Serie: Befreit im Hier und Jetzt leben Teil I

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Auch für mich kam die Diagnose Brustkrebs überraschend und in einem Alter, in dem man alles andere im Sinn hat als das mögliche Lebensende. Heute, mehr als vier Jahre nach der Diagnose, habe ich das Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein. Doch ich lebe mit angezogener Handbremse, in ständiger Hab-Acht-Stellung, denn es könnte ja doch noch tödlich enden. Ja, was denn eigentlich? Mein Leben? Das wird es ganz sicherlich tun – irgendwann, aber hoffentlich nicht so bald. Ich merke, wie mich diese Haltung lähmt, heute mehr denn je. Bislang habe ich mich vor diesem Thema gedrückt, denn es ist immer noch tabu. Eigentlich ist doch alles wieder gut und da möchte jetzt erst recht niemand mehr darüber sprechen, weder in der Familie noch im Freundeskreis. Doch ich spüre, dass ich etwas unternehmen muss.

Plane ewiges Leben und sei bereit, heute zu sterben

So lautete einer der Leitsätze von Dr. O Carl Simonton. Bin ich bereit? Offensichtlich nicht. Also, was muss ich tun, um bereit zu sein? Ich begebe mich auf die Suche und finde Checklisten für den Ernstfall, wie es so schön heißt. Ich habe bereits einige meiner Bank- und Versicherungsunterlagen wie empfohlen sortiert und abgeheftet. Es wird geraten, alle Daten möglichst lückenlos und detailliert zu erfassen, weil kaum jemand wirklich umfassend wisse, über welche Rechte und Pflichten eine Person verfügt. Da gibt es noch einiges für mich zu tun. Eine Patientenverfügung und weitere Vollmachten stehen auch noch aus. Und was geschieht mit den Kindern? Wer kümmert sich um sie, wenn ich nicht mehr lebe? Kann ich das heute schon festlegen? Wie so häufig lautet auch hier die Antwort: „Es kommt darauf an.“ Der Sache mit der Vorsorgevollmacht und der sonstigen Versorgung der Hinterbliebenen muss ich weiter auf den Grund gehen.

Möchte ich eigentlich eine Erd-, Feuer- oder Seebestattung? Soll man meine Asche auf eine Blumenwiese oder in einen Schweizer Gebirgsbach streuen, einen Diamanten daraus pressen oder sie gar ins Weltall schießen lassen? Die eine oder andere Möglichkeit scheitert zwar nicht prinzipiell, jedoch an unseren rechtlichen Vorgaben in Deutschland. Wie weit sollte ich bei der Festlegung dieser Dinge gehen? Ich glaube, bei manchen Entscheidungen muss ich einfach darauf vertrauen, dass mein Mann und meine Kinder einen guten Weg gerade auch für sich selbst finden werden.
Eines wird mir zwischenzeitlich klar. Das Abarbeiten irgendeiner Liste hilft mir sehr, wichtige organisatorische Maßnahmen zu überlegen und gegebenenfalls zu veranlassen, macht mich aber noch nicht bereit. Was ist für mich wichtig, um sie loslassen zu können, meine Sorgen um mein Sterben? Ich muss noch weiter voranschreiten, um meinen persönlichen Weg zu finden. Gibt es Konflikte, die ich lösen möchte? Dann sollte ich jetzt damit beginnen und nicht länger warten. Wer friedvoll sterben möchte, sollte auch so leben. Eine Überzeugung, die ich mittlerweile mit solchen Größen wie dem Dalai Lama, Dr. O. Carl Simonton und Dr. Elisabeth Kübler-Ross teilen kann. Voll von Frieden leben und auch sterben wird mir wohl nur gelingen, wenn ich mich sowohl von körperlichen als auch seelischen Schmerzen befreie. Dafür kann ich eine Menge tun, indem ich zum Beispiel Entspannungstechniken anwende, meditiere oder mir sonstige Linderung notfalls auch mit Medikamenten verschaffe. Wenn es dann einmal an der Zeit ist, vertraue ich darauf, dass ich in einem Hospiz oder auf einer Palliativstation die notwendige Hilfe und auch menschliche Begleitung erfahre. Patientenschutzorganisationen können mich notfalls bei der Durchsetzung meiner Bedürfnisse unterstützen.

Meine Konfrontation mit dem Tabuthema Tod und Sterben verlangt mir aber auch noch etwas ganz anderes ab. Denn wenn ich meine diesbezüglichen Ängste überwinden möchte, muss ich mir die Frage nach dem Sinn des Lebens allgemein und insbesondere meines Lebens stellen. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es Gott? Ich habe hierzu eine Einstellung gefunden, mit der ich gut und überzeugt leben kann. Und wenn mir wieder einmal Zweifel kommen, besinne ich mich auf die natürlichen Prozesse im Kreislauf der Natur: Ein- und Ausatmen, Sonnenaufgang und -untergang, Ebbe und Flut und so weiter. Mit Meditationen und Imaginationen kann ich mich auf mein Sterben vorbereiten. Das hilft mir, ein gesundes Bild vom Tod zu entwickeln und ihn bereits heute in meinen Lebenskreislauf zu integrieren.
Nun bin ich zwar heute noch nicht bereit zu sterben, aber ich kenne die Themen, mit denen ich mich noch befassen sollte. Ich spüre, dass es gut ist, sich für den Ernstfall zu rüsten und Vorbereitungen für den eigenen Sterbefall zu treffen. Dies gibt mir auch den Mut hierüber mit meiner Familie zu sprechen. Ich bin davon überzeugt, dass die von mir angestrebte Bereitschaft die notwendige Freiheit im Denken schafft und mich frei macht für ein Leben im Hier und Jetzt.

Das Beste kommt zum Schluss

Inspiriert durch den gleichnamigen Film mit Morgan Freeman und Jack Nicholson mache ich mir aber auch konkrete Gedanken über meine Wünsche für die Zukunft. Eigentlich sind Listen doch nicht so schlecht. Zum Beispiel eine Liste, auf der steht, was ich eigentlich unbedingt erleben möchte, bevor ich “den Löffel abgebe”. Vermutlich wird sie ziemlich lang meine Löffelliste, schließlich plane ich ewiges Leben.