch nicht grundsätzlich von sporadischen, jedoch können bestimmte Umstände und/oder Besonderheiten auf eine zugrundeliegende Erblichkeit hinweisen, denen mittels weiterer pathologischer Untersuchungen nachzugehen ist.

Mikroskopische Besonderheiten von HNPCC-Tumoren

Tumoren mit schlechter Differenzierung

Abbildung 1

HNPCC-Tumoren werden häufig in einem relativ jungen Lebensalter entdeckt (im Mittel 45 Jahre) und befinden sich zu zwei Dritteln der Fälle im rechtsseitigen Dickdarm. Das Erscheinungsbild eines HNPCC-Tumors unter dem Mikroskop des Pathologen unterscheidet sich nicht von anderen so genannten sporadischen Dickdarmtumoren, aber es gibt einige Hinweise, dass es sich unter Umständen um einen erblichen Dickdarmkrebs handeln könnte: Erstens können im rechtsseitigen Dickdarm lokalisierte Tumoren mit deutlicher Schleimbildung und vermehrten Entzündungszellen im Tumor (Lymphozyten) einen Hinweis auf einen erblichen Darmkrebs geben, zweitens können im rechtsseitigen Dickdarm lokalisierte Tumoren mit einer sehr schlechten Differenzierung (Abbildung 1) sowie Tumoren mit einer gemischten Differenzierung ein Hinweis sein. Zusätzlich finden sich um diese Tumoren manchmal in Haufen liegende Entzündungszellen, so genannte Lymphozytenaggregate.

angefaerbte Proteine

Abbildung 2

Gibt es nun Hinweise in der Familie (Amsterdam-II-Kriterien) und Hinweise im Baumuster des Dickdarmtumors (siehe oben), so werden seitens der Pathologie weitere molekulare Untersuchungen eingeleitet, um einen erblichen Darmkrebs zu beweisen oder auszuschließen. Hierzu werden die bei einer HNPCC-Erkrankung beteiligten Proteine (MLH1, PMS2, MSH2, MSH6) im Gewebe angefärbt (Abbildung 2).

Sind ein oder mehrere Proteine defekt, so findet sich keine Färbereaktion im Gewebe und es ergibt sich damit ein Hinweis auf einen erblichen Darmkrebs. Jedoch gibt es auch andere Ursachen für den Ausfall eines oder mehrerer der DNA-Reparaturproteine. Deshalb müssen weitere molekularpathologische Untersuchungen angeschlossen werden. Zusätzlich werden die Längen bestimmter Genabschnitte (so genannte Mikrosatelliten) im Tumor und im Normalgewebe gemessen. Bei der HNPCC-Erkrankung führt das Fehlen der oben genannten Proteine im Tumor zu einer Störung der Reparatur der Erbinformation (DNA), und somit kommt es zu einer zufälligen Verlängerung oder Verkürzung bestimmter Genabschnitte. Diese Verschiebung, Mikrosatelliteninstabilität (MSI) genannt, kann man messen. Sie gibt einen weiteren Hinweis auf einen erblichen Darmkrebs. Alle Informationen zusammen (Familiengeschichte, mikroskopische Differenzierung des Tumors, Nachweis der DNA-Reparaturproteine und Mikrosatellitenstatus) geben Hinweise darauf, ob es sich um ein HNPCC-Syndrom handelt oder nicht. Gibt es Hinweise, führen weitere Untersuchungen im Institut für Humangenetik (Mutationsanalyse) zur definitiven Klärung, ob es sich um einen erblichen Darmkrebs handelt oder nicht.

Mikroskopische Besonderheiten der Familiären Adenomatösen Polyposis (FAP) und der MUTYH-assoziierten Polyposis (MAP)

Tumoren aus Drüsenschläuchen

Abbildung 3

Unter dem Mikroskop des Pathologen finden sich bei FAP-Patienten am häufigsten so genannte tubuläre Adenome, also Tumoren, die aus kleinen Drüsenschläuchen aufgebaut sind (Abbildung 3). Weniger häufig finden sich villöse Adenome, also Tumoren mit kleinen fingerförmigen Fortsätzen, oder gemischte, so genannte tubulo­villöse Adenome. Diese Adenome unterscheiden sich jedoch nicht von so genannten sporadisch, also zufällig auftretenden Adenomen der Dick- und Dünndarmschleimhaut.

Bei der MUTYH assoziierten Polyposis (MAP) können neben Adenomen auch hyperplastische Polypen (Schleimhautverdickung durch die lokale Ansammlung von Gewebekomponenten) oder serratierte Adenome (Adenome mit einer gezackten Oberfläche) vorliegen. Ingesamt entwickeln sich die Adenome später und treten weniger zahlreich auf, entarten später und mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu einem Dickdarmkrebs. Allerdings ist der Verlauf auch innerhalb einer Familie sehr variabel und eher mit der abgeschwächten Form der FAP (der attenuierten FAP) vergleichbar.

Diese beiden Erkrankungen sollten von sporadischen Adenomen sowie von anderen tumor- und polypenbildenden Erkrankungen wie der Familiären Juvenilen Polyposis (FJP) dem Cowden-Syndrom und der hyperplastischen Polyposis abgegrenzt werden.


Prof. Dr. Reinhard BüttnerProf. Dr. Reinhard Büttner
Referenzpathologe des Verbundprojekts „Familiärer Darmkrebs“ (Deutsche Krebshilfe)
Direktor des Instituts für Pathologie
Universitätsklinikum Köln

Dr. med. Philip KahlDr. med. Philip Kahl
Facharzt am Institut für Pathologie
Universitätsklinikum Köln

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