zurück zur Übersicht

Nachsorge

  • -
Print Friendly, PDF & Email

Aktuelle Empfehlungen im Überblick

Nachsorgeuntersuchungen stellen häufig eine große Belastung für Frauen mit Eierstockkrebs dar. Die Angst, dass die behandelnden Ärzte wieder etwas finden, ist schon Tage vor der Untersuchung ständiger Begleiter. Nach der Untersuchung fällt der Stress ab, und viele Frauen fragen sich, ob die Kontrolluntersuchung umfassend genug war, um ein Wiederauftreten der Krankheit ausschließen zu können. Mamma Mia! sprach mit Prof. Dr. Felix Hilpert vom Krankenhaus Jerusalem in Hamburg über die aktuellen Nachsorgeempfehlungen.

Mamma Mia!: Herr Prof. Hilpert, könnten Sie uns den Inhalt der Nachsorgeleitlinie Eierstockkrebs kurz skizzieren?

Prof. Dr. Felix Hilpert: Die aktualisierten Leitlinien zur Nachsorge betonen vor allem die Individualisierung der Bedürfnisse: Dazu zählt die Erkennung und Behandlung nachhaltiger Nebenwirkungen, Hilfe bei und Vermittlung von Reha-Angeboten, die Betreuung psychomentaler Veränderungen, häufig von Ängsten, berufliche und soziale Reintegration… Und natürlich auch die Erkennung eines Rezidivs, also eines Wiederauftretens der Erkrankung. Vordergründig ist aber vor allem die Verbesserung der Lebensqualität bei einer Erkrankung, die trotz intensiver Operation und medikamentöser Therapie oft nicht heilbar ist.

Mamma Mia!: Was ist Ihnen persönlich bei einem Nachsorgetermin am wichtigsten?

Prof. Dr. Felix Hilpert: Grundsätzlich immer zuerst der persönliche Kontakt zu einer Patientin, mit der ich ja viele schwierige und für die Patientin weitreichende Entscheidungen gemeinsam getroffen habe. Wie hat sie das überstanden, insbesondere psychomental, welche körperlichen Beschwerden von der vorangegangenen Therapie plagen sie noch? Wie hat sie sich in ihr persönliches und soziales Umfeld wieder einfügen können? Und natürlich auch die Frage, gibt es klinische Anzeichen dafür, dass der Krebs wieder Macht gewinnt und der Patientin Symptome macht.

Mamma Mia!: In welchen Abständen sollten die Untersuchungen stattfinden?

Prof. Dr. Felix Hilpert: Die Zahlen „drei“ und „sechs“ haben ja in der Medizin eine unglaubliche Verbreitung bei der Wahl von Zeitintervallen, lassen Sie es die Zyklusintervalle oder Zyklenanzahl von Chemotherapien oder aber die gebräuchlichen Nachsorgeintervalle in Monaten bei vielen Krebsarten sein. Es gibt für eine streng zeitlich organisierte Nachsorge alle drei bis sechs Monate letztlich keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse, wird aber häufig empfohlen. Laut Leitlinie sollte die Nachsorge regelmäßig erfolgen und sich nach den individuellen Bedürfnissen der Patientin richten. Das kann bedeuten, dass die sehr ängstliche Patientin zum Beispiel auch alle zwei Monate zur Nachsorge kommt, die andere hingegen, die Abstand zu dem Erlebten gewinnen will, nur alle sechs Monate die Nachsorge wahrnimmt.

Mamma Mia!: Betroffene Frauen hoffen bei den Nachsorgeuntersuchungen natürlich auf Entwarnung. Kann die Bestimmung des Tumormarkers Sicherheit vermitteln?

Prof. Dr. Felix Hilpert: Ohne Frage kann die Bestimmung des Tumormarker CA125 im Normbereich Entwarnung geben, zumindest in vielen, aber nicht allen Fällen, und Sicherheit vermitteln. Aber so einfach ist das nicht… Wie soll ich sagen: An einem Feuer kann man sich wärmen, aber auch verbrennen. Stellen Sie sich vor: Der Tumormarker steigt innerhalb des Normbereichs von Nachsorgetermin zu Nachsorgetermin und steigt schließlich darüber hinaus, dabei bleibt die Patientin aber symptomfrei, fühlt sich eigentlich wohl. Eine bildgebende Untersuchung mit beispielsweise CT zeigt in diesen Fällen aber nicht immer das Rezidiv. Ein riesen Dilemma, das mit langfristigen und schweren Ängsten bei der Patientin einhergeht. Wir wissen heute, dass eine alleine auf einer Erhöhung des Tumormarkers basierende Therapie keinen Überlebensvorteil mit sich bringt, die Patientinnen aber therapiefreie Zeit haben und es früher zu einer nachhaltigen Verschlechterung der Lebensqualität kommt. In anderen Worten: Wenn man nur aufgrund eines erhöhten Tumormarkers eine Therapie beginnt, schadet man der Patientin.

Mamma Mia!: Welche bildgebenden Untersuchungen führen Sie bei Ihren Patientinnen in der Nachsorge regelmäßig durch?

Prof. Dr. Felix Hilpert: Jetzt sind Sie schon zu weit gesprungen! Die sorgfältige Befragung nach Symptomen, zum Beispiel Schmerzen im Bauch, Atemnot, et cetera, ist das Rückgrat der Nachsorge, nicht das PET-CT. An zweiter Stelle die sorgfältige klinische Untersuchung mit Abtasten des Bauchs und anderer Körperregionen, gefolgt von einer gynäkologischen Untersuchung. Erst dann kommt mit dem Vaginalultraschall die erste und wichtigste bildgebende Untersuchung, und zwar nicht, weil sie so akkurat, sondern weil sie weit verbreitet und für die Patientinnen wenig belastend ist. Ergeben sich im Rahmen einer solch strukturierten und sorgfältig durchgeführten Nachsorgeuntersuchung keine Hinweise für ein Rezidiv, so sind auch keine weiteren bildgebenden Verfahren notwendig. Die Leitlinie ist da auch eindeutig: Eine routinemäßige apparative Diagnostik und Markerbestimmung soll bei symptomfreier Patientin nicht durchgeführt werden.

Das ändert sich natürlich schlagartig im Falle von neuen und auffälligen Symptomen: Dann kann das volle Arsenal bildgebender Untersuchungsverfahren von MRT, CT und PET-CT und gegebenenfalls anderen abgerufen werden.

Mamma Mia!: Das Argument gegen eine ausgedehnte Apparatediagnostik ist, dass das Leben durch eine frühere Entdeckung eines Rezidivs nicht verlängert werden kann. Stimmt das angesichts neuer Therapieoptionen? Und würde eine ausgedehnte Bildgebung den Patientinnen nicht doch zusätzliche Sicherheit vermitteln?

Prof. Dr. Felix Hilpert: Aktuell sehe ich das noch nicht. Bislang ist es zumindest im Hinblick auf medikamentöse Therapien, auch auf die neuen Optionen, so: Wenn eine Therapie beim Rezidiv wirkt, dann wirkt sie unabhängig von der Tumorlast.

Es gibt eine Einschränkung, die sich abzeichnen könnte, wenn wir denn die Ergebnisse der AGO-DESKTOP 3-Studie bekommen, die den Stellenwert der Rezidivoperation bei Patientinnen mit langem therapiefreiem Intervall untersucht. Sollte sich in dieser Studie zeigen, dass solche Patientinnen von einer erneuten kompletten Entfernung des Rezidivs profitieren, könnte es bei einigen Patientinnen sinnvoll sein, das Rezidiv früh zu erkennen, um die Operabilität zu verbessern. Zur Frage des sicheren Gefühls: Auch in der Bildgebung gibt es häufig unsichere Befunde, zum Beispiel narbige Veränderungen nach ausgedehnten Operationen. Das kann richtig nach hinten losgehen mit dem Sicherheitsgefühl. Insofern: Bei symp­tomfreier Patientin ist kein Zugewinn zu erwarten, eher Verunsicherung.

Mamma Mia!: Was würden Sie einer Frau raten, die schon Tage vor der nächsten Untersuchung aus Angst schlaflose Nächte hat?

Prof. Dr. Felix Hilpert: Nahezu jede Frau, die mit den gemachten Erfahrungen und der Diagnose Eierstockkrebs lebt, hat Ängste davor, erneut die Nebenwirkungen und Krankenhausaufenthalte einer Rezidivtherapie zu erleiden und… ja, an dieser Erkrankung zu sterben. Diese Ängste kann man auch als betreuender Arzt nicht nehmen, aber doch ordnen. Meinen Patientinnen sage ich immer: Wenn es Ihnen gut geht, dann geht es Ihnen auch gut und der Krebs ist nicht zurück. Wenn Sie Symptome oder Probleme haben, dann kommen sie sofort zu mir, auch außerhalb der regelmäßigen Nachsorge, und wir finden eine Antwort auf das ob, wo und was jetzt. Wenn diese Einsicht gewinnt, muss die Patientin keine Angst vor einem regulären Termin haben, weiß aber, dass im Falle von Symptomen alles sofort getan wird. Das kann Sicherheit verleihen und vieles erträglicher machen.


Prof. Dr. Felix Hilpert

Prof. Dr. Felix Hilpert
Mammazentrum am Krankenhaus Jerusalem
Moorkamp 2–6
20357 Hamburg
Tel.: +49 (0)40 44190-550
Fax: +49 (0)40 44190-554
E-Mail
www.mammazentrum-hamburg.de

 

zurück zur Übersicht