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Welchen Stellen­wert haben Angio­genese-Hemmer?

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Prof. Dr. med. Jalid Sehouli ist Direktor der Klinik für ­Gynäkologie der Charité am Campus Virchow-Klinikum Berlin und Campus Benjamin Franklin sowie Leiter des Europäischen Kompetenzzentrums Eierstockkrebs (EKZE). Im folgenden Interview erläutert Prof. ­Sehouli den Stellenwert von Angiogenese-Hemmern bei Eier­stockkrebs.

Mamma Mia!: Inwieweit haben Angiogenese-­Hemmer die Therapiemöglichkeiten bei Eierstockkrebs verbessert?

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli: Bei den meisten Frauen mit Eierstockkrebs ist die Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose bereits fortgeschritten, und wir finden im Bauchraum eine Vielzahl – manchmal mehrere hundert – Tumorknoten. Zwar sind wir heute oft in der Lage, auch in fortgeschrittenen Stadien durch Einsatz komplizierter und aufwendiger Operationstechniken meist alle Tumorknoten zu entfernen, aber bei vielen Patientinnen kommt es trotz erfolgreicher Operation und anschließender Chemotherapie nach zwei, drei Jahren zu einem erneuten Tumorwachstum, also einem Rezidiv.

Mit so genannten Angiogenese-Hemmern, die zusätzlich zur Standard-Chemotherapie gegeben werden, erzielen wir bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs höhere Ansprechraten als mit der Chemotherapie allein. Der Zugewinn liegt um etwa 20 Prozent. Wir können also unter Hinzunahme eines Angiogenese-Hemmers häufiger eine Tumorfreiheit bzw. eine deutliche Verkleinerung der Tumormasse (Remission) erreichen.

Der zweite Punkt ist: Mit dem Angiogenese-Hemmer können wir die rezidiv- bzw. progressionsfreie Zeit deutlich verlängern. Das heißt, es vergeht mehr Zeit, bis der Tumor wieder kommt oder weiter wächst. Auch das konnte in Studien nachgewiesen werden. Im Unterschied zu Zytostatika wird der Angiogenese-Hemmer dabei auf Dauer alle drei Wochen als Infusion gegeben – wir nennen das Erhaltungstherapie. Also: Die Ansprechrate lässt sich durch den Angiogenese-Hemmer erhöhen, und das durchschnittliche progressionsfreie Intervall wird länger. Das können wir den Patientinnen im Moment sagen. Was man nicht bisher beweisen konnte, ist eine Verlängerung der Überlebenszeit. Vielleicht haben wir das Medikament aber bisher nicht lange genug gegeben, um einen Überlebensvorteil aufzeigen zu können. Das müssen wir noch weiter erforschen. Die Ergebnisse einer deutschen Studie werden in einigen wenigen Jahren erwartet.

So wirken Angiogenese-Hemmer

Mamma Mia!: Wie genau wirken Angiogenese-Hemmer?

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli: Krebszellen können durch Aussendung von Wachstumssignalen die Aussprossung neuer Blutgefäße bewirken, die sich an vorhandene Gefäße anschließen. Diese Blutgefäße sind – so könnte man sagen – illegale Zapfsäulen, über die sich der Tumor mit Energie und Nährstoffen versorgt. Sie sind zwar nicht so stabil wie andere Blutgefäße, aber sie erfüllen ihren Zweck, den Tumor zu ernähren.

Angiogenese-Hemmer blockieren die Bildung tumor-induzierter Blutgefäße, indem sie die freigesetzten Wachstumsfaktoren abfangen. Der Krebs wird also von der Blutversorgung abgeschnitten und sozusagen ausgehungert. Auch einer Ansammlung von Wasser im Bauchraum, die für Eierstockkrebs typisch ist, kann man durch Angiogenese-Hemmer häufig entgegenwirken.

Mamma Mia!: Welche Angiogenese-Hemmer gibt es?

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli: Im Moment ist nur ein Wirkstoff dieser Klasse beim Eierstockkrebs zugelassen: das Bevacizumab. Aber es wurden weitere Angiogenese-Hemmer mit unterschiedlichen Angriffspunkten entwickelt, von denen einige aktuell in Studien untersucht werden, und wir hoffen, durch Kombination verschiedener Substanzen in Zukunft die Behandlungserfolge noch weiter steigern zu können. Außerdem suchen wir nach Faktoren, molekulargenetischen Signaturen individueller Tumoren, anhand derer sich das Ansprechen auf unterschiedliche zielgerichtete Wirkstoffe vorhersagen lässt.

Einsatz von Bevacizumab

Mamma Mia!: Wie lauten die aktuellen Zulassungsbestimmungen für Bevacizumab?

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli: Bevacizumab ist zugelassen als Erstlinien-Therapie bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs, also für Fälle, bei denen bereits Tumoren außerhalb des kleinen Beckens existieren. Das ist zum Zeitpunkt der Erstdiagnose bei rund 75 Prozent der betroffenen Frauen der Fall. Als Erhaltungstherapie ist der Angiogenese-Hemmer in dieser Situation für einen Zeitraum von 15 Monaten zugelassen.

Und die zweite zugelassene Indikation für Bevacizumab ist die Behandlung des Rezidivs (Wiederauftreten der Erkrankung). Auch hier wird der Angiogenese-Hemmer zusätzlich zur Standard-Chemotherapie gegeben und anschließend allein weiter als Erhaltungstherapie, um den Tumor langfristig zu kontrollieren. In dieser Situation wird Bevacizumab angewendet, so lange die Erkrankung unter dieser Behandlung stabil ist – vorausgesetzt, die Patientin hat keine relevanten Nebenwirkungen.

Mamma Mia!: Welche Nebenwirkungen können unter Bevacizumab auftreten?

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli: Zunächst einmal ist für die Patientinnen wichtig zu wissen, dass, abgesehen von der Fatigue-Problematik, die typischen Nebenwirkungen der klassischen Chemotherapie unter diesem Medikament, das ja ganz anders wirkt, nicht zu befürchten sind.

Eine mögliche gravierende, aber sehr seltene Nebenwirkung sind Darmperforationen, also Risse im Darm, oder Darmfisteln. Deshalb ist es wichtig, Patientinnen mit einem erhöhten Risiko für solche Darmkomplikationen zu erkennen und nicht mit Bevacizumab zu behandeln. Wird das beachtet, liegt die Rate von Darmkomplikationen unter ein Prozent.

Außerdem kann Bevacizumab zu einem Blutdruckanstieg führen bzw. einen bereits vorher bestehenden Blut­hochdruck verschlimmern. Das ist damit zu erklären, dass der Wirkstoff auch mit gesunden Blutgefäßen interferiert. Etwa ein Viertel der mit Bevacizumab behandelten Patientinnen sind von dieser Nebenwirkung betroffen. Wir kontrollieren das engmaschig, und wenn es zu einem relevanten Anstieg des Blutdrucks kommt, erhalten die Patientinnen ein Blutdruck senkendes Medikament. Diese Nebenwirkung ist also gut zu behandeln und ist selten ein Grund, die Therapie zu beenden. Weiter muss man die Eiweißwerte im Urin kontrollieren. Eiweiß im Urin ist ein Hinweis, dass die Nieren nicht optimal arbeiten, was infolge eines Blutdruckanstiegs passieren kann.

Behandlung nach aktuellem Standard

Mamma Mia!: Bevacizumab gehört also heute zur Standardtherapie. Ist sichergestellt, dass auch wirklich alle Patientinnen nach den aktuellen Standards behandelt werden?

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli: Das ist leider nicht immer sichergestellt, wie Qualitätsuntersuchungen der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie AGO gezeigt haben. Wir sind im Vergleich schon recht gut, aber das sollte noch besser werden. Das Ziel muss sein, dass alle Patientinnen sicher sein können, überall optimal behandelt zu werden. In den spezialisierten Zentren, wo gut die Hälfte der Patientinnen mit Eierstockkrebs betreut wird, ist das zweifellos der Fall. Außerdem konnte gezeigt werden, dass Kliniken, die an onkologischen Studien teilnehmen, grundsätzlich eine bessere Therapie anbieten. Das hängt damit zusammen, dass die Teilnahme an Studien gewisse Qualitätsstandards voraussetzt. Auch in solchen Kliniken sind Patientinnen also gut aufgehoben.

Wichtig ist, dass Studienkliniken bereit sind, ihre Behandlungszahlen und Behandlungsergebnisse offenzulegen und an einer freiwilligen Qualitätssicherung teilzunehmen. Eierstockkrebs ist eine sehr komplexe Erkrankung. Deshalb plädiere ich dafür, dass gute Netzwerke geschaffen werden zwischen den Zentren und der Peripherie, um die Behandlung im wechselseitigen Austausch flächendeckend zu optimieren. Wir haben in und um Berlin ein solches Klinik-Netzwerk etabliert. Ich halte das für ein zukunftsträchtiges Modell, von dem alle – Patientinnen, aber auch die Ärzte – nur profitieren können.


Prof. Dr. med. Jalid SehouliProf. Dr. med. Jalid Sehouli
Klinik für Gynäkologie
Charité Campus Virchow-Klinikum
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
Tel.: +49 30 450664002
Fax: +49 30 450564900

 

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