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Patienten ein Stück auf ihrem letzten Weg begleiten

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Wenn die medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und das Lebensende absehbar ist, kann eine spezielle Begleitung bei der Bewältigung dieser Situation helfen. Palliativpsychologie nennt sich diese noch relativ junge Disziplin. Mamma Mia! sprach mit Dr. Daniel Berthold, Mitbegründer des Instituts für Palliativpsychologie.

Mamma Mia!: Palliativpsychologie ist den wenigsten Menschen ein Begriff. Was genau versteht man darunter?

Dr. Daniel Berthold: Kurz gesagt befasst sich die Palliativpsychologie mit psychologischen Aspekten bei palliativen Erkrankungsverläufen. Das sind Erkrankungsverläufe, bei denen die Genesung nicht mehr im Vordergrund steht. Oft geht dies mit einer hohen Symptomlast, also mit Schmerzen, Atemnot oder Fatigue einher und das Lebensende ist absehbar. Das vorrangige Behandlungsziel ist es dann, die Lebensqualität der Betroffenen möglichst lange zu erhalten oder, wenn möglich, sogar zu erhöhen. Dies wird in unterschiedlichen stationären und ambulanten Situationen von der spezialisierten Palliativversorgung geleistet. Die Teams der Palliativversorgung haben den Anspruch, möglichst multiprofessionell zu arbeiten, sodass oft verschiedene Berufsgruppen wie Pflege, Medizin und Seelsorge gemeinsame Teams bilden. Innerhalb dieser Teams leistet die Palliativpsychologie ihren Beitrag mit den entsprechenden psychologischen Methoden. Was den Einsatzort der Palliativpsychologie anbelangt, bringt dies eine Besonderheit mit sich: Indem sich Palliativpsychologen den palliativen Versorgungsformen anschließen, sind sie nicht nur im Krankenhaus, sondern auch im häuslichen Umfeld, im Pflegeheim oder im Hospiz – über die sogenannte spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) – tätig. Das ist für schwerkranke Menschen ein bedeutender Vorteil. Denn in den wenigsten Fällen sind Palliativpatienten noch in der Lage, eine psychologische oder psychotherapeutische Praxis aufzusuchen.

Mamma Mia!: Seit wann gibt es diese Disziplin? Welche Qualifikationen oder Zusatzausbildung sind notwendig?

Dr. Daniel Berthold: Die Anfänge der Palliativpsychologie liegen wohl in der Erkenntnis der klinischen Praktiker selbst. Dass nämlich die Psychologie auf ein äußerst vielfältiges Spektrum von Kompetenzen zurückgreifen kann, wenn es um die Begleitung schwerer Erkrankungen geht. Zum anderen besteht gerade in der Versorgung Sterbender immenser Bedarf an fachspezifischer psychologischer Unterstützung. Als einer der ersten offiziellen Meilensteine der Palliativpsychologie im deutschen Versorgungsraum ist sicherlich das „Basiscurriculum Palliative Care für Psychologen“ zu nennen, das im Jahr 2013 von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) herausgegeben wurde. Damit existierte erstmals ein Weiterbildungsrahmen für Psychologen, die sich auf Grundlage ihres Studienwissens auf diesen Bereich spezialisieren wollen. Dieses Curriculum stellt auch eine der Voraussetzungen des mittlerweile formulierten „Berufsbildes Palliativpsychologe/in“ der Deutschen Gesellschaft für Psychologie dar.

»In der Versorgung Sterbender und ihrer Angehörigen besteht ein immenser Bedarf an fachspezifischer psychologischer Unterstützung.«

Mamma Mia!: Haben Sie viel Kontakt zu Krebspatienten?

Dr. Daniel Berthold: Grob geschätzt leiden 80 bis 90 Prozent meiner Patienten an einer Krebserkrankung. Aber der Anteil an nichtonkologischen Erkrankungen nimmt stetig zu. Ich bin auch regelmäßig im Kontakt mit Patienten, die unter Erkrankungen wie ALS, COPD, Multipler Sklerose, Herzinsuffienz oder Neurofibromatose leiden. Die Erkrankungsarten unterscheiden sich teils erheblich in der Art ihrer Verläufe, ihrer Funktionseinschränkungen und ihrer Auswirkungen auf das familiäre Umfeld. Palliativpsychologen sind daher krankheitsübergreifend informiert und kennen die Besonderheiten unterschiedlicher palliativer Erkrankungsbilder.

Mamma Mia!: Worauf blicken die Menschen in ihrer letzten Lebensphase zurück?

Dr. Daniel Berthold: Das hängt sehr vom einzelnen Menschen ab. Manche Patienten hadern sehr mit der Vergangenheit, bedauern etwa ein „nicht gelebtes Leben“. Andere wiederum erinnern sich in großer Dankbarkeit an all das Gewesene. Um derartige Biografiearbeit zu unterstützen, wird die sogenannte Würdezentrierte Therapie eingesetzt – eine Methode, mit der Patienten durch autobiografische Reflexion in ihrem Würdeerleben gestärkt werden.

Mamma Mia!: Mit welchen Themen werden Palliativpsychologen besonders häufig konfrontiert?

Dr. Daniel Berthold: Es gibt drei große Themen, zu denen Palliativpsychologen beauftragt werden. Erstens geht es um die Frage der Bewältigung. Wie können wir damit umgehen, dass die Prognose schlechter ausfiel als erwartet? Wie sollen wir den Verlust einer bestimmten Person jemals verkraften? Zweitens geht es immer wieder um anstehende Entscheidungen. Wo ist der beste Versorgungsort für mich? Ist schon der richtige Zeitpunkt für eine Erhöhung der Schmerzmittel? Und drittens gibt es häufig Bedarf bei der kommunikativen Vermittlung zwischen allen Beteiligten in einer palliativen Situation. Wann sollen wir es unseren Kindern sagen und welche Worte eignen sich dafür? Was meinte die Ärztin damit, dass ich eine palliative Chemotherapie erhalten soll?

Mamma Mia!: Welche Angebote und Hilfestellungen können Sie bei der Bewältigung dieser Probleme machen?

Dr. Daniel Berthold: Je nach Behandlungsauftrag geht es in palliativpsychologischen Sitzungen manchmal eher um psychologische Beratung: Aufklärung und Information, etwa zur anstehenden Behandlung und Versorgung, stehen dabei im Vordergrund. Dies ist nicht zu unterschätzen, da eine ausreichende Informiertheit von Betroffenen und Angehörigen grundlegend ist sowohl für die therapeutische Adhärenz, also das Befolgen der Behandlung, als auch für das Gefühl von Selbstbestimmtheit auf dem letzten Lebensweg. Auf einer tieferen Bearbeitungsebene bieten Palliativpsychologen dann Prozessbegleitungen an: Palliative Bedarfssituationen sind zumeist als Prozess zu verstehen. Es geht wesentlich darum, die Patienten nicht nur punktuell, sondern ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten. Manchmal sind dies Begleitungen, die auch eine intensive emotionale Arbeit miteinschließen. Etwa wenn die Traurigkeit nicht nachlässt oder wenn Ängste aufkommen, die schwer auszuhalten sind. Palliativpsychologen helfen dabei, diese Gefühle zu betrachten, neu zu bewerten und gegebenenfalls auch zuzulassen.

Mamma Mia!: Neben den Betroffen leiden häufig auch die Angehörigen unter der Situation. Können auch sie von den Angeboten profitieren?

Dr. Daniel Berthold: Es ist bekannt, dass Angehörige psychisch nicht unbedingt weniger belastet sind als die Betroffenen selbst. Dies erklärt sich durch die hohen Belastungen im Zusammenhang mit völlig neuen und anspruchsvollen Aufgaben wie etwa der Pflege des erkrankten Familienmitglieds oder dem Management der zahlreichen Termine. Aber auch der abrupten Rollenwechsel in der Familie („Wer kocht jetzt für die Kinder?“) und die häufige Doppelbelastung („Wie soll ich meinem Beruf noch nachkommen?“) erleben Angehörige als überaus fordernd. Wenn Palliativpsychologen beauftragt werden, sprechen sie gerne davon, „in die Familie zu gehen“. Sie heben den Blick über die erkrankte Person hinaus auf das soziale Umfeld. Und nicht zuletzt haben sie auch die Behandelnden mit im Blick: Gibt es Kommunikationsprobleme? An welcher Stelle gelangen gegebenenfalls auch Behandelnde an ihren Grenzen?

Mamma Mia!: Wie und wo können Patienten palliativpsychologische Begleitung in Anspruch nehmen?

Dr. Daniel Berthold: Die spezialisierte Palliativversorgung wird im häuslichen Umfeld über den Hausarzt initiiert – sofern die gesundheitlichen Voraussetzungen gegeben sind. Zu diesen Voraussetzungen gehören eine besondere Aufwändigkeit der Versorgung sowie das Leiden an einer fortschreitenden, unheilbaren Erkrankung. In diesen Fällen haben Patienten einen bundesweiten Rechtsanspruch auf eine Kostenübernahme im Rahmen der Regelversorgung. Innerhalb von Krankenhäusern findet sich „palliative Kompetenz“ auf Palliativstationen, aber auch in Form sogenannter palliativer Konsildienste, die Patienten stationsübergreifend besuchen. Dort initiieren dann die Stationsärzte die Palliativversorgung. Patienten und Angehörige, die bei sich einen entsprechenden Bedarf erkennen, können ihren Hausarzt bzw. Krankenhausarzt auf die Palliativversorgung aktiv ansprechen. Die palliativpsychologischen Begleitungen selbst können dann über alle Palliativ-Teams angeboten werden, die entsprechend qualifizierte Psychologen in ihrem Team vorweisen können. Erfreulich ist, dass die Zahl der Kollegen in den letzten Jahren stetig wächst.

»Eine ausreichende Informiertheit ist grundlegend für das Gefühl von Selbstbestimmtheit auf dem letzten Lebensweg.«

Zum Autor
Daniel Berthold ist Diplom-Psychologe, Psychoonkologe (DKG) und Palliativpsychologe (DGP). Nach
dem Studium der Psychologie in Wuppertal und Frankfurt am Main ist er seit 2014 am Universitätsklinikum
Gießen und Marburg wissenschaftlich und klinisch-psychologisch tätig. Er ist Mitbegründer des Instituts für Palliativpsychologie in Friedberg sowie Dozent für Palliativmedizin an verschiedenen Einrichtungen.

Zum Institut
Das Institut für Palliativpsychologie, ansässig im hessischen Friedberg, wurde 2012 gegründet.
Es bietet palliativpsychologisch fundiert Fort- und Weiterbildungen für Mitarbeitende im Palliativ- und Hospizbereich an. Daneben widmet sich das Institut der palliativpsychologischen Forschung.
Institut für Palliativpsychologie
Kleine Klostergasse 16,
61169 Friedberg
E-Mail: daniel.berthold@palliativpsychologie.de

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