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Keine Angst vor ­Psycho­onko­logen

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Seelische Unterstützung tut gut

Dr. Anette Brechtel leitet die Psychoonkologische Ambulanz am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen am Universitätsklinikum Heidelberg. Sie berät und behandelt Krebspatientinnen und ihre Angehörigen in allen Phasen der Erkrankung. Auch in Forschung und Lehre ist Anette Brechtel engagiert.

Mamma Mia!: Werden psychoonkologische Angebote gut angenommen, oder müssen Sie häufig Widerstände und Ängste überwinden?

Dr. Anette Brechtel: Psychoonkologische Angebote werden zunehmend genutzt, und immer mehr Patientinnen äußern auch von sich aus den Wunsch nach Unterstützung. Wichtig ist, dass das Angebot zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. In der ersten Zeit nach der Diagnose stürzt so viel auf die Patientinnen ein, dass sie oft keinen Freiraum haben, psychoonkologische Angebote wahrzunehmen. Bei vielen Patientinnen ergibt sich der Bedarf dann aber im weiteren Verlauf.

Wichtig ist auch, den Patientinnen gleich zu Beginn zu vermitteln, dass es nichts Stigmatisierendes ist, in dieser schwierigen Lebenssituation psychologische Unterstützung einzuholen. Die Patientinnen müssen wissen, dass die psychoonkologischen Angebote sie entlasten und ihnen helfen, eigene Ressourcen zu aktivieren und ihre Lebensqualität zu verbessern.

Ängste abbauen und Selbstvertrauen stärken

Mamma Mia!: Wie können Patientinnen konkret von einer psychoonkologischen Begleitung profitieren?

Dr. Anette Brechtel: Zunächst ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass Wirksamkeit und Nutzen psychoonkologischer Interventionen wissenschaftlich nachgewiesen sind. Wie Studien zeigen konnten, werden Depressivität und Ängste reduziert, und das psychische Befinden sowie die Lebensqualität bessern sich.

Konkret können wir den Patientinnen ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Interventionen anbieten, die je nach den individuellen Bedürfnissen zum Einsatz kommen. Manchmal berichten Patientinnen bereits nach einem Termin, dass ihnen das Gespräch geholfen hat, Dinge für sich zu klären, Prioritäten neu zu sortieren und mehr Klarheit für die nächsten Schritte zu gewinnen. Manchmal hilft das Gespräch Patientinnen auch, sich zu vergewissern, dass sie auf dem richtigen Weg sind und stärkt ihre Zuversicht, die anstehenden Herausforderungen bewältigen zu können. Selbstvertrauen wird gestärkt, und es wächst das Gefühl, der Situation nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern sie kontrollieren zu können.

Der Umgang mit Ängsten und Sorgen lässt sich gezielt beeinflussen, wobei wir spezielle therapeutische Ansätze und Entspannungsverfahren anwenden. Die Patientinnen lernen, aus Grübelkreisläufen auszusteigen und Ruhe zu finden. Auch Gefühle der Freude werden so wieder möglich.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der achtsame Umgang mit persönlichen Bedürfnissen und Grenzen. Viele Patientinnen sind es gewohnt, zu funktionieren, und haben Schwierigkeiten, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. In einer psychoonkologischen Behandlung können Patienten lernen, achtsamer mit sich selbst umzugehen. Also: Wann ist mir nach Rückzug? Wann wünsche ich mir Trost und Zuwendung? Wann brauche ich ein Gespräch? Im zweiten Schritt geht es dann darum, diese Bedürfnisse auch umzusetzen und zu kommunizieren.

Mamma Mia!: Krankheitsbewältigung ist ein sehr individueller Prozess. Wie finden Sie heraus, was einer Patientin gut tun könnte?

Dr. Anette Brechtel: Man könnte sagen, wir begeben uns mit unseren Patientinnen auf eine Entdeckungsreise. Wir untersuchen gemeinsam, welche Strategien in der Vergangenheit hilfreich waren und was davon auch aktuell hilfreich sein könnte. Oft lassen sich in Vergessenheit geratene Ressourcen reaktivieren. Für andere Patientinnen ist es wichtig, Neues zu entdecken: neue Strategien, neue Aktivitäten, neue Interessen. Als Psychoonkologen verstehen wir uns als Begleiter auf einem Weg, den die Patientin vorgibt und auf dem sie Tempo und Gangart bestimmt.

Mamma Mia!: Gibt es Belege dafür, dass eine psychoonkologische Begleitung auch günstige körperliche Auswirkungen haben kann?

Dr. Anette Brechtel: Da Psyche und Körper nicht voneinander zu trennen sind, hat eine psychoonkologische Behandlung auch körperliche Auswirkungen. Wenn die Patientin wieder zu mehr Entspannung und Ruhe findet, verbessert sich meist auch der Schlaf, muskuläre Verspannungen lösen sich, und das allgemeine Körpergefühl wird günstig beeinflusst. Eine Reduktion von Ängsten und depressiven Symptomen macht sich auch auf der Verhaltensebene bemerkbar: Patientinnen fühlen sich handlungsfähiger und nehmen wieder aktiver am Leben teil. Und im Zusammenhang mit einer Chemotherapie hat eine Stabilisierung der Psyche den Effekt, dass Patienten unter weniger Nebenwirkungen leiden.

Schmerzspirale durchbrechen

Mamma Mia!: Ein wichtiger Aspekt ist der Einfluss der Psyche auf das Schmerzempfinden: Wie hängt das zusammen, und was lässt sich in dieser Hinsicht therapeutisch erreichen?

Dr. Anette Brechtel: Schmerz und Psyche sind eng miteinander verwoben. Wut, Trauer, Verzweiflung, Angst und Depression können das Schmerzempfinden ungünstig beeinflussen und außerdem zu schmerzverstärkenden körperlichen Reaktionen wie Muskelverspannungen führen.

Von zentraler Bedeutung ist die Frage, wie die betroffene Patientin ihre Schmerzen bewertet beziehungsweise was sie damit assoziiert. Die Angst vor Schmerzen kann körperliche Schmerzsignale verstärken, so dass die Patientinnen in einen Teufelskreis aus Angst und Schmerz geraten. Doch es ist möglich, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Patientinnen können lernen, Körpersignale und die damit verbundenen Gefühle besser wahrzunehmen. Mit Hilfe von Entspannungsübungen lässt sich das Schmerzempfinden beeinflussen, aber auch kunsttherapeutische Ansätze wie Mal- und Musiktherapie können hilfreich sein. Zum einen stabilisieren die Übungen beziehungsweise kreativen Tätigkeiten das vegetative Nervensystem, sie reduzieren den Muskeltonus bei Verspannungen und regulieren Herzfrequenz, Blutdruck und Atemfrequenz. Zum anderen finden aber auch Veränderungen auf der emotionalen Ebene statt: Ängste werden abgebaut, und Gefühle des Kontrollverlusts und der Abhängigkeit werden reduziert.

Einen qualifizierten Psychoonkologen finden

Mamma Mia!: Wie finden Krebspatientinnen einen qualifizierten Psychoonkologen?

Dr. Anette Brechtel: Qualifizierte Psychoonkologen sind Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter oder Pädagogen mit einer von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Weiterbildung, die sie zur Beratung und Behandlung von Krebspatientinnen befähigt. In zertifizierten onkologischen Zentren ist eine qualifizierte psychoonkologische Unterstützung sichergestellt, und dasselbe gilt für onkologische Rehabilitationskliniken und regionale Krebsberatungsstellen. Aber auch unter den ambulanten Psychotherapeuten/innen gibt es Kollegen und Kolleginnen, die eine solche Weiterbildung absolviert haben. Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums bietet Patientinnen die Möglichkeit, einen qualifizierten ambulanten Psychoonkologen in Wohnortnähe zu finden unter http://www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/adressen/psychoonkologen.php.

Mamma Mia!: Werden die Kosten für die psychoonkologische Behandlung von den Krankenkassen erstattet?

Dr. Anette Brechtel: Im Rahmen eines stationären Krankenhausaufenthaltes oder der stationären Rehabilitation werden die Kosten für die psychoonkologische Behandlung durch den jeweiligen Kostenträger abgedeckt. Für die ambulante Versorgung bieten regionale Krebsberatungsstellen, zum Beispiel der Deutschen Krebsgesellschaft, psychoonkologische Beratung und Behandlung an. Die Beratung ist in der Regel frei zugänglich und kostenlos, einzelne Anbieter erheben einen geringfügigen Kostenbeitrag. Über den folgenden Link des Krebsinformationsdienstes finden Patientinnen Beratungsstellen in ihrer Nähe: hwww.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/adressen/krebsberatungsstellen.php.

Eine längerfristige ambulante psychoonkologische Behandlung ist erstattungsfähig im Rahmen der ambulanten Psychotherapie. Grundsätzlich übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine Psychotherapie nur bei anerkannten Richtlinienverfahren wie Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder analytische Psychotherapie. Auch wird in der Regel eine Kassenzulassung des Therapeuten gefordert, aber Ausnahmen sind möglich, zum Beispiel, wenn die Patientin keinen entsprechenden Therapieplatz findet. Grundsätzlich empfiehlt es sich, die Kostenübernahme rechtzeitig mit dem Therapeuten und der Krankenkasse abzuklären.


Dr. sc. hum. Anette BrechtelDr. sc. hum. Anette Brechtel
Dipl.-Psychologin
Leitung der Psychoonkologischen Ambulanz am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 460
69120 Heidelberg
Tel.: +49 (0)6221 564927
Fax: +49 (0)6221 565250
E-Mail

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