Wechselwirkung: Vitamine und Chemotherapie

  • -
Print Friendly, PDF & Email

Vitamine spielen eine wichtige Rolle für verschiedene Funktionen in unserem Körper. Bei einer Chemotherapie könnten sie aber eine eher negative Wirkung haben.


Den Körper stärken, Nebenwirkungen abfangen, etwas für sich tun, den Heilungsprozess sanft unterstützen – es gibt viele Gründe, warum Krebspatienten ergänzend zu ihrer Krebstherapie zu hochdosierten Vitaminpräparaten und Nahrungsergänzungsmitteln greifen. Was schon lange im Raum steht, wird laut einer im Dezember 2019 im Journal of Clinical Oncology veröffentlichten Studie erneut bestätigt: Die Verwendung einiger Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel vor oder während der Chemotherapie könnte mit einer erhöhten Rezidiv (also Rückfall-) und Sterberate verbunden sein.

Negative Wirkung von Vitaminen und Co.

Die Chemotherapie hat das Ziel, Krebszellen zu zerstören. Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel könnten diese gewünschte Wirkung stark beeinträchtigen. Daher sollten Patientinnen vor der Therapie darauf hingewiesen werden, dass deren Einnahme während der Chemotherapie nicht empfohlen werden kann. Die Patientinnen in der zitierten Studie erhielten alle die gleiche Chemotherapie (Doxorubicin, Cyclophosphamid und Paclitaxel). Sie wurden vor Beginn der Chemotherapie und nach Abschluss der Behandlung zu ihrer Einnahme von Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln befragt. Rezidive und Überlebensraten wurden sechs Monate nach der Registrierung in der Studie erfasst.

Insgesamt wurden 1.134 Patientinnen in die Studie einge- schlossen. 251 hatten zum Zeitpunkt der Auswertung ein Rezi- div und 181 waren verstorben. 17,5 Prozent gaben an, während der Chemotherapie Antioxidantien (Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E, Carotinoide und Coenzym Q12) eingenommen zu haben, 44 Prozent nahmen Multivitaminpräparate.

Die Auswertung der Studie zeigte:

  • Die Einnahme von Antioxidantien vor und während der Chemotherapie war mit einem erhöhten Rückfall und Sterberisiko verbunden, die Zahlen waren jedoch statistisch nicht signifikant. Ob die Antioxidantien aus- schließlich vor oder nur während der Therapie eingenom- men wurden, schien keinen Unterschied zu machen.
  • Die Wissenschaftler konnten nicht feststellen, ob ein spezifischer Zusammenhang zwischen der Einnahme einzelner Antioxidantien und dem erhöhten Risiko besteht. Zwar gab es beispielsweise einen auffälligen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Vitamin A und einer Risikoerhöhung, aber die Analyse umfasste nur fünf Patientinnen.
  • Die Einnahme von Vitamin B12, das nicht als Antioxidans wirkt, vor und während der Chemotherapie war ebenfalls mit einem erhöhten Rezidiv- und Sterberisiko verbunden.
  • Die Ergänzung von Eisen während der Chemotherapie war ebenso mit einem höheren Rezidivrisiko verbunden, unabhängig davon, ob es vor oder während der Therapie eingenommen wurde.
  • Die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren vor und während der Therapie war mit einem erhöhten Rezidivrisiko verbunden, erhöhte aber nicht das Sterberisiko.
  • Bei der Einnahme von Multivitaminen, Vitamin D, Gluco- samin, Melatonin, Acidophilus, Folsäure oder Vitamin B6 konnte kein Risikoanstieg beobachtet werden.

Bedeutung für die Praxis

Eine der Schlussfolgerungen des Autorenteams um Dr. Christine Ambrosone vom Roswell Park Comprehensive Cancer Center in Buffalo, New York, war, dass „wir einen gewissen Beweis für die Annahme gefunden haben, dass die Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln während der Chemotherapie einen negativen Einfluss auf das Wiederauftreten der Krankheit und das Gesamtüberleben haben könnte.“

Dr. Deanna J. Attai von der University of California in Los Angeles hat sich die Studie genau angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass „dies eine Beobachtungsstudie war. Ursache und Wirkung können daher nicht klar definiert werden.“ Ferner, so Dr. Attai, war die Anzahl der Frauen in einzelnen Antioxidantien-Gruppen sehr klein. Das könnte das Ergebnis verzerren. Sie weist außerdem darauf hin, dass in Presseberich- ten zwar von einem 40-prozentigen Risikoanstieg für Rezidive und Tod durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln die Rede ist, diese Zahl aber nicht statistisch signifikant war. Sie kritisiert, dass nur relative und nicht absolute Zahlen aufgeführt wurden. Schließlich stellten auch die Autoren fest, dass

„bereits eine Studie […] im Jahr 2010 ergab, dass nicht genügend Beweise für die Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln vorhanden sind, um Empfehlungen abzugeben, und dass dies möglicherweise immer noch der Fall ist.“

Offen mit dem Arzt sprechen

Auch wenn aus dieser Studie keine verbindlichen Richtlinien abgeleitet werden können, sollten Patienten, die eine Chemotherapie erhalten, ihr medizinisches Team über alle Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel informieren, die sie einnehmen. Außerdem kann – wie bisher – von einer Einnahme von hochdosierten Antioxidantien während der Chemotherapie abgeraten werden. Größere, randomisierte Studien wären wünschenswert um verlässlichere Aussagen treffen zu können.

Mehr Informationen
Studie: Dietary Supplement Use During Chemotherapy and Survival Outcomes of Patients with Breast Cancer Enrolled in a Cooperative Group Clinical Trial (SWOG S0221); http://www.ascopubs.org/doi/full/10.1200/JCO.19.01203
Blog von Dr. Deanna J. Attai: http://www.drattai.com