Serie: Befreit im Hier und Jetzt leben Teil II

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Teil 1 unserer Serie kam zu dem Schluss, dass erst die Vorbereitung auf den Ernstfall, nämlich das eigene Lebensende, ein befreites Leben im Hier und Jetzt ermöglicht. Hierzu zählt insbesondere auch die Vorbereitung der eigenen Bestattung. Mamma Mia! sprach hierüber mit Verena Kurz-Feuerstein vom Bestattungshaus Heidelberg.

Mamma Mia!: Frau Kurz-Feuerstein, Sie üben einen nicht alltäglichen Beruf aus. Wie sind Sie dazu gekommen?

Verena Kurz-Feuerstein: Ich wurde quasi hineingeboren. Mein Großvater gründete 1949 das erste private Bestattungsinstitut in Heidelberg. Derzeit bin ich sowohl gemeinsam mit meiner Mutter im Familienbetrieb als auch selbständig tätig.

Mamma Mia!: Bislang sind Sie die einzige Frau in Deutschland mit der Berufskombination Thanatopraktikerin und Bestattermeisterin. Was verbirgt sich eigentlich hinter diesen Bezeichnungen?

Verena Kurz-Feuerstein: Nach der Gewerbeordnung reicht ein Gewerbeschein aus, um als Bestatter arbeiten zu können. Dies genügt meines Erachtens keineswegs den beruflichen Anforderungen. Daher sollte man darauf achten, ob ein Bestatter über Zertifikate, Fortbildungs- oder sonstige Qualitätsnachweise verfügt. Ich habe mit der Qualifikation zur fachgeprüften Bestatterin zunächst eine „freiwillige Gesellenprüfung“ abgelegt und schließlich meine Meisterprüfung gemacht. Als Thanatopraktikerin (Einbalsamiererin) habe ich mich auf die hygienische und kosmetische Versorgung von Verstorbenen für die offene Aufbahrung ohne Kühlung, also die Behandlung von Verstorbenen für die befristete Erhaltung – auch unter extremen Bedingungen – weiter spezialisiert. In den USA absolvierte ich zudem eine Zusatzausbildung für plastische Rekonstruktionen von Gesicht und Händen. Seit Jahren gehöre ich als einziges deutsches Mitglied der National Funeral Directors Association in den USA an.

Mamma Mia!: Wie sind Ihre Erfahrungen zum Thema Bestattungsvorsorge?

Verena Kurz-Feuerstein: Wir haben in unserem Bestattungshaus regelmäßig Anfragen zur Bestattungsvorsorge – sowohl telefonisch als auch persönlich. Der Umgang mit dem Tod und der Bestattung selbst ist ein sehr sensibles Thema. Deshalb fällt den meisten Menschen wohl auch der erste Schritt am schwersten. Sind wir erst einmal miteinander ins Gespräch gekommen, verliert sich diese Scheu. Das Erstellen einer Wunschliste ist sehr wichtig für jemanden, der den ersten Schritt gewagt hat. Dabei sollte auch die Familie mit einbezogen werden. Haben wir dann schließlich einen gemeinsamen Weg gefunden, beobachte ich immer wieder, wie erleichtert die Vorsorgenden anschließend sind.

Mamma Mia!: Worum geht es denn bei der Vorbereitung der eigenen Bestattung, doch sicherlich nicht nur um die Frage „Erde oder Feuer“?

Verena Kurz-Feuerstein: Das stimmt. Es geht vielmehr darum, möglichst die Berücksichtigung aller Vorstellungen des Vorsorgenden sicherzustellen, aber auch um die Gestaltung der Möglichkeit der Abschiednahme für die Angehörigen. Letzteres ist besonders zu berücksichtigen, wenn Kinder bei den Hinterbleibenden sein werden. Hierzu muss ein Bestatter ganz individuell beraten. So sind zum Beispiel Grabbeigaben wie Fotos, Plüschtiere, Basteleien und ähnliches immer eine gute Möglichkeit, um dem Verstorbenen beim Abschied persönliche Liebesbotschaften mit auf die Reise zu geben.

Mamma Mia!: Welche Bestattungsarten sind in Deutschland überhaupt erlaubt?

Verena Kurz-Feuerstein: Erlaubt sind die Erd- und Feuerbestattung, wobei sich letztere flexibler gestalten lässt. In Deutschland wird das Bestattungswesen durch eine Reihe von gesetzlichen und hygienischen Vorschriften reglementiert. Allerdings ist dies Ländersache, so dass es unterschiedliche Gesetze in den einzelnen Bundesländern gibt. Bundesweit gilt jedoch der grundsätzliche Friedhofszwang. Ausnahmen innerhalb Deutschlands sind bislang nur die Beisetzung der Urne auf See (Seebestattung) oder im Wurzelbereich eines Baumes (Natur- oder Baumbestattung). Daher darf man eine Urne mit Totenasche auch nicht mit nach Hause nehmen. Das Verwahren von Totenasche in Privatbesitz ist eine Ordnungswidrigkeit. Sofern die entsprechenden Behörden davon Kenntnis erhalten, erfolgt die Beschlagnahme und eine Zwangsbestattung auf Kosten der Hinterbliebenen. Bei der Weltraumbestattung oder der Diamantpressung werden übrigens nur Teile der Asche benötigt. Der verbleibende größere Anteil wird dann ebenfalls beigesetzt. Ansonsten ist von Deutschland aus fast alles möglich, denn nicht nur in unseren direkten Nachbarländern sind die Regelungen wesentlich liberaler.

Mamma Mia!: Gibt es denn so etwas wie einen Trend bei den Bestattungswünschen?

Verena Kurz-Feuerstein: Wir beobachten, dass die Abschiednahmen sehr persönlich und individuell gestaltet werden, häufig ohne offizielle Trauerfeier, nur mit ein paar Freunden und Familie am offenen Sarg. In jedem Fall geht der Trend weg von der Bestattung nach Schema F. Und die Hinterbliebenen nehmen sich wesentlich mehr Zeit bis zur Beisetzung, zum Teil sieben bis zehn Tage.

Mamma Mia!: Und wo verbleibt der Leichnam in dieser Zeit?

Verena Kurz-Feuerstein: In der Regel erfolgen Aufbahrungen in einer Friedhofshalle oder in den Räumen des Bestatters. Wir haben hierzu individuelle Abschiedsräume eingerichtet, in denen die Hinterbliebenen in angenehmer Atmosphäre Abschied nehmen oder auch Totenwache halten können. Der Wunsch, einen Verstorbenen zuhause aufzubahren, wird heutzutage nur noch selten geäußert, obwohl es je nach Bundesland für bis zu 36 Stunden ohne besondere behördliche Genehmigung erlaubt ist. Dies gilt selbst dann, wenn er in einer Klinik verstorben ist.

Mamma Mia!: Wurden denn schon besondere Wünsche an Sie gerichtet und konnten Sie diese erfüllen?

Verena Kurz-Feuerstein: Ausgefallen war beispielsweise das Ansinnen einer Hobbypilotin vor etwa drei Jahren. Sie wollte, dass man ihre Asche vom Himmel aus verstreut. Ich habe dann ihre Urne persönlich in die USA gebracht, um ihren Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. Mittlerweile ist so etwas auch in Frankreich möglich. Ein anderer Vorsorgender wünschte sich einen Sektumtrunk von Familie und Freunden an seinem offenen Sarg unter freiem Himmel. Das war auch für uns ein bewegendes Erlebnis.

Mamma Mia!: Wenn man also einen besonderen Bestattungswunsch hat, sollte man entsprechend vorsorgen?

Verena Kurz-Feuerstein: Ja, unbedingt! Aber nicht nur derjenige mit den besonderen Wünschen sollte das tun, sondern jeder, der sicher gehen möchte, dass seine Vorstellungen auch umgesetzt werden. Dies kann durch entsprechende schriftliche Verfügungen geschehen. Man kann zum Beispiel eine Person des Vertrauens bitten, die Umsetzung der eigenen Wünsche sicherzustellen, oder aber einen Vorsorgevertrag mit einem Bestattungsinstitut abschließen. Wichtig ist in jedem Fall die korrekte finanzielle Absicherung der Bestattungsverfügung, wenn man sicher gehen möchte, dass die eigenen Vorstellungen tatsächlich umgesetzt werden. Denn nicht selten wird in Pflegesituationen auf das Privatvermögen zurückgegriffen. Gar nichts zu tun, ist deshalb meines Erachtens der völlig falsche Weg.

Mamma Mia!: Eine Bestattung kostet im Bundesdurchschnitt etwa 4.500 Euro. Vor ein paar Jahren bestand in der gesetzlichen Krankenversicherung immerhin noch ein Anspruch auf das so genannte Sterbegeld. Was würden Sie heutzutage zur finanziellen Absicherung einer Bestattungsverfügung empfehlen?

Verena Kurz-Feuerstein: Ich würde in jedem Fall zum Abschluss einer Sterbegeldversicherung raten. Zuvor sollte man die vielzähligen Anbieter anhand der Beitragshöhe, Wartezeiten und Leistungen vergleichen. Ab einem höheren Alter macht es mehr Sinn in einen Treuhandfonds zum Beispiel des Bestatterverbandes einzuzahlen. Hierzu kann der Bestatter vor Ort anhand näherer Angaben zu Art und Umfang des Bestattungswunsches individuell beraten.

Mamma Mia!: Gibt es etwas, das Sie unseren Lesern ans Herz legen möchten?

Verena Kurz-Feuerstein: Das Wichtigste ist, dass der Vorsorgende sich selbst bei seinen Vorbereitungen jederzeit wohl fühlen muss und idealerweise auch sein nächstes Umfeld. Generell gilt: Für fast alles gibt es eine Lösung, wenn auch manchmal mit kleinen Kompromissen!

Weitere Infos

Ratgeber „Bestattungsverfügung“
Erhältlich für 2,50 Euro zzgl. Porto/Versand bei:

Verbraucherinitiative Bestattungskultur 
Aeternitas e.V.
Dollendorfer Straße 72
53639 Königswinter
Tel.: +49 (0)2244 92537
E-Mail
www.aeternitas.de

Vorsorgeordner
Zum Sammeln sämtlicher Vorsorgedokumente inklusive Informationsmaterial und Mustern. 
Erhältlich für 15,00 Euro zzgl. Porto/Versand bei:

Kuratorium Deutsche Bestattungskultur e.V.
Volmerswerther Straße 79
40221 Düsseldorf
Tel.: +49 (0)211 1600820
E-Mail
www.bestatter.de


autorenbild_kurz-feuersteinVerena Kurz-Feuerstein e.Kfr.
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Internet: www.bestattungshaus-heidelberg.de