ASCO 2016 News
Neuigkeiten vom Kongress der American Society of Clinical Oncology in Chicago

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Mit großer Spannung erwarten -Mediziner aus der ganzen Welt jedes Jahr die Daten, die beim ASCO vorgestellt werden. So gab es auch zum Eierstockkrebs wichtige Neuigkeiten, die Prof. Sven Mahner, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, im Gespräch mit Mamma Mia! erläutert.

Mamma Mia!: Herr Professor Mahner, es gab auf dem ASCO einige Neuigkeiten zum Eierstockkrebs. Welche Erkenntnisse waren aus Ihrer Sicht am interessantesten?

Prof. Dr. Sven Mahner: Dieses Jahr gab es in der Tat einige interessante Themen, die hier diskutiert wurden. Meines Erachtens ist die „MITO-8-Studie“ besonders erwähnenswert. Hier wurde untersucht, ob eine gezielte medikamentöse Verlängerung des platinfreien Intervalls in der Rezidivsituation für Patientinnen mit Eierstockkrebs einen Vorteil für die betroffenen Frauen bringt. Zum Hintergrund: Die Chemotherapie ist nach der Operation die wichtigste Therapie, wenn der Krebs wieder auftritt. Viele Tumoren sprechen beim Rückfall erneut sehr gut auf Platin-Chemotherapie an. Es galt nun herauszufinden, ob ein Rezidiv-Tumor noch besser anspricht, wenn er länger nicht mit Platin in Kontakt kommt und man zwischendrin eine platinfreie Therapie verabreicht. Diese Hoffnung hat sich aber leider nicht bestätigt, und es war sogar das Gegenteil eingetreten: In der MITO-8 -Studie haben diejenigen Frauen, die nicht unmittelbar wieder mit Platin behandelt wurden, schlechter überlebt. Für uns heißt das: Frauen mit einem wiederaufgetretenen Eierstockkrebs, bei denen eine platinhaltige Therapie möglich ist, sollten also weiterhin direkt damit behandelt werden.

Mamma Mia!: In einem anderen Vortrag wurde über eine Antihormonbehandlung als Erhaltungstherapie gesprochen. Hierzulande ist diese Therapieform aber nicht üblich bei Eierstockkrebs, oder?

Prof. Dr. Sven Mahner: Das stimmt, die Antihormontherapie spielt traditionell keine große Rolle bei Eierstockkrebs, ganz im Gegensatz zum Brustkrebs. Nun wurde hier beim ASCO eine retrospektive, also rückblickende Studie des renommierten MD -Anderson Cancer Center aus Texas vorgestellt. Hier wurden Daten von Patientinnen aus den letzten 30 Jahren ausgewertet. Verglichen wurden Frauen mit einem serösen, „low-grade“ (G1) Tumor, die nach der Operation und Chemotherapie noch eine anschließende Antihormontherapie erhielten, mit Frauen, die keine weitere Therapie hatten. Es zeigte sich ein deutlich besseres Überleben für die Frauen mit Antihormontherapie. Das bedeutet aber nicht, dass wir ab sofort jeder Frau mit low-grade Eierstockkrebs eine Antihormontherapie verordnen sollten. Die Studie lässt zu viele Fragen offen. So muss man die Ergebnisse retrospektiver (rückblickender) Studien immer sehr differenziert betrachten. Es handelt sich auch nur um Daten einer einzelnen Klinik aus einem sehr langen Zeitraum. Die Frauen, die die Antihormontherapie erhielten, wurden nicht nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und hatten sehr unterschiedliche Krankheitscharakteristika im Vergleich zu denen, die keine Antihormontherapie erhielten. Der beobachtete Unterschied im Überleben kann also auch in ganz anderen Aspekten begründet liegen und muss nicht zwangsläufig auf die Antihormontherapie zurückgeführt werden. Ich denke aber dennoch, dass wir die Daten ernst nehmen und künftig mit unseren Patientinnen besprechen sollten. Außerdem werden wir uns dafür stark machen, dieses Thema in einer prospektiven Studie genauer anzuschauen, um herauszufinden, ob und welche Frauen von welcher Antihormon-therapie profitieren würden.

Mamma Mia!: Wie erwartet, fanden auch die so genannten PARP-Inhibitoren Erwähnung, Was gibt es hier Neues?

Prof. Dr. Sven Mahner: Nun, wir wissen, dass Patientinnen mit Eierstockkrebs-Rückfall und einer nachgewiesenen BRCA-Mutation von PARP-Inhibitoren profitieren können, das wurde einmal mehr bestätigt: In der Zulassungsstudie gibt es mittlerweile einen klaren Überlebensvorteil, wie auf dem diesjährigen ASCO gezeigt wurde. Die BRCA-Mutation ist also ein Biomarker für den Einsatz von PARP-Inhibitoren. Wir sind aber mit diesem Biomarker nicht wirklich glücklich. Er ist zwar sehr verlässlich, wir wissen aber, dass auch Frauen ohne BRCA-Mutation vom PARP-Inhibitor profitieren können. Wir müssen also dringend weitere Marker finden, um identifizieren zu können, welche Frauen diese Therapie erhalten sollten.
Im Moment können wir sie aufgrund der Zulassungskriterien tatsächlich nur den Frauen geben, die eine nachgewiesene BRCA-Mutation haben. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass wir in Deutschland in der AGO-TR-1 Studie untersucht haben, wie viele Eierstockkrebspatientinnen eine Mutation in den BRCA- oder anderen Genen haben. Dafür haben wir jede Patientin in den teilnehmenden Zentren getestet und herausgefunden, dass es über 20 Prozent sind. Auch diese Studie wurde auf dem aktuellen Kongress vorgestellt. In einem nächsten Schritt müssen wir nun klären, ob es nicht sinnvoll wäre, Eierstockkrebspatientinnen gleich bei Erstdiagnose und nicht erst in der Rezidivsituation zu testen, um ihnen die PARP-Inhibitoren schon früher geben zu können. Das ist gegenwärtig aber noch Zukunftsmusik und entsprechende Studien laufen.

Mamma Mia!: Es wurden noch zwei kleinere Studien zur intraperitonalen Chemotherapie vorgestellt. Können Sie uns kurz erläutern, was das ist und wie Sie die Studien beurteilen?

Prof. Dr. Sven Mahner: Bei der intraperitonealen Chemotherapie werden die Medikamente nicht nur über eine Infusion in die Vene, sondern direkt in den Bauchraum verabreicht. Die Idee ist, die Zytostatika so nah wie möglich an den Tumor zu bringen, also direkt zum beim fortgeschrittenen Eierstockkrebs fast immer mitbetroffenen Peritoneum, also Bauchfell. Mich hat ehrlich gesagt etwas gewundert, dass diese Studien hier auf dem Kongress so prominent vorgestellt werden konnten, denn die Amerikanische Gesellschaft der Gynäkoonkologen hat bereits bei ihrer Frühjahrstagung Daten einer viel größeren Phase-III-Studie gezeigt, die keinen Vorteil für die Patientinnen durch eine intraperitonale Chemotherapie erbracht hatte. Davon abgesehen, dass diese Therapieform keinen Überlebensvorteil bringt, treten auch häufig Komplikationen und schwere Nebenwirkungen auf. Auch in den beiden hier vorgestellten Studien konnten viele Frauen die Therapie nicht zu Ende führen.

Mamma Mia!: Trifft das auch für die so genannte hypertherme intraperitoneale Chemotherapie zu?

Prof. Dr. Sven Mahner: Bei dieser Form der Chemotherapie werden die Medikamente zusätzlich erwärmt, bevor sie in den Bauchraum gegeben werden. Zur Wirksamkeit laufen derzeit einige Studien, deren Ergebnisse wir unbedingt abwarten müssen, bevor wir unseren Patientinnen die HIPEC, wie die hypertherme intraperitoneale Chemotherapie abgekürzt genannt wird, empfehlen können. Im Moment ist außerhalb von Studien immer noch die Operation gefolgt von einer intravenösen Chemotherapie der beste Weg der Eierstockkrebsbehandlung.


Prof. Dr. Sven MahnerProf. Dr. med. Sven Mahner
Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauen-heilkunde und Geburtshilfe
Klinikum der Universität München
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Marchioninistraße 15, 81377 München
Campus Innenstadt:
Maistraße 11, 80337 München
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