Der manipulierte Patient
Oder wie polemische Berichterstattung das Image von Selbsthilfegruppen prägt

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Einige meiner Kolleginnen und Kollegen scheinen dieses Thema sehr zu mögen: „Der manipulierte Patient“. In regelmäßigen Abständen flimmert immer dieselbe Geschichte über den Bildschirm unserer Fernsehgeräte: Die Pharmaindustrie unterstützt Selbsthilfegruppen durch Spenden, um sie dann manipulieren und in ihrem Interesse arbeiten lassen zu können. Patienten sind überfordert und lassen sich widerspruchslos vor den Karren spannen. Selbst unsere öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, von denen ich eine objektivere Berichterstattung erwarten würde, blasen in dasselbe Horn.

Meinen Kolleginnen und Kollegen, die dieses Bild der unmündigen, überforderten Patienten gerne verbreiten, sei folgendes gesagt: Wir berichten seit zehn Jahren über Projekte, die von Patienten – mal mit und mal ohne Pharmasponsoring – auf die Beine gestellt werden. Patientenvertreter haben es durch eine unglaubliche Beharrlichkeit geschafft, sich eine Lobby zu verschaffen, sie nehmen Einfluss auf Politik und Industrie – und zwar im Interesse der Patienten. Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen füllen ferner eine klaffende Lücke unseres Gesundheitssystems, nämlich die Betreuung von Patienten bei Diagnosestellung, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus beziehungsweise während und nach der Akuttherapie. Diese Betreuung ist in unserem Gesundheitssystem nicht vorgesehen. Und ja, viele Aktivitäten sind nur möglich, weil die Industrie die Gruppen unterstützt. Warum sollten Patienten, die durch ihre Krankheit oftmals ohnehin in eine finanzielle Schieflage geraten, neben der ehrenamtlichen Tätigkeit noch Materialien, Reisekosten und so weiter aus eigener Tasche bezahlen? Sie können aber beruhigt sein, liebe Kolleginnen und Kollegen, Patienten sind nicht per se überfordert, ganz im Gegenteil. Es würde sich sicher lohnen, wenn Sie eine Reportage über Patientenprojekte machen würden. Sie würden staunen, was Patienten trotz lebensbedrohlicher Krankheit alles auf die Beine stellen können!

Allen Frauen und Männern, die sich ehrenamtlich für andere Patienten engagieren und eine oftmals mühsame Sponsorensuche auf sich nehmen, möchte ich folgendes sagen: Lassen Sie sich nicht entmutigen! Was wäre unsere medizinische Versorgung von Patienten ohne Sie und Ihre Gruppen? Wie dankbar sind wir Patienten, wenn wir in Zeiten des gefühlten Weltuntergangs eine Anlaufstelle, ein offenes Ohr haben. Wie dankbar, wenn wir während der Therapiephase unterstützt werden, Tipps für den Alltag und in sozialrechtlichen Fragestellungen erhalten. Also… Bitte machen Sie weiter so, wir brauchen Sie!

Die Pharmaindustrie möchte ich bitten, Patientenorganisationen auch weiterhin zu unterstützen. Leider gibt es kaum öffentliche Gelder und wenig Interesse bei anderen Firmen, Gruppen krebskranker Menschen kontinuierlich zu unterstützen. Krebskranke Menschen passen nicht immer zum Image der Unternehmen. Sie, die Pharmaindustrie, haben sich in den letzten Jahren geöffnet, beziehen Patienten in viele Arbeitsprozesse ein, nehmen deren Rat ernst und lassen sich hier und da überzeugen, einen anderen oder neuen Weg im Sinne der Patienten einzuschlagen. Bitte führen Sie diese Öffnung fort, es gibt noch viel zu tun!

Und wenn wir schon beim Thema sind: Liebe Politik, es ist schön, dass wir in dem ein oder anderen Gremium des Gesundheitssystems angehört werden. Das reicht uns aber nicht. Wir möchten auf Augenhöhe mitentscheiden können und Stimmrecht haben. Schließlich wissen wir am besten, was gut für uns ist!

Eva Schumacher-Wulf
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