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Unheil­bar krank

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Es gibt immer Hoffnung

Metastasen: davor haben wir alle Angst. Denn sie signalisieren, dass die Krankheit unheilbar geworden ist, Ausnahmen gibt es nur wenige. Dennoch ist die Diagnose „Metastasen“ nicht zwangsläufig ein Todesurteil. Frauen können auch mit Metastasen viele Jahre leben. Sie reißt den Betroffenen jedoch abermals den Boden unter den Füßen weg. Die „zweite Runde“ beginnt. Eine Runde, die nicht immer positiv verläuft. Wie können sich Frauen auf diese neue Situation einstellen? Wie können Freunde und Verwandte helfen? Mamma Mia! sprach mit der Pfarrerin Hanna Kreisel-Liebermann aus Hannover, die seit vielen Jahren Schwerkranke und deren Familien begleitet.

Mamma Mia!: Die Diagnose „metastasierter Brustkrebs“ zeigt den Übergang von einem noch heilbaren zu einem chronischen Stadium der Brustkrebserkrankung an. Wie nehmen Patientinnen Ihrer Erfahrung nach diese Nachricht auf?

Hanna Kreisel-Liebermann: Für jede Frau ist die Diagnose schockierend. Nach meiner Erfahrung ist es wie ein erneuter tiefer Einschnitt in das Lebensgefühl: die Zeit vor der Diagnose und die Zeit danach. Viele Frauen haben mir erzählt, dass ihre erste stille oder ausgesprochene Reaktion war: „Da liegt eine Verwechslung vor. Ich kann nicht gemeint sein.“ Nach und nach äußern betroffene Frauen sehr individuelle und zugleich typische Gefühle: Wut, Zorn, Trauer, Verzweiflung und Anklage. Mir gegenüber haben manche Frauen auch Selbstbeschuldigungen ausgesprochen, bis dahin: „Ich habe nicht gut genug für mich gesorgt“. Etliche fragten sich und mich: „Wofür werde ich mit dieser Krankheit bestraft?“

Mamma Mia!: Was empfehlen Sie den Betroffenen?

Hanna Kreisel-Liebermann: Den Gefühlen Raum zu lassen und sich Hilfe und Beratung zu suchen – nicht nur bei Freundinnen und der Familie, sondern auch bei erfahrenen Beraterinnen oder Seelsorgerinnen. In nahezu jedem Krankenhaus arbeiten beispielsweise gut ausgebildete evangelische und katholische Krankenhaus-Seelsorger und Seelsorgerinnen. Und: Scheuen Sie sich nicht, die behandelnden Ärzte und Ärztinnen zu befragen. Denn im ersten Moment der Diagnosestellung ist es schwer, die Details zu hören und vor allem zu behalten.

Mamma Mia!: Wie können Angehörige und Freunde helfen?

Hanna Kreisel-Liebermann: Optimal ist es, wenn sie miteinander über ihre jeweiligen Gefühle und Ängste sprechen können. Häufig versuchen Angehörige zu funktionieren und der Erkrankten alles recht zu machen. Damit bringen sie sich um die gemeinsame Erfahrung, sich neu zu orientieren und dabei möglicherweise die Empfindungen füreinander zu vertiefen. Hilfreich ist es, wenn Freunde und Freundinnen sich Zeit nehmen: Zeit für Besuche und Unternehmungen oder einfach zum Zuhören – und dabei Rat„schläge“ unterlassen. Manch gut gemeinter Aufmunterer wie „Das wird schon wieder“ beruhigt eher denjenigen, der dies sagt, als die Kranke.

Mamma Mia!: Wenn sich Metastasen weiter im Körper ausbreiten, tritt irgendwann ein Stadium ein, das Ärzte als „austherapiert“ bezeichnen. Es gibt nur noch wenig Hoffnung für die Betroffenen. Was nun?

Hanna Kreisel-Liebermann: Hoffnung gibt es immer, allerdings ist die Frage: Woraufhin? Eine Lebensverlängerung – zum Beispiel durch künstliche Ernährung – ist nicht unbedingt mit Lebensqualität gleichzusetzen. Dank der Hospizbewegung und Palliativtherapie ist es möglich, auch die letzte Lebensphase so zu gestalten, dass sie (fast) schmerzfrei und annähernd frei von belastenden Symptomen sein kann. Wenn die Rahmenbedingungen so sind, dass die Schwerstkranke sich getragen und ummantelt (von pallium=Mantel) fühlt, lässt sich die Zeit so gestalten, dass viel Raum für Abschied, aber auch für Lebensfreude, Genuss und Intensität bleibt.

Mamma Mia!: Wer kann in dieser Situation wie helfen?

Hanna Kreisel-Liebermann: Ambulante und stationäre Hospize helfen durch ehrenamtliche und pflegerische Betreuung und Begleitung, mit praktischer sowie fürsorglicher beziehungsweise psychologischer Hilfe. Seelsorgerinnen durch Gespräche und spirituelle Angebote (Gottesdienst, Gebet, Abendmahl). Angehörige können durch ambulante und stationäre Hospize und Palliativstationen entlastet werden, effektive Schmerztherapie und Symptomlinderung bieten gut ausgebildete und erfahrene Mediziner. Außerdem sind Freundinnen und Freunde wichtig, die zugewandt, einfühlsam und phantasievoll sind und zum Beispiel den Wunsch erfüllen, zu einem Konzert zu gehen, noch einmal im eigenen Garten einen Sommerabend zu verbringen oder ähnliches. Und: Diakonie/Caritas und Kirchengemeinden bieten ein sehr effektives und kommunikatives Netzwerk, das noch zu wenig genutzt wird – von Gruppen über Besuchsdienst und Beratung bis hin zu finanzieller Hilfe.

Mamma Mia!: Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um die Versorgungslage Schwerstkranker in Deutschland zu verbessern?

Hanna Kreisel-Liebermann: Flächendeckend müssten – vor allem in den ländlichen Regionen – ambulante und stationäre Hospize eingerichtet und die Kosten von den Kranken- oder Pflegekassen übernommen werden. Und, was schon begonnen hat, unser Umgang mit Kranken, Schwerstkranken und Sterbenden muss so sein, dass wir sie wertschätzen, ihre Würde achten und ihre Wünsche erfüllen. Das bedeutet auch, dass die Therapeuten den Tod akzeptieren müssen und nicht – wie oft in der Medizin üblich – als ihr Versagen deuten. Zudem ist es notwendig, dass in der medizinischen Ausbildung Schmerztherapie und Symptomlinderung ein fester Bestandteil ist, denn oft ist es mangelnde Kenntnis oder Erfahrung, die Schwerstkranke leiden lässt. Ich halte es auch für wichtig, dass der seelsorgerlichen und spirituellen Begleitung konfessions- und religionsübergreifend Raum und Zeit gewährt wird – und in Krankenhäusern dafür die Ressourcen eingeplant werden. Es sollte ein Recht sein, die Angst vor dem Sterben und dem Tod bearbeiten und sich auf das eigene Ende vorbereiten zu können. Ganz besonders schwierig ist, das ist ja bekannt, die Situation in Pflegeheimen. Auch hier müssen die hospizlichen Konzepte realisiert werden.

Mamma Mia!: Gibt es etwas, das Sie unseren Leserinnen und Lesern ans Herz legen möchten?

Hanna Kreisel-Liebermann: Lassen Sie sich von Ihrer Intuition leiten, was Ihnen gut tut. Für mich war die Begleitung einer Frau aus Nordafrika sehr lehrreich und beeindruckend: Sie war als Schwerstkranke die Prinzessin oder Königin, um die sich alles drehte. Sie litt laut und genoss alle Zuwendung, die ihr gegeben wurde. Sie nahm sie selbstverständlich an und war dankbar, auch für die seelsorgerliche Begleitung, aber sie bestimmte, wer wann für sie richtig war. Ein wenig mehr davon täte uns preußisch-deutsch geprägten Frauen sicher gut. Und lesen Sie ruhig mal Psalmgebete. Manche sind darunter, die treffen ganz genau in die Gefühlslage Kranker.


Hanna Kreisel-LiebermannHanna Kreisel-Liebermann
Pastorin der Evangelisch-lutherischen Marktkirche St. Georgii et Jacobi
Hanns-Lilje-Platz 2
30159 Hannover
Tel.: +49 (0)511 1692294
E-Mail
www.marktkirche-hannover.de

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