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Gute Nacht!

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Schlafen ist wichtig. Der Körper erholt sich, das Gehirn verarbeitet die Eindrücke vom Tag. So trägt Schlaf zu Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden bei. Was aber, wenn man nicht ein­ oder durchschlafen kann?

Seit Jahren befasst sich Dr. Petra Voiss, Oberärztin der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte, intensiv mit Schlafstörungen bei Krebspatienten und gibt Tipps, wie sich der Schlaf verbessern lässt.

Mamma Mia!: Krebspatienten haben oft mit Schlafproblemen zu kämpfen. Welche Ursachen stecken dahinter?
Dr. Petra Voiss: Wenn jemand schlecht schläft, muss man immer nach den Gründen und dem Zeitraum fragen. Es ist so, dass viele Krebspatienten kurz nach der Diagnose schlecht schlafen. Bei Brustkrebspatientinnen sind es den Daten zufolge circa 70 Prozent. Das bedeutet, aber nicht automatisch, dass sie eine Schlafstörung haben. Vielmehr ist es normal, dass man nach einem stressigen Ereignis eine Zeit lang nicht gut schläft, weil die Gedanken kreisen. Wichtig ist, dass sich im weiteren Verlauf daraus keine Schlafstörung entwickelt.

Mamma Mia!: Ab wann spricht man denn von einer wirklichen Schlafstörung, die dann auch eine Behandlung erfordert?
Dr. Petra Voiss: Hier gibt es verschiedene Definitionen. Die eine sagt nach vier Wochen, der andere nach 12 Wochen, in denen die Patienten mindestens drei bis viermal pro Woche schlecht ein- oder durchschlafen oder früh erwachen und sich in der Leistungsfähigkeit eingeschränkt fühlen. Solche Schlafstörungen treten bei gut der Hälfte aller Patientinnen unter antihormoneller Therapie auf, oft aufgrund von Hitzewallungen. Generell leiden rund 42 Prozent der Brustkrebspatientinnen ein bis zwei Jahre nach der Diagnose unter Schlafstörungen.

Mamma Mia!: Welche kurz- und langfristigen Auswirkungen können diese Schlafstörungen haben?
Dr. Petra Voiss: Direkt spürbare Auswirkungen sind eine verminderte Leistungsfähigkeit, Konzentrationsstörungen und Erschöpfung, die dann auch die krebsbedingte Fatigue begünstigen. Daneben scheint es aber auch Folgen zu geben, die sich langfristig zeigen. Wie wissen zum Beispiel, dass sich die Aktivität der natürlichen Killerzellen im Schlaf erholt. Das sind die Zellen, die Krebs quasi auffressen und dabei helfen können, die Erkrankung zurückzudrängen. Dann gibt es Hinweise, dass das Rückfall- und das Metastasierungsrisiko steigen könnte. Auch erhöht sich möglicherweise das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen und – gerade bei älteren Menschen – das Risiko für Depressionen. Deshalb ist es wichtig, Schlafstörungen zu behandeln.

Mamma Mia!: Welche Möglichkeiten gibt es da?
Dr. Petra Voiss: Viele greifen zu Schlafmedikamenten, etwa Barbituraten. Diese sind aber nur für einen kurzfristigen Einsatz geeignet, zum Beispiel bei einem stationären Aufenthalt nach einer Operation. Für die Behandlung einer wirklichen Schlafstörung eignen sie sich aber nicht. Was wirklich hilft, sind Gruppenprogramme wie die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie, die auch in der europäischen Schlafleitlinie empfohlen, in Deutschland aber leider kaum angeboten wird. Alternativen zu diesem Programm können Kurse sein, in denen mindfullness based stress reduction, also achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, angeboten wird. Dann gibt es Daten, dass Yoga, Qigong, TaiChi oder Entspannungstrainings den Schlaf verbessern können. Sogar Walking kann helfen, wenn die Laufstrecke nicht direkt ins Bett führt. Auch Akupunktur scheint wirksam zu sein – mit dem Effekt, dass man gleichzeitig auch Gelenkschmerzen und Hitzewallungen unter einer anti-hormonellen Therapie behandeln kann. Ebenfalls hilfreich ist ein Akupressur-Konzept, das recht leicht zu erlernen ist und seine Wirksamkeit in einer Studie bewiesen hat. Und natürlich ist Schlafhygiene ein ganz wichtiger Punkt. Durch das Blaulicht von Smartphone, Tablet oder Computer wird weniger Melatonin produziert. Es ist also schlaffördernd, diese Geräte ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen nicht mehr zu nutzen.

Mamma Mia!: Sie erwähnten gerade das Schlafhormon Melatonin. Was ist denn von Präparaten mit diesem Inhaltsstoff zu halten?
Dr. Petra Voiss: Sicherlich kann man Präparate auf Melatonin-Basis ausprobieren. Wichtig ist, dass diese nicht mehr als 5 Milligramm Melatonin enthalten und nicht länger als sechs Wochen angewendet werden. Auch bei anderen Schlaffördernden Inhaltsstoffen auf pflanzlicher Basis wie Lavendel oder Baldrian sollte man vorsichtig sein. Wechselwirkungen mit der Therapie können nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Deswegen immer lieber den Arzt fragen. Lavendel eignet sich zum Beispiel auch als Aromatherapie – im Fußbad oder als Herzauflage. Man sollte jedoch darauf achten, die ätherischen Öle in einer niedrigen Konzentration zu nutzen, weil sie die Haut reizen können. Was aber ganz wichtig ist: Die Betroffenen sollten sich nicht darauf fixieren, dass der Schlaf unbedingt besser werden muss. Zu denken „Ich kann nicht einschlafen und jetzt wirkt sich das negativ auf meine Erkrankung aus“, führt zu noch mehr Stress – und zu noch schlechterem Schlaf.

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