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Frauen­gesund­heit: Körper und Seele gehö­ren zu­sam­men

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Die Verdienste der modernen Krebsmedizin sind un­strittig, aber der Fortschritt hat auch seinen Preis: ­Frauen, die an Krebs erkranken, erleben den Medizinbetrieb manchmal als sehr technisch, und etwas mehr menschliche Zuwendung täte ihnen oft gut. Sie wünschen sich eine Medizin, die Körper und Seele als Ganzes sieht.

Wunsch nach ganzheitlicher Medizin

Jede schwere körperliche Erkrankung besitzt eine seelische Dimension und stellt eine große psychische Belastung dar. Krebsmediziner haben sich deshalb zum Ziel gesetzt, für alle Krebspatientinnen wohnortnah unterstützende psychoonkologische Angebote verfügbar zu machen. Zunehmend hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die moderne Medizin dem elementaren Wunsch vieler Patientinnen nach ganzheitlicher Betreuung Rechnung tragen sollte.

Warum war das bislang nicht selbstverständlich? Das hängt damit zusammen, dass Seele und Psyche mit naturwissenschaftlicher Methodik nur schwer zu erfassen sind. Die moderne Medizin ist eine exakte Wissenschaft, die auf rational fassbaren und schlüssig nachweisbaren Erkenntnissen fußt. Dies ist die Basis für wissenschaftlichen Fortschritt und hat die rasante medizinische Entwicklung der letzten Jahrzehnte überhaupt möglich gemacht. Allerdings birgt dieser Forschungsansatz auch ein gewisses Risiko: Phänomene, die sich einem rationalen Zugriff entziehen, werden möglicherweise ignoriert und bleiben unberücksichtigt.

Psyche und Immunsystem

Die biomedizinische Wissenschaft versucht, Messgrößen für psychische Phänomene zu finden, um so möglichen Verbindungen zwischen Körper und Seele auf die Spur zu kommen. Eine boomende Forschungsdisziplin ist die Psychoneuroimmunologie, die sich mit dem Einfluss der Psyche speziell auf das Immunsystem befasst.

Auch die Elimination von Krebszellen zählt zu den Aufgaben des Immunsystems. Immer mal wieder kommt es vor, dass sich einzelne Zellen plötzlich unkontrolliert vermehren. Solche entarteten Zellen werden normalerweise von der körpereigenen Abwehr aus dem Verkehr gezogen. Wieso es manchen Krebszellen gelingt, zu entwischen und sich zu einem größeren Tumor zu entwickeln, darüber sind die Erkenntnisse noch lückenhaft. Aber das komplexe Geschehen wird zunehmend besser verstanden. Zum Beispiel besitzen einige Krebszellen die Fähigkeit, sich zu tarnen: Sie maskieren die Erkennungsstrukturen auf ihrer Oberfläche und täuschen dem Immunsystem vor, sie seien ganz normale – harmlose – Körperzellen.

Es gibt keine Krebspersönlichkeit

Ob die Psyche auf die Abwehr von Krebszellen einen Einfluss hat, auch darüber weiß man noch wenig. Soviel allerdings steht fest: Der Mythos der Krebspersönlichkeit, der in vielen Köpfen herumgeistert, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Vor allem Frauen, die an Krebs erkranken, stellen sich diese Frage immer wieder: „Bin ich vielleicht selbst schuld daran, dass ich krank geworden bin?“ „Habe ich etwas falsch gemacht, was meine Erkrankung erklären kann?“ Die Antwort ist ein klares Nein! Krebs ist nicht psychisch bedingt. Es ist nicht belegt, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale für Krebs prädisponieren. Niemand erkrankt deshalb an Krebs, weil er ständig im Stress oder öfter mal deprimierter Stimmung ist.

Im individuellen Fall wird es niemals gelingen, das komplexe Geschehen der Tumorentstehung nachzuvollziehen und herauszufinden, welche Faktoren beteiligt waren. Auszuschließen ist es nicht, dass in dem ein oder anderen Fall auch psychische Faktoren eine Rolle gespielt haben. Viel sinnvoller ist es allerdings, nach vorne zu blicken. Die entscheidende Frage lautet: Inwieweit können ganzheitliche Konzepte, die auch die Psyche mit einbeziehen, Krebspatienten helfen, ihre Erkrankung psychisch – und vielleicht auch physisch – besser zu bewältigen?

Angst und Verzweiflung, Ohnmachtsgefühle und Stress sind ganz normale Reaktionen im Verlauf einer Krebserkrankung, und alle betroffenen Frauen haben damit zu kämpfen. Mit einem erfahrenen Psychoonkologen an der Seite lassen sich solche negativen Gefühle und Stimmungen aber überwinden oder doch zumindest „handeln“. Auch kann es betroffenen Frauen sehr viel bringen, wenn sie lernen, achtsamer mit Stress umzugehen. Statt immer alles gleich und gleichzeitig erledigen zu wollen, die Arbeit ruhig mal liegen lassen und einen schönen Spaziergang machen. Die Seele baumeln lassen, wie es sprichwörtlich heißt. Frauen, die sich öffnen für einen Prozess der Veränderung, sind im Nachhinein oft erstaunt, wie befreiend es sein kann, sich von altvertrauten Verhaltensweisen zu verabschieden und neue Wege zu gehen.

Erforschung des Zusammenspiels von Körper und Psyche

Und noch etwas kommt hinzu: Wenn es gelingt, einen konstruktiven Prozess der psychischen Krankheitsbewältigung anzustoßen, könnte das möglicherweise auch körperliche Auswirkungen haben. Das ist weit davon entfernt, bewiesen zu sein, aber es gibt doch psychoneuroimmunologische Studien, die in diese Richtung deuten. Eine psychische Befindlichkeit, die von Akzeptanz oder sogar Hoffnung geprägt ist, scheint sich auf den Immunstatus günstig auszuwirken und kann möglicherweise den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Es wurde wiederholt dokumentiert, dass eine psychoonkologische Intervention Auswirkungen auf das Immunsystem haben kann. Bei Brustkrebspatientinnen zum Beispiel wurden die Effekte des CBSM-Programms überprüft. Dabei handelt es sich um ein strukturiertes Stressmanagementprogramm, das den Patientinnen hilft, eigene Ressourcen zu nutzen, Gefühle auszudrücken und zu bewältigen sowie Konflikte konstruktiv anzugehen.

Bei Brustkrebspatientinnen, die an diesem Programm teilgenommen hatten, waren Effekte auf verschiedene Immunparameter festzustellen: Die Ausschüttung von Botenstoffen, mit deren Hilfe Immunzellen stimuliert werden, war erhöht, und es konnte für relevante Immunzellen – zum Beispiel natürliche Killerzellen – eine gesteigerte Teilungsaktivität nachgewiesen werden. Unklar ist, ob sich diese immunologischen Effekte in einer günstigeren Prognose niederschlagen. Es gibt Hinweise darauf, allerdings ist die Datenlage derzeit noch widersprüchlich.

Es besteht also weiterer Forschungsbedarf. Ein besseres Verständnis des Zusammenspiels von Körper und Psyche könnte die Behandlung von Krebserkrankungen bereichern. Es geht darum, mehr zu wissen über die physischen und psychischen Bedingungen, unter denen der Körper mit seinen zweifellos vorhandenen Selbstheilungskräften in optimaler Weise zu einem guten Krankheitsverlauf beitragen kann.

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