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Neben­wirkungen be­grenzen

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Die Heilkraft der Natur

Prof. Dr. med. Hans Josef Beuth ist Direktor des Instituts zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren an der Universität zu Köln, das er selbst gründete. Der mehrfach ausgezeichnete Mediziner engagiert sich sehr dafür, die Lebensqualität von Krebspatienten zu optimieren. Im folgenden Interview erläutert Prof. Hans Josef Beuth, was speziell naturheilkundliche Behandlungsansätze dazu beitragen können.

Mamma Mia!: Was hat Sie veranlasst, vor rund 15 Jahren das Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren zu gründen?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Unter anderem auch durch Kontakte zu Krebsselbsthilfegruppen wurde mir seinerzeit bewusst, dass naturheilkundliche Methoden bei Krebs häufig angewendet wurden, ohne dass deren Wirkung ausreichend erforscht war. Scharlatanen und geschäftstüchtigen Therapeuten waren Tür und Tor geöffnet, die Patienten mit nicht haltbaren Heilsversprechen zu ködern.

Ein weiterer Aspekt war die Aufnahme der Naturheilkunde in das Ausbildungsprogramm des Medizinstudiums. Vor diesem Hintergrund wurde das Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren an der Universität zu Köln gegründet, um Chancen und Risiken der Naturheilkunde genauer zu untersuchen. Ziel war und ist es, vielversprechende Ansätze aus der Naturheilkunde auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit zu testen und so eine Evidenzbasis zu schaffen, wie diese heute in der Medizin gefordert wird. So sollte es gelingen, naturheilkundliche Behandlungsmethoden auf seriöse Weise in die etablierte Medizin zu integrieren.

Mamma Mia!: Die Optimierung der Lebensqualität bei Krebs rückt zunehmend in den Blickwinkel. Dies ist auch für Therapieerfolg und Prognose von Bedeutung – inwiefern?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Laut Definition haben komplementäre Behandlungsmethoden bei Krebserkrankungen keinen eigenständigen Einfluss auf die Prognose. Komplementäre Maßnahmen sollen Krebsstandardtherapien ergänzen und deren Nebenwirkungen mindern. Auf diesem Weg lassen sich die Standardtherapien bezüglich Dosierung und Zeitintervall optimieren, was die Chancen auf Heilung beziehungsweise längere Lebenszeit erhöht.

Ingwer, Equizym MCA, Mistelextrakte

Mamma Mia!: Eine der meist gefürchteten Nebenwirkungen der Zytostatika-Therapie sind Übelkeit und Erbrechen. Inwieweit kann Ingwer hilfreich sein?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Die medikamentöse Therapie von Übelkeit und Erbrechen richtet sich nach den unterschiedlichen Ursachen und sollte immer fachkompetent ärztlich angeordnet und überwacht werden. Selbstgebraute Ingwertees oder Ingwerextrakte stellen bei Übelkeit und Erbrechen eine studienerprobte komplemen­tärmedizinische Behandlungsmaßnahme dar. Allerdings ist der Therapieeffekt nicht sicher absehbar. Außerdem kann Ingwertee unter laufender Krebsstandardtherapie geschmacklich problematisch sein.

Mamma Mia!: Was genau ist Equizym MCA, und welche Art von Nebenwirkungen kann dieses komplementärmedizinische Heilmittel lindern?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Equizym MCA beziehungsweise dessen Weiterentwicklung Equinovo sind komplex zusammengesetzte, komplementärmedizinisch angewandte Formulierungen, die Natriumselenit, pflanzliche eiweißspaltende Enzyme sowie lektinreichen Linsenextrakt enthalten. Natriumselenit ist ein Antioxidans, die pflanzlichen Enzyme wirken entzündungshemmend, und Linsenextrakt schützt die Schleimhäute. Besonders gut sind die Effekte in klinischen Studien bei Brustkrebspatientinnen untersucht, und es konnte gezeigt werden, dass die komplementäre Selen-/Enzymeinnahme die Nebenwirkungen der Chemo-, Strahlen- beziehungsweise Antihormontherapie signifikant reduziert. Speziell Schleimhauttrockenheit und resultierende Gelenkbeschwerden, Entzündungen, Blutungsneigungen und Schmerzen wurden gemindert.

Mamma Mia!: Was können Mistelextrakte leisten?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Die Misteltherapie ist in Deutschland die am häufigsten angewandte komplementärmedizinische Maßnahme in der Onkologie. Laut experimenteller Studien besitzen Mistelextrakte krebszelltötende und immunaktivierende Eigenschaften. Klinische Studien haben unter anderem auch bei Eierstockkrebs gezeigt, dass Mistelextrakte geeignet sind, Nebenwirkungen der Krebsstandardtherapie zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern. Alle verfügbaren Studien weisen allerdings gravierende methodische Mängel auf, so dass Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Mistelextrakttherapie bislang nicht als wissenschaftlich erwiesen gelten können. Ausnahme ist die palliative Therapiesituation in fortgeschrittenen Stadien – hier sind Mistelextrakte nachweislich in der Lage, die Lebensqualität zu verbessern.

Optimierung der Lebensqualität

Mamma Mia!: Was sonst können Frauen mit Eierstockkrebs tun, um ihre Lebensqualität zu optimieren?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Wie grundsätzlich alle Menschen sollten auch Frauen mit Eierstockkrebs auf ihren Lebensstil achten. Das heißt: Sie sollten sich, soweit möglich, regelmäßig bewegen, und sie sollten sich bewusst ernähren. Körperliche Aktivität kann Nebenwirkungen von Krebsstandardtherapien reduzieren und tut der körperlichen Verfassung insgesamt gut. Auch eine ausgewogene Ernährung kann zu einer besseren Verträglichkeit von Krebstherapien beitragen. Obst, Gemüse und Getreide sollte regelmäßig auf dem Speiseplan stehen, und es ist wichtig, ausreichend zu trinken. Speziell während der Chemotherapie sollten Frauen nur essen, was ihnen schmeckt. Nie sollten sie gesunde Nahrungsmittel mit Widerwillen essen, da es sonst passieren kann, dass ihnen gesunde Nahrungsmittel infolge der Chemotherapie auf Dauer verleidet werden.

Seriöse Naturheilkunde

Mamma Mia!: Viele Krebspatienten nehmen Vi­ta­mine in zum Teil hohen Dosen ein. Ist das wirklich empfehlenswert?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Vor der unkontrollierten Einnahme werbewirksam angebotener Mikronährstoffe, also Vitamine, Spurenelemente und sekundärer Pflanzenstoffe, ist unbedingt zu warnen. Viele auf dem Markt befindliche so genannte „alternative“ Krebsheilmittel berufen sich auf die angeblich krebsvorbeugende beziehungsweise krebsheilende Wirkung von Vitaminen und Spurenelementen. Solche Effekte gibt es aber nicht. Wissenschaftlich fundierte Langzeitstudien haben gezeigt, dass vitaminhaltige Nahrungsergänzungsmittel Krebserkrankungen nicht vorbeugen können. Mehr noch: Zu hoch dosierte Vitamine und Spurenelemente können schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen. Grundsätzlich sollten alle komplementärmedizinischen Wirkstoffe ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden. Eine Selbstmedikation sollte nicht erfolgen, schon gar nicht nach dem „Gießkannenprinzip“. Von der Devise „viel hilft viel“ profitiert in aller Regel nur der Verkäufer.

Mamma Mia!: Ein Problem bei pflanzlichen Präparaten sind die zum Teil erheblichen Qualitätsunterschiede. Wie kommt das?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Pflanzliche Heilmittel sind in der Regel komplexe Gemische sehr vieler Einzelkomponenten. Durch Klima und andere Umweltbedingungen sind Schwankungen in der Zusammensetzung der pflanzlichen Rohstoffe unvermeidbar, was zu Qualitätsunterschieden hinsichtlich der Wirkungen führen kann. Deshalb ist es wichtig, die Herstellung pflanzlicher Arzneimittel zu standardisieren. Vor allem problematisch sind Pflanzenextrakte aus anderen Kulturkreisen wie Asien oder Südamerika, wo oft weniger strenge Qualitätsauflagen gelten. Besondere Vorsicht ist bei der Einnahme von Kräutermischungen geboten, die nicht durch deutsche Behörden zertifiziert wurden. Hinzu kommt, dass sich Menschen verschiedener Herkunft zum Teil erheblich in ihrem Stoffwechsel unterscheiden. Daher können Arzneimittel, die etwa bei Chinesen wirksam sind, bei Europäern ohne Wirkung sein oder sogar nachteilige Effekte haben.

Mamma Mia!: In der öffentlichen Wahrnehmung findet eine trügerische Polarisierung zwischen synthetischen Medikamenten einerseits und sanften Naturheilmitteln anderseits statt. Könnten Sie das bitte gerade rücken?

Prof. Dr. Hans Josef Beuth: Menschen, die an Krebs erkranken, möchten alles tun, um ihre Heilungschancen zu verbessern. Auf der Suche nach ergänzenden Behandlungsmöglichkeiten konzentrieren sie sich auf die so genannten „natürlichen“ oder „sanften“ Methoden, denen unbewusst zwar Wirkungen, aber keine Nebenwirkungen zugeschrieben werden. Diese Annahme ist jedoch falsch: Auch Naturheilmittel enthalten wirksame Substanzen, und deshalb können auch Naturheilmittel unerwünschte Wirkungen haben. Hinzu kommt, dass Naturheilmittel, die Krebspatienten angeboten werden, oft unzureichend geprüft sind. Besondere im Internet tummeln sich viele selbst ernannte Experten mit Angeboten, denen Krebspatienten mit größter Vorsicht und Skepsis begegnen sollten. Durch Behandlungsversuche mit fragwürdigen Methoden wird wertvolle Zeit verschenkt, die besser in gut erprobte, wissenschaftlich untermauerte Therapien investiert worden wäre.


Prof. Dr. med. Hans Josef BeuthProf. Dr. med. Hans Josef Beuth
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