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Thera­pie­optio­nen bei Pri­märem Eier­stock­krebs

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Nach dem ersten Schock der Diagnose „Eierstockkrebs“ sehen sich betroffene Frauen mit einer Vielzahl von Fragen konfrontiert. Die drängendste dieser Fragen lautet: Welche Therapieoptionen gibt es für mich?

Bei der Behandlung des Ovarialkarzinoms und verwandter Krebsarten wie Eileiter- und Bauchfellkarzinom hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Mehr und mehr rückt die Vision einer Behandlung, die auf die individuelle Krebserkrankung zugeschnitten ist, in den Bereich des Möglichen. Für die Therapieauswahl sind unter anderem Gewebeeigenschaften des individuellen Tumors sowie dessen genetische Ausstattung relevant.

Mediziner sprechen in diesem Zusammenhang auch von personalisierter beziehungsweise stratifizierter Medizin. Stratifizierung heißt: Man sucht im großen Kollektiv von Patientinnen mit Ovarialkarzinom nach Untergruppen mit bestimmten prognostisch relevanten Merkmalen und behandelt diese Gruppen dann spezifisch nach ihrem jeweiligen Risiko. Also: Patientinnen, deren Tumoren Zeichen eines aggressiven Wachstums zeigen, würden zum Beispiel anders behandelt als Patientinnen, deren Tumoren diese Merkmale nicht aufweisen.

Ein weiterer Aspekt, der zunehmend in den Blickwinkel rückt, ist die Ganzheitlichkeit der Therapie: Moderne Krebstherapie ist mehr Anti-Tumortherapie. Diese wird von weiteren Maßnahmen flankiert, die darauf abzielen, die Lebensqualität der erkrankten Frauen zu optimieren.

Als primäres Ovarialkarzinom wird das erstmalige Auftreten des Tumors bezeichnet – im Unterschied zum Rezidiv, also dem erneuten Auftreten des Tumors nach zunächst erfolgreicher Therapie. Entscheidend für die Therapieplanung beim primären Ovarialkarzinom ist in erster Linie das Krankheitsstadium. Leider wird das Ovarialkarzinom häufig erst relativ spät entdeckt, so dass sich der Tumor bei vielen Patientinnen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose bereits ausgebreitet hat. Das hat vor allem zwei Gründe: Eierstockkrebs entwickelt sich lange schleichend, ohne Beschwerden zu verursachen, und andererseits steht bislang kein diagnostisches Verfahren zur Verfügung, das für ein Vorsorge-Screening geeignet wäre.

Wie werden Frühstadien behandelt?

Eine Diagnose in Frühstadien erfolgt beim Eierstockkrebs bei rund 30 Prozent der betroffenen Frauen. In diesen Fällen ist die Tumorerkrankung noch auf den Eierstock beziehungsweise das kleine Becken begrenzt und erfüllt damit die Kriterien der Stadien I bis IIa nach der internationalen FIGO-Klassifikation. Bei optimaler Primärtherapie ist die Prognose in diesen Frühstadien gut, und es bestehen realistische Heilungschancen. Die Fünf-Jahres-Überlebensraten werden mit bis zu 95 Prozent angegeben.

Was heißt optimale Primärtherapie? Die Behandlung des primären Ovarialkarzinoms steht auf zwei Säulen: Zunächst wird der Tumor operativ entfernt, anschließend erfolgt eine Chemotherapie, um eventuell im Körper verbliebene Krebszellen zu zerstören. Nur in ganz frühen Stadien kann eventuell auf eine Chemotherapie verzichtet werden.

Das Operationsergebnis ist für die Prognose von entscheidender Bedeutung. Das Ziel muss immer die vollständige Entfernung aller im Bauchraum vorhandenen Tumorherde sein. Viele Ovarialkarzinome weisen eine besondere Form des Wachstums auf, indem sie bereits sehr früh einzelne Zellen oder kleinere Zellverbände aussiedeln, die dann an anderer Stelle im kleinen Becken und später im gesamten Bauchraum zu Tumoren heranwachsen. Gelingt es, alle sichtbaren Tumorherde chirurgisch zu entfernen, sind damit die bestmöglichen Voraussetzungen für eine langfristig erfolgreiche Bekämpfung der Krebserkrankung geschaffen. Gelingt dies nicht, verschlechtern sich die Aussichten deutlich. Deshalb sollten Frauen mit Eierstockkrebs bei der Auswahl des Operateurs sehr wählerisch sein und größten Wert auf dessen Qualifikation und Erfahrung legen.

Auch bei optimalem Operationsergebnis wird anschließend eine Chemotherapie durchgeführt, um auf Nummer sicher zu gehen. Es soll natürlich keine einzige Krebszelle im Körper verbleiben. Als Zytostatika der ersten Wahl kommen beim Ovarialkarzinom Platinverbindungen wie Carboplatin zum Einsatz, die in Frühstadien als Monotherapie (Therapie mit einer einzigen Wirksubstanz) gegeben werden. Die aktuellen Leitlinien sehen insgesamt sechs Zyklen vor, das heißt, das Zytostatikum wird in Abständen sechsmal verabreicht.

Wie werden fortgeschrittene Stadien behandelt?

Ist die Eierstockkrebs-Erkrankung zum Zeitpunkt der Erstdiagnose bereits weiter fortgeschritten (FIGO-Stadien IIb bis IV), sind die Therapieprinzipien grundsätzlich dieselben wie in frühen Stadien: also OP plus Chemotherapie. Allerdings wird die Schlagkraft der Chemotherapie durch Kombination mehrerer Zytostatika gesteigert.

An erster Stelle steht auch in der fortgeschrittenen Situation eine möglichst komplette chirurgische Entfernung der Tumorherde. Diese ist natürlich umso schwieriger, je mehr Absiedelungen der Tumor im Bauchraum gebildet hat. Entsprechendes Können des Chirurgen vorausgesetzt, ist aber durchaus auch in fortgeschrittenen Stadien ein optimales Operationsergebnis möglich. Je nach Organbefall können dazu allerdings sehr ausgedehnte chirurgische Eingriffe erforderlich sein.

Bei der anschließenden Chemotherapie werden in der Regel Caroboplatin und Taxol miteinander kombiniert. Fortgeschrittene Ovarialkarzinome sprechen meist gut auf eine Kombination dieser beiden Zytostatika mit unterschiedlichen Wirkmechanismen an. Auch hier sind sechs Therapiezyklen der Standard.

Zielgerichtete Krebstherapie

Neben klassischen Zytostatika wird heute zur Behandlung des primären Eierstockkrebs auch ein neuartiges Krebsmedikament eingesetzt: der Angiogenese-Hemmer Bevacizumab. Dabei handelt es sich um eine zielgerichtete Krebstherapie: Bevacizumab unterbindet die Neubildung von Blutgefäßen und schneidet Krebszellen so von der Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen ab – ein empfindlicher Schlag, denn Krebszellen haben als hochaktive Zellen einen besonders hohen Versorgungsbedarf. Der Angiogenese-Hemmer Bevacizumab kommt bei primärem Eierstockkrebs in Kombination mit Zytostatika eventuell als Erstlinientherapie zum Einsatz. Die Entscheidung, ob beziehungsweise wann Bevacizumab hinzugenommen wird, trifft der behandelnde Arzt je nach den individuellen Gegebenheiten.

Flankierende Maßnahmen

Vielen Patientinnen ist es wichtig, nicht nur eine Anti-Tumor-Therapie zu erhalten, sondern ganzheitlich behandelt zu werden. Diesem Wunsch wird die moderne Krebsmedizin mehr und mehr gerecht. Das Ziel ist, die Lebensqualität der Patientinnen zu erhalten beziehungsweise bestmöglich wieder herzustellen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Minimierung von Nebenwirkungen der erforderlichen Therapien. Viele Nebenwirkungen lassen sich durch entsprechende Begleitmaßnahmen abmildern oder sogar ganz verhindern. Auch die gezielte Stärkung des körperlichen Allgemeinzustands sowie des Immunsystems gehören zum ganzheitlichen Behandlungskonzept. Und nicht zu vergessen: die psychoonkologische Begleitung. Krebs ist eine existenzielle Bedrohung und stellt die psychische Belastbarkeit auf eine harte Probe. Da kann es sehr hilfreich sein, auf dem Weg der individuellen Krankheitsbewältigung einen professionellen Begleiter an der Seite zu haben.

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