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Gen­tests bei Eier­stock­krebs

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Wann ist die genetische Testung ­sinnvoll?

Die Gene spielen bei Eierstockkrebs eine wichtige Rolle. Dr. med. Nicola Dikow, Institut für Humangenetik am Universitätsklinikum Heidelberg, erläutert im folgenden Beitrag, was Frauen über entsprechende Gentests wissen sollten.

Mamma Mia!: Inwieweit spielen heute bei Eierstockkrebs Gentests bereits eine Rolle?

Dr. Nicola Dikow: Meistens ist Eierstockkrebs multifaktoriell-polygen bedingt. Das heißt: Mehrere verschiedene Gene sind zusammen mit Umweltfaktoren an der Tumorentstehung beteiligt. Nur etwa 15 Prozent der Ovarialkarzinome liegt eine vererbbare Krebsdisposition zugrunde. In diesen Fällen sind oft mehrere Familienmitglieder betroffen, weshalb am Anfang jeder molekulargenetischen Untersuchung eine sorgfältige Familienanamnese, also eine Erhebung der Familiengeschichte, steht. Besteht der begründete Verdacht auf eine erbliche Krebsdisposition, kann im Rahmen der genetischen Beratung eine molekulargenetische Untersuchung anhand einer Blutprobe angeboten werden. Beim familiären Brust- und Eierstockkrebs spielen Mutationen des BRCA1- und BRCA2-Gens eine entscheidende Rolle.

Gentest auf BRCA-Mutationen

Mamma Mia!: Welche praktische Bedeutung hat die Testung auf BRCA1/BRCA2-Mutationen?

Dr. Nicola Dikow: Für die meisten betroffenen Frauen ist es wichtig, die Ursache ihrer Krebserkrankung zu kennen. Zudem kann der genetische Befund Konsequenzen haben für die Wahl der Therapie.
Der Gentest bei der bereits an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankten Patientin ist aber auch von Bedeutung für ihre Familienangehörigen: Die Frauen möchten wissen, ob sie selbst und eventuell auch ihre Kinder die familiäre Mutation geerbt haben. Mit dem Gentest besteht die Chance, die gesunden Verwandten durch ein unauffälliges Ergebnis zu entlasten. Wird dagegen die familiäre Mutation nachgewiesen, kann ein umfassendes Früherkennungsprogramm angeboten werden bis hin zur prophylaktischen operativen Entfernung von Brust- und Eierstockgewebe, die das Erkrankungsrisiko erheblich reduziert.

Mamma Mia!: BRCA1/BRCA2-Mutationen kann man aus dem Blut oder am Tumorgewebe bestimmen. Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Tests, und in welchen Situationen kommen sie zur Anwendung?

Dr. Nicola Dikow: Krebs entsteht durch Mutationen, das heißt durch genetische Veränderungen. Verändert sind häufig Gene, die normalerweise die Zellteilung kontrollieren. Treten im Bereich solcher Gene Mutationen auf, kann ein unkontrolliertes Zellteilungsverhalten die Folge sein. Betreffen diese Mutationen nur das Tumorgewebe, so spricht man von somatischen Mutationen, die nicht vererbbar sind. Bei manchen Frauen mit unauffälliger Familienanamnese kann es sinnvoll sein, den Tumor selbst auf BRCA1/BRCA2-Mutationen zu untersuchen, zum Beispiel, wenn das für die Therapieplanung von Bedeutung ist.
Im Unterschied zu somatischen Mutationen liegen vererbbare Keimbahnmutationen seit der frühen Embryonalzeit in fast allen Zellen eines Individuums vor. Keimbahnmutationen sind daher im Blut nachweisbar und werden mit einem Bluttest bestimmt. Immer wenn beim Ovarialkarzinom der Verdacht auf eine erbliche Krebsdisposition besteht, sollte eine Untersuchung auf Keimbahnmutationen im Rahmen der genetischen Beratung erfolgen.

Mamma Mia!: Wie geht man bei einem Gentest vor? Wie lässt sich feststellen, ob eine BRCA1- oder BRCA2-Mutation vorliegt oder nicht?

Dr. Nicola Dikow: Träger der Erbsubstanz ist die DNA, ein langes doppelsträngiges Molekül aus aneinander gereihten Nukleotiden. Jedes Nukleotid enthält eine der vier Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin, welche die Buchstaben der genetischen Schrift darstellen. Alleine das BRCA1-Gen enthält eine Sequenz aus über 81.000 Basen. Es gibt verschiedene Sequenziertechniken, mit denen die Anordnung dieser Basen bestimmt werden kann. Das Prinzip ist jedoch immer das gleiche: Zunächst wird die DNA aus dem Blut oder dem Tumorgewebe isoliert und für die Sequenzierung vorbereitet. Dann wird die DNA-Sequenz aufgeschlüsselt und anschließend mit der bekannten Normalsequenz verglichen. Hier beginnt die eigentliche diagnostische Arbeit, denn von jedem Gen existieren Normvarianten, die zuverlässig von krankheitsrelevanten Mutationen unterschieden werden müssen.

Kein Gentest ohne genetische Beratung

Mamma Mia!: Wird heute beim Ovarialkarzinom routinemäßig ein BRCA-Test veranlasst?

Dr. Nicola Dikow: Nein. Ein Gentest sollte wegen der weitreichenden Konsequenzen für die Patientin und deren Familie niemals routinemäßig ohne vorherige Aufklärung veranlasst werden, sondern nur im Rahmen einer genetischen Beratung und unter den Rahmenbedingungen des Gendiagnostikgesetztes angeboten werden.
In einigen pathologischen Instituten wird die genetische Testung von Tumorgewebe auf BRCA1/BRCA2-Mutationen außerhalb des Gendiagnostikgesetzes angeboten – rechtlich aus meiner Sicht ein Graubereich, denn ein hoher Anteil der im Tumor nachweisbaren Mutationen sind vererbbare Keimbahnmutationen. Die Patientin sollte also auch vor einer Tumortestung wissen, dass sich dabei Hinweise auf eine erbliche Krebsdisposition ergeben können, mit Konsequenzen für sie und ihre Familie. Spätestens mit dem Mutationsnachweis am Tumorgewebe sollte eine genetische Beratung und ein Bluttest angeboten werden, um zu klären, ob die Mutation auch in der Keimbahn nachweisbar ist.

Mamma Mia!: Ist sichergestellt, dass Gentests nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Patientin vorgenommen werden und dass gegebenenfalls ihr Recht auf Nichtwissen respektiert wird? Ist bei genetischen Tests der Datenschutz garantiert?

Dr. Nicola Dikow: Bei Untersuchungen nach dem Gendiagnostikgesetz wird das Recht auf Nichtwissen unbedingt respektiert: Ein Gentest darf nur vorgenommen werden, wenn die betroffene Frau nach angemessener Bedenkzeit die schriftliche Einwilligung dazu erteilt. Die Frau kann sich später noch überlegen, ob sie das Testergebnis wirklich entgegennehmen möchte. Der Datenschutz hat in der Humangenetik einen sehr hohen Stellenwert. So werden Befunde nur mit ausdrücklichem Einverständnis der getesteten Frau an Dritte weitergeleitet. Nach zehn Jahren werden die Daten vernichtet, es sei denn, es liegt das Einverständnis der Untersuchten für eine längere Aufbewahrung vor.


Dr. med. Nicola DikowDr. med. Nicola Dikow
Genetische Poliklinik
Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 440
69120 Heidelberg
Tel.: +49 6221 565087
Fax: +49 6221 565080

 

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