zurück zur Übersicht

Fort­schritt durch Studien

  • -
Print Friendly, PDF & Email

Die Fortschritte in der Krebsmedizin fußen auf einem umfangreichen Studienprogramm, in dem laufend neue Therapieoptionen geprüft werden. Prof. Dr. med. Jacobus Pfisterer, Direktor des Zentrums für Gynäkologische Onkologie in Kiel und Leiter zahlreicher nationaler und internationaler Studien der AGO-Studiengruppe (Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie), erläutert im folgenden Beitrag, wie solche klinische Studien ablaufen und was bei der Teilnahme an einer Studie wichtig ist.

Von einer vielversprechenden Wirksubstanz bis hin zum zugelassenen Medikament ist es ein weiter Weg. Zunächst durchlaufen solche Substanzen ein umfangreiches präklinisches Prüfprogramm, bei dem sie an Zellkulturen und/oder am Tiermodell auf Wirksamkeit und Verträglichkeit hin untersucht werden. Ist diese präklinische Prüfung mit überzeugenden Ergebnissen abgeschlossen, beginnt die klinische Prüfung am Menschen.

Die klinischen Studien laufen in mehreren Schritten, wobei die Zustimmung der Patienten zur Teilnahme an der jeweiligen Studie selbstverständlich in jedem Einzelfall die Voraussetzung ist. In der Onkologie werden erste Behandlungen am Menschen im Rahmen von Studien in der Regel an einigen wenigen Patienten durchgeführt, bei denen die herkömmlichen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, weshalb die neue Therapie für sie eine besondere Chance darstellen könnte. In dieser frühen Prüfphase steht zunächst einmal die Frage nach möglichen Nebenwirkungen im Vordergrund, aber es wird auch schon nach positiven Therapieeffekten geschaut. Zeichnen sich entsprechende Hinweise ab, geht die klinische Prüfung in die nächste Phase. Die Studien der Phasen 2 und 3, die ausschlaggebend sind für die Zulassung eines Medikaments, werden an größeren Patientenzahlen und unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt.

Was ist eine kontrollierte Studie?

Kontrollierte Studie heißt: Die Ergebnisse der zu prüfenden Therapie werden mit denen einer Kontrollgruppe verglichen. Es werden für die Studie also zwei Vergleichsgruppen gebildet, von denen die eine zum Beispiel mit der Standardtherapie plus dem neuen Medikament behandelt wird und die andere nur mit der Standardtherapie. Häufig wird ein plazebo-kontrollierter Vergleich durchgeführt, das heißt, die Kontrollgruppe würde in diesem Fall die Standardtherapie plus ein Plazebo erhalten. Ein Plazebo ist ein Scheinmedikament ohne medizinische Wirkung, also beispielsweise eine Tablette oder eine Infusion ohne Wirkstoff.

Die Patienten werden nach dem Zufallsprinzip auf die verschiedenen Studienarme (Standardarm, experimenteller Arm) verteilt. Mit dieser Randomisierung soll vermieden werden, dass Störeinflüsse das Studienergebnis verfälschen. Diesem Ziel dient auch die Durchführung einer Studie in doppelblindem Design, das heißt, weder die behandelnden Ärzte noch die teilnehmenden Patienten wissen, wer mit dem Prüfmedikament und wer mit dem Plazebo behandelt wird. Dadurch sollen suggestive Einflüsse auf das Studienergebnis ausgeschlossen werden.

Bei Eierstockkrebs als einer eher seltenen Erkrankung mit zirka 7.500 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland werden klinische Studien meist als nationale oder internationale Multicenter-Studien durchgeführt. Das heißt, an einer solchen Studie nehmen Patientinnen aus vielen klinischen Zentren in mehreren Ländern teil.
Um das eben skizzierte Vorgehen noch einmal konkret zu erläutern, nehmen wir als Beispiel die Angiogenese-Hemmer. Das sind Krebsmedikamente, die die Neubildung von Blutgefäßen verhindern und so die Versorgung des Tumors mit Sauerstoff und Nährstoffen unterbinden. Diese neuartigen Wirkstoffe wurden zunächst bei verschiedenen Krebsarten an Patienten mit zahlreichen Vortherapien geprüft. Nachdem sich die Angiogenese-Hemmer in diesen Untersuchungen als sicher und wirksam erwiesen hatten, wurden sie dann in großen, teilweise plazebo-kontrollierten Phase-3-Studien gegen die jeweilige Standardtherapie geprüft. Aufgrund der Ergebnisse dieser Studien stellen Angiogenese-Hemmer heute auch bei Eierstockkrebs eine etablierte Therapie­option dar, die den behandelnden Ärzten für viele Patientinnen im Rahmen der ersten Chemotherapie oder auch bei einem Rezidiv zur Verfügung steht.

Was bedeutet translationale Forschung?

Angesichts der Schwere der Erkrankung und des nach wie vor hohen Innovationsbedarfs zielt die onkologische Forschung darauf ab, vielversprechende Neuentwick­lungen möglichst rasch aus dem Experimentallabor in die klinische Anwendung zu bringen. Diese Art der anwendungsorientierten Forschung wird als translationale Forschung bezeichnet. Präklinische und klinische Forschung sind in der Onkologie eng vernetzt.

Häufig sind klinische Prüfstudien in der Onkologie so angelegt, dass sie gleichzeitig auch grundlegende Fragen zu klären versuchen. Zum Beispiel ist man sehr an der Frage interessiert, ob es bei einer bestimmten Krebserkrankung wie dem Ovarialkarzinom verschiedene Subtypen gibt, die eventuell unterschiedlich auf bestimmte Therapien ansprechen. Das Ziel ist, individuelle Tumoren anhand histologischer oder genetischer Merkmale zu typisieren und dann maßgeschneidert zu behandeln. Entsprechende Informationen lassen sich mit einer mehrarmigen klinischen Studie gewinnen, in der die Wirksamkeit des Prüfmedikaments bei Patienten verglichen wird, die sich hinsichtlich vermutlich relevanter Tumoreigenschaften unterscheiden.

Ein klassisches Beispiel dazu ist die antihormonelle Therapie bei Brustkrebs, die inzwischen seit vielen Jahren klinisch angewendet wird. Durch entsprechende Studien haben wir herausgefunden, dass nur Patientinnen, deren Tumorzellen Steroidrezeptoren aufweisen, von einer antihormonellen Therapie profitieren. Auch beim Ovarialkarzinom zeichnet sich aktuell eine differenzierte Indikation für den Einsatz bestimmter Medikamente ab. Seit kurzem wissen wir, dass Patientinnen, die eine Mutation für BRCA-1 beziehungsweise BRCA-2 aufweisen, besonders von einer neuen Substanzklasse, den PARP-Inhibitoren, profitieren können.

Was ist bei der Teilnahme an einer Studie zu beachten?

Viele Patienten werden sich fragen, was ihnen die Teilnahme an einer Studie bringt. Für die teilnehmenden Patienten bedeutet das vor allem, dass sie – unabhängig davon, in welchem Studienarm sie sich befinden – besonders gut betreut werden und zumindest nach dem optimalen Standard behandelt werden. Wer das Prüfmedikament erhält, hat zudem die berechtigte Chance, von einer neuartigen Therapie zusätzlich zu profitieren. Wir suchen die Patienten, die für eine Studie in Frage kommen, sehr sorgfältig aus, und nach meiner Erfahrung stimmen nahezu alle Patienten der Teilnahme an einer Studie zu, wenn man das Für und Wider ausführlich mit ihnen bespricht.

Die Risiken bei der Teilnahme an einer Studie sind kalkuliert – auch das ist natürlich eine Frage, die Patienten bewegt. Dramatische Komplikationen bei Gabe des neuen Medikaments sind durch die vorausgegangenen Studien so gut wie ausgeschlossen, und zudem werden Nebenwirkungen während der Studie engmaschig kontrolliert.
Sollte die Krebserkrankung während der Studie fortschreiten, wird der betroffene Patient – in Abhängigkeit von der untersuchten Fragestellung – in der Regel nicht weiter mit der Studienmedikation, sondern anderweitig optimal behandelt. In den Datenpool der Studie geht dieser Einzelverlauf mit ein und wird entsprechend bei der Endauswertung berücksichtigt.

Außerdem haben Patienten das Recht, von sich aus die Behandlung im Rahmen einer Studie jederzeit abzubrechen. Es kann immer Gründe für eine solche Entscheidung geben, deshalb ist es für Patienten wichtig zu wissen, dass diese Möglichkeit grundsätzlich besteht. Man versucht natürlich durch eine entsprechende Auswahl der Patienten einen vorzeitigen Ausstieg wenn irgend möglich zu vermeiden.

Eine weitere Regelung, die der Sicherheit dient, aber zum Glück nur extrem selten in Anspruch genommen werden muss, ist die so genannte Probanden-Versicherung. Wer an einer klinischen Studie teilnimmt, ist automatisch gegen Gesundheitsverletzungen, die durch die Behandlung verursacht werden, versichert. Aber wie gesagt: Das wird so gut wie nie relevant.


Prof. Dr. med. Jacobus PfistererProf. Dr. med. Jacobus Pfisterer
Zentrum für Gynäkologische Onkologie
Herzog-Friedrich-Straße 21
24103 Kiel
Tel.: +49 (0)431 672525
Fax: +49 (0)431 678998
E-Mail
www.frauenundkrebs.de

zurück zur Übersicht