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Chemotherapie beim Ovarialkarzinom

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Die Operation ist ein entscheidender Therapieschritt bei der Behandlung von Eierstockkrebs. Mit ihr werden drei wesentliche Ziele verbunden: die Sicherung der Diagnose, die Feststellung der Tumorausbreitung und Entfernung aller sicht- und tastbaren Tumorabsiedlungen. Der Erfolg der Operation ist dann auch maßgeblich für die Prognose der Patientin. Gelingt es, alle Tumorherde zu entfernen, ist die Prognose besser.

Neben der Operation spielt die medikamentöse Behandlung eine große Rolle. Obwohl immer mehr zielgerichtete Therapien entwickelt werden, zählt die Chemotherapie noch immer zu den wichtigsten Therapiesäulen bei der Behandlung von Eierstockkrebs.

Im Gespräch mit Mamma Mia! erläutert Prof. Dr. Joachim Rom, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Klinikum Frankfurt-Höchst, die aktuellen Therapieempfehlungen.

Mamma Mia!: Herr Prof. Rom, die Chemotherapie zählt bei der Behandlung von Eierstockkrebs immer noch zu den Standardtherapien. Viel diskutiert wird, wann der beste Zeitpunkt ist – vor oder nach der Operation? Was ist Ihre Meinung?

Prof. Dr. Joachim Rom: Die Therapie des Ovarialkarzinoms basiert auf zwei Säulen. Die eine Säule ist die Operation, welche von einem erfahrenen Operateur in einem Zentrum erfolgen sollte. Der wichtigste prognostische Parameter ist das postoperative Ergebnis! Die zweite Säule ist die Chemotherapie und hier ist zum jetzigen Zeitpunkt klar zu sagen, dass zuerst die Operation erfolgen sollte. Die „Trust-Studie“ hat sich genau mit diesem Thema, dem Zeitpunkt der Operation, beschäftigt. Die Ergebnisse dieser Studie werden sicher aufschlussreich sein. Es gibt Situationen, da ist eine primäre Chemotherapie sinnvoll, jedoch kann diese eine inadäquate Operation nicht kompensieren.

Mamma Mia!: Könnten Sie uns kurz erläutern, welche Substanzen bei einer frühen Eierstockkrebserkrankung zum Einsatz kommen?

Prof. Dr. Joachim Rom: Leider gibt es hier wenige Auswahlmöglichkeiten. Die Standardtherapie ist eine Kombination aus einer platin- und taxanhaltigen Chemotherapie. In den frühen Stadien ist allerdings eine Monotherapie mit einer platinhaltigen Chemotherapie indiziert. Neuere Medikamente kommen momentan leider erst in den fortgeschrittenen Krankheitsstadien zum Einsatz.

Mamma Mia!: Wird generell jeder Patientin mit Eierstockkrebs eine Chemotherapie empfohlen oder kann in bestimmten Fällen auch darauf verzichtet werden?

Prof. Dr. Joachim Rom: Es gibt Situationen, in denen man einer Patientin keine Chemotherapie zumuten kann, da es der jeweilige Gesundheitszustand nicht zulässt. Ansonsten kann nur in einem ganz frühen Stadium bei sehr langsam wachsenden Tumoren (pT1a G1) auf eine Chemotherapie verzichtet werden.

Chemotherapie in der Rezidivsituation

Mamma Mia!: Wie sieht die Behandlung bei einem Rezidiv aus? Welche Chemotherapie wird dann empfohlen?

Prof. Dr. Joachim Rom: In neueren Studien hat sich gezeigt, dass die Operation in einer Rezidiv-Situation an Bedeutung verloren hat. Eine Operation muss streng abgewogen und indiziert werden. Die Wahl des richtigen Zytostatikums hängt vom zeitlichen Abstand zur letzten Chemotherapie ab, am effektivsten sind platinhaltige Medikamente. Sind es weniger als sechs Monaten, so ist von einem platin-resistenten Rezidiv auszugehen. Damit ist eine erneute platinhaltige Chemotherapie nicht sinnvoll. Prognostisch ist diese Situation ungünstig. Ist das rezidivfreie Intervall größer als sechs Monaten, so nennt man dieses Rezidiv platin-sensitiv. In diesen Fällen ist eine erneute Gabe einer platinhaltigen Chemotherapie sinnvoll.

Mamma Mia!: In Studien konnte gezeigt werden, dass PARP-Inhibitoren einer Behandlung mit einer Chemotherapie überlegen sein können. Könnten Sie uns erklären, wann Sie einen PARP-Inhibitor der Chemotherapie vorziehen würden?

Prof. Dr. Joachim Rom: Zum jetzigen Zeitpunkt ersetzen die PARP-Inhibitoren noch keine Chemotherapie. Die Zulassung beschränkt sich momentan noch auf die Erhaltungstherapie nach einer Chemotherapie. Es existieren drei zugelassene PARP-Inhibitoren in der Therapie des Ovarialkarzinoms. Alle drei sind als Erhaltungstherapie zugelassen. Seit März 2019 ist einer dieser Inhibitoren jedoch auch als alleinige Therapie möglich. Die Zulassung besteht jedoch nur für die Rezidivsituation nach mindestens zwei vorherigen Chemotherapie mit einem platinhaltigen Medikament.

Mamma Mia!: Bei der sogenannten intraperitonealen Chemotherapie wird das Zytostatikum gleich im Anschluss an die chirurgische Entfernung des Tumors und seiner Absiedelungen direkt in den Bauchraum gegeben. Wie beurteilen Sie diese Behandlungsart?

Prof. Dr. Joachim Rom: Von der Theorie her ist diese Therapie sinnvoll. Allerdings hat dies bisher in Studien nicht funktioniert. Es gibt eine Reihe von Studien, welche keinen Vorteil der intraperitonealen Chemotherapie zeigen konnten. Zusätzlich waren die Nebenwirkungen sehr hoch und viele der Patientinnen konnten nach der Operation keine leitliniengetreue Therapie mehr erhalten. 2018 wurde die erste Studie veröffentlicht, welche einen Vorteil der hyperthermen intraperitonealen Chemotherapie gezeigt hat. Allerdings muss man dazu sagen, dass diese Patientinnen nicht gegen den üblichen Standard verglichen wurden und zusätzlich noch eine Chemotherapie erhalten haben (6 x CHT versus 6 x CHT + intraperitoneale CHT).

Mamma Mia!: Können Sie unseren Leserinnen Tipps geben, wie sie Nebenwirkungen der Chemotherapie vorbeugen können?

Prof. Dr. Joachim Rom: Wichtig ist eine ausgeglichene Ernährung. Problematisch sind immer die Extreme, daher sollten alle wichtigen Nahrungsmittelgruppen in den Speisen enthalten sein. Außerdem ist Bewegung wichtig. Es muss kein extremer Sport sein, aber man sollte mindestens einmal täglich einen Spaziergang machen. Auch wenn es schwer fällt, sollte man versuchen, positiv in die Chemotherapie zu gehen. Die Chemotherapie soll unseren Patientinnen helfen, den Tumor zu bekämpfen, auch wenn hierfür einiges investiert werden muss. Wichtig ist auch die Kommunikation mit den Ärzten. Jede Patientin sollte offen über die Probleme sprechen, so kann die unterstützende Therapie angepasst und verbessert werden.

Kontakt

Prof. Dr. med. Joachim Rom, MHBA
Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe
Klinikum Frankfurt Höchst





Checkliste: Wie kann ich mich selbst auf die Chemotherapie vorbereiten?

  • Gespräch suchen: Sprechen Sie mit den behandelnden ÄrztInnen über mögliche Nebenwirkungen und was Sie dagegen tun können: Wichtig: Jeder reagiert anders auf eine Chemotherapie, mitunter können die Nebenwirkungen sogar von Zyklus zu Zyklus variieren.
  • Zahngesundheit checken: Eine Chemotherapie kann die Mundschleimhaut schädigen. Erkrankte Zähne oder entzündetes Zahnfleisch sollten Sie vor einer Chemotherapie behandeln lassen, wenn die Zeit reicht.
  • Hygiene und Impfschutz: Eine Chemotherapie schwächt das Immunsystem und macht anfälliger für Infektionen. Halten Sie sich von Menschen fern, die mit Husten, Schnupfen und Heiserkeit um die Ecke kommen und waschen Sie häufiger gründlich die Hände. Lassen Sie Ihren Impfstatus überprüfen, vor allem zu Grippesaison. Auch alle anderen Impfungen sollten Sie checken lassen.
  • Alltagshilfe: Kümmern Sie sich rechtzeitig um Unterstützung im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung. Beratung bietet der Sozialdienst der Klinik.
  • Gesünder leben: Verzichten Sie auf Alkohol und Zigaretten, um den Körper nicht zusätzlich zu belasten.
  • Begleitung: Organisieren Sie für die Fahrt zur und von der Chemotherapie eine Transportmöglichkeit. Wenn Angehörige oder Freunde nicht können, können Sie sich vom Arzt einen Krankentransport verordnen lassen.
  • Unterhaltung: Die Behandlung kann einige Stunden dauern. Nehmen Sie sich etwas zu Lesen, Musik oder, falls erlaubt, eine Begleitperson mit.



Dieser Artikel ist erschienen in Mamma Mia! Das Eierstockkrebsmagazin – Ausgabe 04/2019. Sie möchten wissen, welche weiteren interessanten Neuigkeiten es rund um das Ovarialkarzinom sonst noch gibt? Das Magazin können Sie ganz einfach hier bestellen.

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