zurück zur Übersicht

Weg­weiser für die ­Erst­erkran­kung

  • -
Print Friendly, PDF & Email

Die Diagnose „Eierstockkrebs“ wirft eine Vielzahl von Fragen auf, und betroffene Frauen sollten sich Zeit nehmen, diese Fragen zu klären. Zwar empfehlen Ärzte, möglichst zügig mit der erforderlichen Therapie zu beginnen, es gibt aber keinen Grund, die Dinge zu überstürzen. Erst einmal ist es für eine erkrankte Frau wichtig, Ärzte zu finden, die Erfahrung mit der Erkrankung haben, und bei denen sie sich gut aufgehoben fühlt.

Die Arztwahl ist entscheidend

Die Behandlung bei primärem, also erstmals auftretendem, Eierstockkrebs besteht in aller Regel aus einem chirurgischen Eingriff plus Chemotherapie. Die Operation hat das Ziel, den Tumor möglichst vollständig zu entfernen, und die anschließende Chemotherapie soll eventuell noch im Körper verbliebene Krebszellen zerstören. Diese beiden Therapieoptionen ergänzen sich und werden meist in derselben Klinik durchgeführt.

An Eierstockkrebs erkrankte Frauen sollten sich sehr genau über die Qualitätsstandards der infrage kommenden Kliniken informieren. Denn: Die Qualität der onkologischen Behandlung ist nicht überall gleich, und die Auswahl der Klinik kann einen erheblichen Einfluss auf die Prognose haben.

Die Behandlung von Krebserkrankungen wird fortlaufend optimiert. Vielversprechende neue Therapieoptionen werden laufend in klinischen Studien überprüft und bei positivem Ausgang der Studien in die Behandlungskonzepte integriert. Auch beim Eierstockkrebs hat dieses Vorgehen in den letzten Jahren zu wichtigen Fortschritten geführt. Allerdings kann es unterschiedlich lange dauern, bis die aktualisierten Therapieempfehlungen auch wirklich im klinischen Alltag Anwendung finden: In onkologischen Zentren vollzieht sich dieser Erkenntnistransfer in aller Regel schnell, aber in nicht spezialisierten Kliniken ist das keineswegs immer garantiert.

Bessere Chancen in Kompetenzzentren

Es hat sich herausgestellt, dass Frauen mit Eierstockkrebs in Zentren, die auf die Erkrankung spezialisiert sind, und in denen onkologische Studien durchgeführt werden, bestmöglich behandelt werden. Die Prognose ist dort bei vergleichbarem Ausgangsbefund sehr viel besser als in Kliniken, die nicht in das onkologische Studienprogramm eingebunden sind. Dieser nachweisliche Prognosevorteil ist unabhängig davon, ob eine Frau selbst an einer klinischen Studie teilnimmt oder nicht. Näheres dazu ist auf der Webseite des Europäischen Kompetenzzentrums Eierstockkrebs zu erfahren (www.eierstockkrebsforum.de).

Expertise und Erfahrung der Ärzte sind also ganz entscheidend für den Behandlungserfolg. Das gilt für den Chirurgen ebenso wie für den internistischen Onkologen, der für die medikamentöse Tumortherapie verantwortlich ist. Gerade bei Eierstockkrebs – einer seltenen Krebserkrankung mit unterschiedlichen Facetten – ist es für nicht spezialisierte Ärzte schwierig, ausreichend Erfahrung zu sammeln.

Frauen, bei denen der Verdacht auf Eierstockkrebs besteht, sollten sich deshalb unbedingt sachkundig machen, wo in ihrer Wohnortnähe eine qualitätsgesicherte Diagnostik und Behandlung gewährleistet ist. Ihr Hausarzt oder Gynäkologe, aber auch Krebsberatungsstellen können ihnen bei der Suche nach einer geeigneten Klinik behilflich sein. Krebsberatungsstellen sind über den Krebsinformationsdienst des ­Deutschen Krebsforschungszentrums zu finden (www.­krebsinformationsdienst.de).

Krankenhäuser sind gesetzlich dazu verpflichtet, alle zwei Jahre einen strukturierten Qualitätsbericht vorzulegen. Die Verbände gesetzlicher und privater Krankenkassen veröffentlichen diese Qualitätsberichte im Internet. Auch eine direkte Anfrage bei der eigenen Krankenkasse kann bei der Kliniksuche sinnvoll sein.

Im Jahr 2000 wurde von der Kommission Ovar der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) ein Zertifizierungsprogramm zur Verbesserung der Versorgungsqualität von Patientinnen mit Eierstockkrebs eingeführt. Kliniken können sich daran freiwillig beteiligen. In Phase I der Qualitätssicherung wird erfasst, wie viele Patientinnen mit Eierstockkrebs in der jeweiligen Klinik behandelt wurden und ob diese an klinischen Studien teilgenommen hat. In Phase 2 werden die anonymisierten Daten der Patientinnen genauer analysiert. Auf der Webseite www.eierstock-krebs.de können sich Frauen, die an Eierstockkrebs erkrankt sind, einen Überblick über zertifizierte Kliniken in ganz Deutschland verschaffen.

Vernetzte Kompetenz

Unter anderem die Deutsche Krebshilfe engagiert sich sehr dafür, die Versorgung von Krebspatienten flächendeckend auf den besten Stand zu bringen. Ein Netzwerk aus Onkologischen Spitzenzentren, Klinischen Onkologischen Zentren und Organkrebszentren soll dies sicherstellen: Die aktuell 13 onkologischen Spitzenzentren sind Kliniken, in denen Krebsmedizin nach höchsten internationalen Standards angeboten wird. Gleichzeitig erfüllen diese Spitzenzentren beratende Funktionen: Sowohl Ärzte als auch Patienten können sich hier beraten lassen. Von den Spitzenzentren, die eng mit Krankenhäusern und Ärzten ihrer Region zusammenarbeiten, sollen nach dem Gießkannenprinzip wichtige Impulse für eine auf hohem Niveau qualitätsgesicherte Krebsmedizin ausgehen. Auch Forschungsaktivitäten sollen von hier aus gebündelt werden.

Für Frauen, die an familiärem Brust- beziehungsweise Eierstockkrebs erkrankt sind, gibt es spezielle Kompetenzzentren. Diese sind auf der Webseite des BRCA-Netzwerks zu finden, einer gemeinsamen Initiative der Frauenselbsthilfe nach Krebs, dem Deutschen Konsortium „Familiärer Brust- und Eierstockkrebs“ und der Deutschen Krebshilfe.

Eine wichtige Maßnahme zur Gewährleistung einer optimalen Versorgungsqualität ist die Einrichtung so genannter Tumorboards. Bei diesen Tumorkonferenzen kommen Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen, um das diagnostische und therapeutische Vorgehen bei der individuellen Patientin eingehend zu besprechen. Bei Eierstockkrebserkrankungen werden dem Tumorboard ein entsprechend spezialisierter Gynäkologe, ein internistischer Onkologe und ein Chirurg angehören. Auch ein Pathologe, der für die Analyse des Tumorgewebes zuständig ist, und eventuell ein Genetiker zählen zum interdisziplinären Team. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Tumorboard ermöglicht einen ganzheitlichen Blick auf den individuellen „Fall“ mit all seinen Aspekten, wobei unterschiedliche Spezialisten die therapeutischen Optionen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Dieses Vorgehen hat sich bewährt und kann – das ist nachgewiesen – die Prognose von Krebspatienten günstig beeinflussen.

Das Recht auf eine Zweitmeinung

Der Verdacht auf Eierstockkrebs ergibt sich häufig durch Untersuchung bei einem niedergelassenen Gynäkologen, und der leitet dann die nächsten diagnostischen Schritte ein. Es kann sein, dass er die betroffenen Frauen umgehend an ein onkologisches Zentrum überweist, aber dies ist nicht immer der Fall. Wer – aus welchen Gründen auch immer – gerne noch eine zweite Meinung einholen möchte, der sollte das unbedingt tun.

Angesichts der Seltenheit von Eierstockkrebs und der Vielzahl von Tumortypen macht es Sinn, sich in einem Kompetenzzentrum vorzustellen und beraten zu lassen. In ganz besonderem Maße gilt das in „Zweifelsfällen“, wie bei so genannten Boarderline-Tumoren, die zwischen gut- und bösartigen Tumoren angesiedelt sind. In solchen Fällen wird von Medizinern das Einholen einer zweiten Meinung ausdrücklich empfohlen.

Frauen, die an Eierstockkrebs erkrankt sind, sollten sich also nicht scheuen, einen zweiten Arzt zu konsultieren. Sie haben das Recht auf eine zweite Meinung! Sollte der zunächst aufgesuchte Arzt mit Unmut reagieren, ist dies ganz klar als Argument zu werten, das gegen diesen Arzt spricht.

Checkliste für das Beratungsgespräch

Ganz wichtig für jedes Beratungsgespräch ist eine gute Vorbereitung. Am besten sollten sich Frauen vor einem solchen Termin eine Liste mit allen Fragen machen, die sie gerne beantwortet hätten. Während des Gesprächs kann es sonst leicht passieren, dass wichtige Punkte nicht zur Sprache kommen.

Neben dem therapeutischen Vorgehen ist auch die Therapieverträglichkeit ein Aspekt, der thematisiert werden sollte. Es gibt heute vielfältige Möglichkeiten, Nebenwirkungen von Krebstherapien aufzufangen und so die Lebensqualität zu optimieren. Ob diese Möglichkeiten auch wirklich genutzt werden, stellt ein wichtiges Gütekriterium bei der Auswahl einer geeigneten Klinik dar.

Frauen, die sich ein Bild machen möchten, sollten alle drängenden Fragen offen ansprechen. Es gibt keine dummen Fragen, und ein Beratungs- beziehungsweise Sondierungsgespräch ist auch ein guter „Test“ dafür, welcher Umgang in der betreffenden Klinik mit Patientinnen gepflegt wird. Für Frauen, die gerade erst mit der Krebsdiagnose konfrontiert wurden, ist es besonders wichtig, dass sie mit Einfühlungsvermögen und Respekt behandelt werden. Bei der Entscheidung für oder auch gegen eine Klinik wird deshalb immer auch das Bauchgefühl eine gewisse Rolle spielen.

Angebote des Europäischen ­Kompetenzzentrums Eierstockkrebs

Am Europäischen Kompetenzzentrum Eierstockkrebs (EKZE) der Charité Berlin ist eine Hotline eingerichtet, die sowohl Patientinnen als auch Ärzten für Fragen zur Verfügung steht. Die Ärzte dieser Arzt-Patienten-Hotline sind montags bis freitags zwischen 8:00 und 16:00 Uhr unter der Ruf­nummer +49 (0)30 450664600 zu erreichen. Außerdem bietet das EKZE Patientinnen den kostenlosen Service, eine schriftliche Zweitmeinung zu gynäkologischen Tumoren einzuholen. Weitere Informationen erhalten Sie unter der Ruf­nummer: +49 (0)30 450564403 oder per E-Mail.

zurück zur Übersicht