zurück zur Übersicht

Ich bin kein Indianer, ­sondern ein normaler Mann

  • -
Print Friendly, PDF & Email

Im Jahr 2004 ereilte mich die Diagnose Brustkrebs. Die Anzeichen hatte ich sechs Monate lang ignoriert. Als meine Hausärztin dann den Knoten in der Brust ertastete, hatte sie direkt den richtigen Verdacht: Brustkrebs!

Sie war es, die den weiteren Weg bereitete: Mammographie ambulant, Einweisung in ein Brustzentrum, OP mit Entfernung der Brust (nur fünf Tage nach der Diagnose) und von dort Überweisung zu einem Onkologen. Der baute mich zunächst psychisch auf, denn neben dem Tumor waren 15 der 23 entfernten Lymphknoten positiv. Dann verordnete er mir eine so genannte „Sandwich­therapie“ mit vier Chemos EC, 32 Bestrahlungen und vier Chemos Taxol. An die achtmonatige Behandlung schloss sich eine aufbauende Anschlussheilbehandlung (AHB) mit netten Menschen auf der Insel Föhr an. Dann folgte eine Antihormonbehandlung mit Tamoxifen und – nach Problemen mit den Tumormarkern – mit Femara. Zusätzlich bin ich bei einem Arzt mit Schwerpunkt TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) in Behandlung.

Dies ist nur ein kurzer Abriss meiner Krankengeschichte. Im Folgenden möchte ich beschreiben, welche Verhaltensweisen und Erfahrungen mir in den vergangenen sechs Jahren geholfen haben, mit der Erkrankung zu leben. Aber auch, mit welchen Schwierigkeiten und Enttäuschungen ich fertig werden musste – wohl wissend, dass es nur kurze Ausschnitte sein können.

Begleitperson bei Arztbesuchen

Zu wichtigen Arztbesuchen nehme ich immer meine Frau mit. In der Phase der Diagnose und OP habe ich erfahren, dass mein Denken und die Fähigkeit, wichtige Entscheidungen und Therapien zu überblicken, im Moment der konkreten Arztaussagen nur sehr eingeschränkt sind.
Meine Frau berichtete mir nach Arztbesuchen von Aussagen des Arztes, die mir fremd und unwirklich vorkamen. Ich führe dies auf eine tiefe Angst zurück, die mich bestimmte Aussagen einfach ausblenden ließ. Da meine Frau bei allen Arztgesprächen anwesend war, konnten wir abends in Ruhe noch einmal alles abwägen und diskutieren. Das ist sehr wichtig, denn es ist meine tiefe Überzeugung, dass nur eine Therapie, die von mir ausdrücklich bejaht wird, erfolgreich sein kann. Die Ärzte, die von mir aufgesucht wurden, befürworten diesen „Begleitschutz“ übrigens sehr.

Angst und Verlust des Urvertrauens in den eigenen Körper

Die Diagnose Krebs stürzte mich in viele Ängste und eine nie gekannte innere Unruhe. Vieles brach nach der Diagnose über mich herein und es war schwierig, meine Gedanken zu sortieren. Zunächst stand die medizinische Behandlung im Vordergrund und das bedeutete Krankenhaus, OP, Arztbesuche, Änderungen im sozialen Bereich (Arbeitsstelle, Familie, Freunde, Verwandte) und vieles mehr.

Lebensziele, zeitliche Perspektiven und der Alltag mussten neu gestaltet und mit körperlichen Schwierigkeiten und Nebenwirkungen der Therapie umgegangen werden. Oft schlichen sich in den Tagesablauf Ängste ein: Wie lang kann ich dies noch machen? Werde ich mein Kind aufwachsen sehen? Würde das Leben jemals wieder so sein wie zuvor?

Zu begreifen, dass mir das Urvertrauen in den eigenen Körper verloren gegangen ist, war bitter. Bisher hatte ich doch in dem unreflektierten Glauben gelebt, „unsterblich“ zu sein; die Lebenserwartung eines Mannes liegt heute bei über 80 Jahren; da habe ich mit 42 doch noch mindestens 40 Jahre vor mir. Auf einmal erkannte ich, dass dieses alles eine Illusion sein könnte. Noch schlimmer war in der ersten Zeit die Angst, erneut zu erkranken. Wenn ein Muskel schmerzte oder der Rücken zwickte, stellte ich mir immer gleich die Frage: „Ist das jetzt wieder Krebs, sind das Metastasen?“ und „Warte ich erst mal ab oder gehe ich sofort zum Arzt?“

Umgang mit Ängsten

Mehrere Aspekte haben mir geholfen, mit meinen Ängsten besser umzugehen. Am wichtigsten war und ist für mich das Gefühl, selbst aktiv sein zu können. Ich habe Infos von Betroffenen aus Büchern und Foren im Internet recherchiert. Über ein Forum habe ich auch mit einem gleichaltrigen Mann in Berlin gesprochen, der mir vieles erläutern konnte. Übungen nach Simonton und regelmäßiges QiGong als Entspannungstechnik geben mir innere Ruhe und Zuversicht.
Von besonderer Bedeutung war das Gespräch mit anderen krebsbetroffenen Männern in einem geleiteten Gesprächskreis, der sich primär mit den Auswirkungen der Erkrankung in Familie, Beruf und Psyche beschäftigte. Eine eher medizinisch orientierte Gruppe war nicht das, was ich suchte und brauchte. Dieser Gesprächskreis ist bis heute ein Ort,

  • an dem ich zur Ruhe komme,
  • an dem ich herausfinden kann, welche Fragen, Ängste, Sorgen für mich zurzeit wichtig sind (und seien diese im Nachhinein auch noch so abwegig…),
  • an dem ich neue Gedanken in mich aufnehme und wo ich Kraft schöpfen kann.

Grundeinstellung

Jeder Betroffene geht seinen persönlichen Weg bei der Bewältigung der Krankheit Krebs. Und fast jeder Weg hat seine Höhen und Tiefen. Am Anfang konnte ich das so nicht akzeptieren, denn ich suchte nach dem einen und einzigen richtigen Weg, der Menschen hilft, die Krankheit zu besiegen. Ich konnte mir beispielsweise ein gesundes Leben ohne Misteltherapie und Entspannungstechniken oder ein längeres Fernbleiben vom Arbeitsplatz nicht vorstellen.
Heute, nach vielen Gesprächen mit anderen Männern in der Gesprächsgruppe, bin ich ruhiger geworden und weiß, dass es viele Wege gibt. Jeder Betroffene kann nur so handeln, wie es ihm möglich ist und wie er es befürwortet.

Wichtig erscheint mir nur, ab und zu inne zu halten und ehrlich die persönliche Situation zu reflektieren. Überfordere ich mich, verdränge ich meine Ängste, akzeptiere ich meine körperlichen Einschränkungen, und so weiter. Meine Frau habe ich zum Beispiel gebeten, mich darauf hinzuweisen, wenn ich mir zu viel zumute (Frühwarnsystem). Denn im Alltagstrott setzt die Sensibilität für den eigenen Körper schon mal aus. Die Warnungen meiner Frau sind oft fundiert und werden auch von mir akzeptiert, so dass ich versuche, mein Verhalten zu ändern.

Partnerschaft

Meine Frau hatte (hat) ihr eigenes Päckchen mit meiner Erkrankung zu tragen. Neben ihrer Angst um mich war da die gesteigerte Verantwortung als Hauptverdienerin mit einer Vollzeitstelle und Mutter unseres Kindes. Auch sie war nur begrenzt belastbar, aber mit der Unterstützung meiner Eltern konnten wir viele Belastungen abfangen. Meine Gedanken waren gerade in der Anfangszeit der Therapie oft unsortiert, unausgereift und tiefschwarz; eine immense Belastung für meine Frau, wenn ich alles und sofort mit ihr besprechen wollte. Denn der Partner kämpft oft noch mit seinen eigenen Ängsten, die er vor dem Erkrankten verbergen möchte, um ihn zu schonen. Zum Glück hatte ich den Gesprächskreis krebsbetroffener Männer gefunden, die zuhörten, nachfragten und mir andere Sichtweisen gaben. Menschen, denen ich aufgrund eigener Betroffenheit ein tieferes Wissen zubilligte. Wenn ich von den Treffen kam, waren meine Gedanken so aufbereitet und auf einem rationalem Boden, dass ich dann gut mit meiner Frau über die Inhalte sprechen konnte. Sonst wäre es für uns sinnvoll gewesen, in einer Krebsberatungsstelle eine Partnerschaftsberatung oder für mich eine Einzeltherapie durchzuführen.

Unser Kind

Unser Kind im Grundschulalter wusste schnell, dass meine Erkrankung „Brustkrebs“ lautet. Wir vermittelten ihm in Gesprächen das Gefühl, dass ich jetzt eine sehr anstrengende Behandlung mit Chemo und Bestrahlung durchführen müsste, aber danach würde es mir besser gehen. Wir als Eltern beschlossen, unserem Kind jede Frage in diesem Sinne zu beantworten, wollten das Thema aber nicht dauernd von uns aus offensiv ansprechen – „Wie geht es dir…?“; „Wie ist das für dich, wenn….?“ Et cetera. Einzige Ausnahme war ein Bilderbuch (Luzie und die Chemoritter), in dem ein kleines Mädchen mit Hilfe der „Chemoritter“ ihren Blutkrebs besiegt. Dieses kindgerecht aufbereite Buch war für unser Kind sehr hilfreich.

Jeweils am Tag der Chemotherapie hielt ich mich, sobald Übelkeit und Schwäche kamen – diese dauerten bei mir circa sechs Stunden an –, im Schlafzimmer im Bett auf. Mein Kind wollte mich in dieser Zeit nicht sehen oder mir auch nur gute Nacht wünschen. Für unser Kind war dieses Verhalten eine Art Selbstschutz, um nicht zu sehen, was es nicht verstehen oder ertragen kann. Später habe ich eine Ärztin und eine Psychologin gefragt, ob wir hier etwas aufzuarbeiten hätten. Beide betonten aber, dies wäre ein normales Verhalten, bei dem es besser ist, nichts zu erzwingen. Wichtig wäre es aber, alle späteren Anfragen des Kindes zu beantworten und nicht auszuweichen.

Offensiv habe ich vor der Chemo (Folge Haarausfall und daher nicht zu leugnen) Klassenlehrer, Betreuer im Hort, Eltern der Freunde und andere über meine Erkrankung und Therapie informiert. Immer mit der Bitte verbunden, Verhaltensänderungen des Kindes uns Eltern sofort mitzuteilen. Außer, dass einige Kinder gerne meine Glatze sehen wollten, wenn ich unser Kind von der Schule oder Hort abholte, habe ich keine Veränderung mir oder meinem Kind gegenüber festgestellt. In monatlichen Abständen fragte ich diesbezüglich bei Lehrern und Erziehern nach. Auch kamen Freunde und Klassenkameraden weiterhin normal zu uns zu Besuch.

Freunde und Verwandte

Mein soziales Umfeld veränderte sich vor allem für die Zeit der Therapien. Menschen, die ich als Freunde bezeichnet hatte, meldeten sich nicht mehr. Einzelne Familienmitglieder gaben unqualifizierte Äußerungen von sich – dies war die negative Seite. Andere Freunde und Bekannte besuchten mich regelmäßig, schrieben mir einfühlsame, kraftspendende Briefe, boten Hilfe und Unterstützung an, schenkten mir Schutzengel. Mein Chef reagierte sehr einfühlsam und garantierte mir die Sicherheit meines Arbeitsplatzes; hier fehlte ich insgesamt zehn Monate. In der Gesamtheit fühlte ich mich in dieser schweren Zeit unterstützt. Mancher Person gegenüber bleibt aber bis heute ein Gefühl der Enttäuschung zurück, auch wenn ich verstehen kann, dass ihr Verhalten mit deren eigenen unreflektierten Ängsten zu tun hatte.

Hormone und Gefühle

Mit der Einnahme von Medikamenten (zum Beispiel Tamoxifen) änderten sich meine Gefühlsregungen. Bei traurigen, aber auch bei freudigen Ereignissen wie beispielsweise dramatischen Filmen ohne Happyend oder Toren der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM bin ich seither nahe am Wasser gebaut. Am Anfang war das für mich und meine Familie schon etwas irritierend, aber da ich kein Indianer bin, sondern ein normaler Mann, stören mich heute diese Gefühlsregungen nicht mehr.


Dieter, Dezember 2010, Jahrgang 1968, Diagnose 2004

zurück zur Übersicht