Zu wahr um schön zu sein

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Ein Kunstprojekt von Frauen für Frauen
Jede neunte Frau erkrankt in Deutschland im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Eine traurige Statistik. „Und trotzdem werden wir in unserer Gesellschaft nach Äußerlichkeiten, nach Schönheit gemessen“, sagt Reni Wolf, von Beruf Hebamme, die über ihre Brustkrebserkrankung den Weg zur Malerei gefunden hat. Doch wie lässt sich Schönheit in Anbetracht solcher Zahlen definieren? Was ist Schönheit eigentlich? Diese Frage möchte Reni mit ihren Bildern beantworten. Sie hat neun Frauen gemalt – acht mit Brustkrebs und eine gesunde Frau. Denn das ist das Verhältnis von gesunden zu kranken Frauen. Nur umgekehrt. Die Frauen zeigen sich nackt. Sie zeigen ihre Narben, ihren nicht mehr makellosen Körper. Der Betrachter ist aufgefordert, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Und die Frage: „Zu wahr um schön zu sein?“ für sich zu beantworten.

Das Projekt
Der Plan für ihr Projekt stand. Nun musste Reni Frauen finden, die sie unterstützen würden, die bereit wären, sich nackt malen zu lassen. Um anderen Betroffenen ihre Idee näher zu bringen und sie zur Teilnahme zu ermutigen, malte sie zunächst ein Selbstporträt. „Ich kann nichts von anderen Frauen erwarten, was ich nicht auch selbst bereit wäre zu tun“, resümiert sie ihre ersten Schritte. Sie musste nicht lange suchen, um eine ebenso bemerkenswerte Frau zu finden, die ihr half: Die Fotografin und Künstlerin Wanda Korfanty-Bednarek war von der Idee begeistert. „Mit Wanda habe ich eine Künstlerin gefunden, mit der ich diese Idee als Projekt verwirklichen kann. So sind Bilder und Fotos entstanden, die die Versöhnung und das ,weiterleben können‘ dokumentieren“, sagt Reni. Die beiden Frauen trafen sich für einen Fototermin. Schließlich brauchte Reni eine Vorlage für ihr Gemälde. „Es war unglaublich, was dieser Fototermin in mir bewirkte“, erzählt sie. „Mit jedem Foto kam ich mir und meinem neuen Körperbild etwas näher, lernte, mich so zu akzeptieren, wie ich jetzt aussehe. Plötzlich hat meine Narbe keine Rolle mehr gespielt. Im Vordergrund stand die Nacktheit. Das war eine ganz neue Erfahrung“. Und während sie ihr Foto abmalte, kam ihr der wunderbare Gedanke: „Eigentlich bin ich schön“.

Die Frauen
Reni wollte auch den anderen Frauen nicht zumuten, für ihre Gemälde stundenlang Modell stehen zu müssen. Ihr war bewusst, dass es für die Betroffenen nicht einfach sein würde, ihre Verletzungen, ihre Narben zu zeigen. So wurden mit den Frauen, die am Projekt teilnehmen wollten, nach und nach Fototermine vereinbart. „Diese Treffen mit Reni und den betroffenen Frauen gehören zu den wertvollsten Erfahrungen meiner künstlerischen Tätigkeit“, berichtet die Wanda, die neunte, die gesunde Frau.

Das Symbol
Reni ist glücklich. Monate der intensiven Arbeit liegen hinter ihr. Sie hat das erreicht, was sie sich zu Beginn ihrer Arbeit erhoffte: Sie konnte den Frauen helfen. Helfen, sich mit ihrem neuen Körperbild auseinanderzusetzen. Helfen, ihre Krankheit aktiv zu verarbeiten. Helfen, sich schön zu finden, sich zu mögen. Und das nicht nur durch die Bilder. Ein kleiner Fragebogen gab den Teilnehmerinnen Raum, ihre Gedanken aufzuschreiben. Dabei sollten sie sich überlegen, was ihnen wichtig ist im Leben. Jede Frau wählte ein Symbol, das Mut macht, das Kräfte verleiht. Ein Symbol, das nun Teil des jeweiligen Bildes ist.

Die Wahrheit
In einem Punkt sind sich die teilnehmenden Frauen heute einig: Schönheit hat nichts mit einem perfekten Äußeren zu tun. Schönheit ist mehr. Schönheit kommt von innen. Schönheit hat etwas mit Wahrhaftigkeit zu tun. Mit Hinsehen. Mit Akzeptanz. Mit Toleranz. Schön ist, was subjektiv als schön empfunden wird.