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Eizell­schutz vor Chemo­therapie

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Prof. Michael von Wolff ist Leiter des Netzwerks fertiPROTEKT, das gegründet wurde, um über die Möglichkeiten des Fruchtbarkeitsschutzes vor einer Chemo- beziehungsweise Strahlentherapie zu informieren und entsprechende Methoden verfügbar zu machen.

Mamma Mia!: Wie hoch ist überhaupt die Wahrscheinlichkeit, mit einem Eierstock schwanger zu werden?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Die Chance, mit nur einem Eierstock schwanger zu werden, ist fast so groß wie mit zwei Eierstöcken. Pro Monat reift immer nur ein Eibläschen in einem der beiden Eierstöcke heran. Das ist auch so, wenn ein Eierstock fehlt. Dann nämlich reift in dem verbliebenen Eierstock jeden Monat ein Eibläschen heran.

Mamma Mia!: Und wie hoch ist das Risiko, dass bei Eierstockkrebs übliche Chemotherapien die Fruchtbarkeit ungünstig beeinflussen?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Diese Frage stellt sich in der Regel nicht: Wenn der Eierstockkrebs so früh – im FIGO Stadium Ia – diagnostiziert wird, dass nur der befallene Eierstock entfernt werden muss, dann ist auch keine Chemotherapie erforderlich. Gleiches gilt für die so genannten Borderline-Tumoren, die weder eindeutig gut- noch bösartig sind. Liegt ein Borderline-Tumor vor, so kann bei Kinderwunsch in einem frühen bis mittleren Erkrankungsstadium ein Eierstock belassen werden. In diesem Fall ist ebenfalls keine Chemotherapie erforderlich.

Einfrieren von Eizellen

Mamma Mia!: Wann kämen denn für Frauen mit Eierstockkrebs, die sich ein Kind wünschen, Maßnahmen zum Eizellschutz in Betracht? Und welche Methoden kommen in Frage?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, da eine solche Entscheidung eine sehr individuelle Entscheidung ist, die von der Art des Tumors, dem Stadium der Erkrankung, der geplanten Krebstherapie und dem Alter der Frau abhängt.

Ich möchte ein mögliches Vorgehen an zwei ausgewählten Situationen verdeutlichen: Wenn ein Borderline-Tumor diagnostiziert wird, würde ich keine Maßnahme ergreifen. Zum einen wird meist nur ein Eierstock entfernt, und zum anderen ist keine Chemotherapie erforderlich. Allerdings ist das Risiko erhöht, dass der verbliebene Eierstock auch von einem Borderline-Tumor befallen wird. Aus diesem Grund wäre es anzuraten, dass die Frau möglichst bald schwanger wird. Sollte dies nicht möglich oder gewünscht sein, so wäre eine Hormonstimulation zum prophylaktischen Einfrieren von Eizellen zu erwägen. Eine Hormonstimulation scheint zwar die Rezidivrate bei einem operierten Borderline-Tumor minimal zu erhöhen, die Gesamtprognose der Frauen verschlechtert sich dadurch jedoch nicht.

Sollte ein Eierstockkrebs diagnostiziert werden, der die Entfernung beider Eierstöcke und eine nachfolgende Chemotherapie erfordert, so kann einer der Eierstöcke eingefroren werden. Voraussetzung: Dieser Eierstock muss – soweit sich das beurteilen lässt – tumorfrei sein. Sollte später eine Schwangerschaft gewünscht werden, so kann das Eierstock-Gewebe in den Unterbauch transplantiert und nach Entwicklung einer Schwangerschaft wieder entfernt werden. Auf diese Weise ist im Netzwerk FertiPROTEKT ein Kind geboren worden. Allerdings ist ein solches Verfahren wegen des Risikos, dass sich im eingefrorenen Ovar doch noch Tumorzellen befinden und dass diese verschleppt werden könnten, nicht unumstritten.

Mamma Mia!: Vor dem Einfrieren von Eizellen muss sich die Patientin einer hormonellen Behandlung unterziehen. Könnte sich das nicht eventuell ungünstig auf ihre Krebserkrankung auswirken oder das Risiko für andere Krebserkrankungen wie Brustkrebs erhöhen?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Wie bereits erwähnt, scheint bei einem Borderline-Tumor das Risiko für ein Rezidiv etwas erhöht zu sein. Ob dies auch bei Eierstockkrebs der Fall ist, ist unklar. Das Brustkrebsrisiko steigt durch eine in-vitro-Fertilisation nicht an.

Gibt es Risiken?

Mamma Mia!: Kann eine Schwangerschaft Auswir­kungen auf den Verlauf der Krebserkrankung haben?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Wahrscheinlich nicht. Beim Eierstockkrebs liegen jedoch keine ausreichenden Daten vor, um diese Frage definitiv beantworten zu können. Beim Brustkrebs, der oft hormonabhängig ist, sinkt laut einigen Studien sogar das Risiko für ein Rezidiv. Das heißt, der Verlauf der Krebserkrankung wird trotz der in der Schwangerschaft hohen Hormonkonzentrationen günstig beeinflusst, wobei die Gründe unklar sind.

Mamma Mia!: Ist das Einfrieren von Eizellen beziehungsweise eine künstliche Befruchtung frei von Risiken für den Embryo?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Weitgehend ja. Bei einer künstlichen Befruchtung ist grundsätzlich das Risiko für eine Fehlbildung des Kindes etwas höher. Es wird aber angenommen, dass diese Risikoerhöhung im Wesentlichen auf der Unfruchtbarkeit der Paare beruht, die ja meist der Grund für eine in-vitro-Fertilisation ist. Werden Eizellen vor einer Krebstherapie eingefroren, liegt eine ganz andere Ausgangssituation vor, so dass dann die Risiken wahrscheinlich nicht höher sind.

Mamma Mia!: Übernehmen die Krankenkassen bei Eierstockkrebs die Kosten für Maßnahmen zum Eizellschutz?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Nein, Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht, weder für Entnahme und Lagerung noch für die Verwendung von Eizellen und Eierstockgewebe.

Mamma Mia!: Gibt es gesetzliche Rahmenbedingungen, die berücksichtigt werden müssen?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Nein, zumindest keine, die die Patientin zu beachten hat. Die Techniken erfordern natürlich gewisse gesetzlich vorgeschriebene Maßnahmen, aber diese muss nur der Kinderwunsch-Arzt beachten.

Mamma Mia!: Die Entscheidung, im Fall einer Eierstockkrebserkrankung schwanger zu werden, ist komplex und schwierig. Wie beraten Sie die Patientinnen?

Prof. Dr. Michael von Wolff: Entscheidend ist zum einen, ob die Patientin noch eigene Eizellen hat. Und zum anderen sollte weitgehend sicher sein, dass die Patientin als geheilt anzusehen ist. Ist dies der Fall, so kann die Patientin mit einem verbliebenen Eierstock, mit eingefrorenen Eizellen oder mit eingefrorenem Eierstockgewebe schwanger werden. Außerdem gäbe es noch die Option einer Eizellspende.


Prof. Dr. Michael von WolffProf. Dr. Michael von Wolff
Netzwerk FertiPROTEKT
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