Dating – mit Krebs

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Und dann stehst du da, übergewichtig, leicht metastasiert, getrennt von Ehemann und von der linken Brust und fragst dich, ob du womöglich ungeküsst von dieser Welt gehen wirst. So ging es Sandra 2021, mitten in der Coronazeit.

Schon allein metastasierten Brustkrebs zu haben, ist ein Tabu. Sich in diesem Zustand nach 23 Jahren Ehe vom Gatten zu trennen, ist erst recht eins. Und sich dann noch auf Dating-Plattformen zu tummeln – ein Frevel. Jetzt aber der Reihe nach…

Dass Krebs metastasieren kann, wissen wir. Und dass Ehen über eine Krebserkrankung kaputtgehen können, ist auch bekannt. Vielleicht war es bei mir eine Kombination aus einer abgeliebten Ehe und Zukunftsangst. Die Partnerschaft hat beides nicht mehr ausgehalten. Und bevor es meinem „Mann“ gelang, mich mit meiner Freundin zu betrügen, konnte ich die Reißleine ziehen und habe mich von ihm getrennt. Hierzu ein kleines Gedächtnisprotokoll aus dem Telefonat mit der Krebsberatungsstelle: Berater: „Sie sind terminal und wollen sich trennen… und, äh, eine Scheidung ist in dieser Phase, äh, ungewöhnlich und so einen Fall hatte ich noch nie. Ich werde mal meine Kollegin fragen, die das juristisch beleuchten kann und melde mich dann bei Ihnen. Ich bin erst eine Woche hier in der Beratungsstelle und müsste mir da zur Orientierung Unterstützung holen.“ Der gute Mann war mit seinem Bemühen so ein wunderbarer Ratgeber – mit all seiner Authentizität und seiner Professionalität und seinem Einfühlungsvermögen, dass er mich in der Entscheidung, einen Anwalt zu Rate zu ziehen, bestärkte. Er muss zwischendurch geglaubt haben, ich sei gar keine reale Patientin, sondern von der Abteilung „Qualitäts­sicherung“, die ihn in der Probezeit auf Herz und Nieren prüfen will – erschien mein Fall doch arg konstruiert.

Wellnesswochenende statt Ehering

Ein Konstrukt ist nun auch diese Eltern-­WG, die wir irgendwie in das gemeinsame Reihenhaus gebastelt haben. Erfahrene Geschiedene werden an dieser Stelle wohl schmunzeln müssen, da sie vermutlich vorhersagen können, dass diese WG nicht funktionieren wird und nur eine Phase der Trennung ist. Den Ehering habe ich jedenfalls verkauft, und zwar auf dem Rück­weg vom Klinikum, nachdem ich meine wöchentliche Chemo erhalten hatte. Mit dem Erlös des Ringverkaufs verbrachte ich ein Wochenende mit meiner besten Freundin in einer Hotel­suite mit Wellness und allem Chichi. Wunderschön. Meine liebe Simone, meine Seelenverwandte, Auffängerin, mein Leuchtturm. Gesegnet fühle ich mich, so eine Lebensfreundin an meiner Seite zu haben. Seit 37 Jahren. Mir ist bewusst, dass wir etwas Besonderes miteinander haben und wäre ich nicht heterosexuell, hätte ich sie schon längst… geheiratet.

Sehnsucht nach Geborgenheit und Sex

Aufgefangen werden, gehalten, umarmt, geküsst zu werden und, ja, auch Sex zu haben, das blieb trotz meiner guten Freunde, trotz eines großartigen sozialen Netzes, das mich trägt, eine Sehnsucht, die mich als Krebspatientin wohl von keiner an­deren Frau unterscheidet. Mir einzugestehen, dass ich mich nach Umarmungen und Küssen eines Mannes sehne, wurde gebremst von Gedanken, wer sich überhaupt auf mich einlassen wird. Wer wird mich in meinem Zustand attraktiv finden? Wem werde ich antun, dass ich womöglich nicht mehr lange auf dieser Welt sein werde? Werde ich mich überhaupt fallen lassen können, um gehalten zu werden? Und woher zur Hölle sollte ich überhaupt so einen Mann herbekommen?

Online-Dating mit offenen Karten

Also gut. Dann probiere ich eben mal Online ­Dating auf einem halbwegs seriösen Portal aus. Was habe ich zu verlieren? Mein Herz? Ich werde darauf aufpassen. Herrje, wie präsentiert man sich? Soll ich die Krebskarte gleich in den Ring werfen? Ich entschied mich dafür, sofort mit offenen Karten zu spielen: Metastasierte Krebspatientin mit Übergewicht, getrennt lebend in Eltern­ WG mit dem Kindsvater im Reihenhaus sucht … Foto hochladen und ab dafür. Natürlich pries ich noch meine Vor­züge gefällig an und es gelang, obwohl ich optisch nicht gerade im oberen Drittel anzusiedeln bin, vielfältige Kontakte zu rekru­tieren. Ich ahnte ja nicht, was sich da für ein Markt auftat. Gerne würde ich jetzt sagen, dass ich darüber auch neue Freunde gefunden habe, aber, äh, nein. Vielleicht hätte ich dafür länger auf dem Portal durchhalten müssen, aber auch das, äh, nein. Als freundlicher Mensch antwortete ich selbst auf die skurrilsten Anfragen korrekt und höflich:

„Vielen Dank für deine Kontaktaufnahme, aber ich befürchte, ich passe nicht in den Fußraum deines VW Polos.“ „Das klingt verlockend, doch finde ich einen Waldparkplatz nicht geeignet für ein erstes Date.“ „Nein, ich besitze keine Holzschuhe, aber wenn ja, wäre es durchaus vorstellbar, dass ich sie strumpflos tragen würde… Ach so. Nein, ich möchte das dabei entstehende Geräusch nicht beschreiben.“ „Bub, ich könnte deine Mutter sein.“ „Nachdem ich diese Buchstabenkombination gegoogelt habe, muss ich dir mitteilen, dass du dahingehend keine Freude an mir hättest.“ Dies nur eine kleine Auswahl der Highlights.

Vier Männer und die Krebsmutti

Ich bekam auch sehr nette und interessante Anfragen und nahm zu einer Handvoll Männern Kontakt auf. Es entspannen sich lustige und schreckliche Dialoge, aber auch Chatgesprä­che, die schön und tiefgründig waren. Mit vier Männern traf ich mich. Wie aufregend. Da wollte sich doch tatsächlich ein echter Mann mit Krebsmutti treffen. Ich fühlte mich … ja, wie fühlte ich mich? Jung. Begehrenswert. Fernab vom Krebsalltag. Schön. Was für eine Erfahrung! Ich hatte mich tatsächlich getraut und saß mit Udo auf der Parkbank. Wir beide etwas verlegen, beide unerfahren im Dating, scherzten uns um Kopf und Kragen und hatten in der Tat einen schönen Nachmittag.

Interessanterweise dienten wir uns gegenseitig dazu, aus­zuloten, was beim Daten geht. Udo suchte eine dauerhafte Affäre. Aha. Aber was suchte ich denn? In gewisser Form etwas Ähnliches: Ich möchte keinen spektakulären Neu­anfang, will nirgendwo aus­ oder einziehen. Ich möchte kein Herz brechen, doch meins ein wenig verlieren, das möchte ich schon. In diesem Zuge lernte ich die Bezeichnung „Freund­schaft plus“ kennen. Ein eigenartiges Setting. Ich hätte dann also einen guten Kumpel, mit dem ich gelegentlich ins Bett ginge oder eben einen Liebhaber, der echt ein guter Freund ist. Vielleicht ist sowas möglich. Udo und ich wurden zumindest keine Freunde. Dafür entdeckte ich gewisses Talent bei mir, erotische Geschichten zu schreiben. Sie, wenn ich das so sagen darf, flutschten mir regelrecht von der Hand. Udo war ein begeistertet Leser und auch ich genoss seine Antworten. Umso schlechter konnte ich einordnen, dass er mich körperlich nicht anziehend fand, aber gerne weiter von mir lesen wollte. War das dann eine virtuelle Freundschaft plus? Er liest jetzt woanders.

Termine auf der Luftmatratze

Eine andere Parkbank war mit Aydin und mir besetzt. Ein freundlicher Zeitgenosse, der ernsthaft interessiert an meiner Lebenssituation schien, mir fachkundig fröhlich von Udo abriet, da dieser, im Gegensatz zu ihm selbst, wohl nie zum Abschluss kommen würde. Er hingegen würde gerade eine Wohnung renovieren, 40 Kilometer entfernt von hier und hätte da eine Luftmatratze. Gelächter, das mir ein wenig im Hals stecken blieb. Aydin bot mir ein paar Termine auf der Luma an. Einen, direkt vor einem meiner Krankenhaus­termine, fand er besonders praktisch. Eine Stunde. Länger, denkt er, brauchen wir nicht und danach könnte ich ja dann ins Krankenhaus. Ich lehnte freundlich ab und schaute zu, dass ich wegkam. Er nahm noch ein paar Mal Kontakt zu mir auf mit, aus seiner Sicht, verlockenden Angeboten. Ich wurde ihn nur los, indem ich log, die Liebe meines Lebens getroffen zu haben.

Kurz geknutscht habe ich mit Stefan auf dem Gartenschau­gelände, doch fühlte sich selten ein Kuss trauriger an als dieser und letztlich auch falsch. Wenigstens waren wir negativ auf Corona getestet.

Das Gefühl, begehrt zu werden – mit Haken

Verdammt richtig hat sich Martins Kuss angefühlt: intensiv und liebevoll. Nach stundenlangen Chats, Audiobotschaften und einem wunderschönen Telefonat, trafen wir uns im echten Leben und dieses brach gleich vehement über mich hinein. Einen Mann kennenzulernen, der um meine Krebsgeschichte weiß, nachfragt, sich nicht weggeduckt und mich gleichzeitig schwindelig küsst – was für eine Erfahrung! Dass ich mit meinen Narben, einbusig und adipös für einen Mann attraktiv sein könnte, das zu denken hatte ich mir fast verboten. Wie war das möglich? Das Gefühl, begehrt zu werden, war so lange her, dass ich ver­gessen hatte, ob ich es jemals empfunden hatte. Doch jetzt war es da. Mitten in einer Phase meines Lebens, die es, laut Statistik, kaum noch geben sollte, denn die durchschnittliche Lebenser­wartung mit meiner Art Metastasen liegt bei zwei Jahren nach Diagnosestellung. Diese waren im Februar 2021 abgelaufen und im Mai lag ich in den Armen dieses wunderbaren Mannes und genoss das Leben mit jeder Faser meines geschundenen Körpers. Wo ist der Haken? Er hat eine Freundin, die ihrerseits verheiratet ist. Was mich noch vor Jahren entsetzt hätte, wich jetzt einer gewissen Milde oder eben der Erfahrung, dass es im Leben viele Arten gibt, Zuneigung und Zusammengehörigkeit zu erfahren. Dass mein klassischer Lebenstraum von Vater-­Mutter-­Kind-­Haus-­Hof-­Hund sich nicht unbedingt zerschlagen hat, nein, ich hatte ihn wirklich gelebt, zählt auch zu dieser Erfahrung. Doch haben die Jahre dieses Leben abgewetzt, fadenscheinig gemacht, bis es nicht mehr hielt. Kann ich mich einem Mann hingeben, von dem ich wusste, dass er, wenn auch auf komplizierte Weise, liiert ist? Und was erwarte ich von ihm? Das zu durchdenken wäre eigentlich die Vorgehens­weise, die mich bis dato in meinem Leben stabil gehalten hat. Durchdenken und von allen Seiten beleuchten hat mir stets eine Richtung vorgegeben und mich, gerade auch mit meiner Erkrankung, handlungsfähig bleiben lassen. Aber kann man es planen und durchdenken, sich fallen zu lassen? Freitag, 18.30 Uhr: sich locker machen – check.
18.40 Uhr: begehrt werden – check.
18.45 Uhr: fühlen zulassen – check.
Sobald du keine Liste mehr führen kannst, sollte es langsam klappen.

Ich fliege, oder falle ich bereits?

Dem Flug, wie auch dem Fallen folgt immer eine Landung. Und so bin ich aufgeschlagen in der Realität. Ich war nicht Martins einzige Geliebte. Ich wusste, dass er gebunden ist und konnte das akzeptieren. Wieso hat es mich so hart getroffen, dass ich nicht die einzige Zweitfrau war? Vielleicht, weil er, während ich in seinen Kissen lag, von seiner Kloschüssel aus Kontakt zu einer Anderen aufgenommen hat. Woher ich das weiß? Weil ICH diese Andere war. Ich habe mir ein zweites Profil auf diesem unsäglichen Portal zugelegt, als ich begann zu ahnen, dass er mehrere Geliebte hat. Und so flirtete mein alter Ego mit ihm im Chat, während unsere Sonntagsbrötchen im Ofen warm wurden. Ich konfrontierte ihn nicht damit. Schließlich brauche ich nicht noch mehr Ärger in meinem Leben. Statt­dessen heulte ich eine Nacht meine Kissen voll, bevor mein zweites Ich sich mit ihm verabredete. Er musste etwa 115 km fahren, um festzustellen, dass die neue Angebetete nicht in der von ihm sensibel gewählten Lokalität auf einem Autohof an der A7 auf ihn wartete. Diese Aktion war gemein von mir und nicht klimaneutral, doch trockneten meine Tränen mit seinen 230 sinnlos gefahrenen Kilometern bei 36 Grad im freitäglichen Feierabendverkehr etwas schneller.

Lieber knutschen als gegen den Krebs kämpfen

Wie komme ich jetzt aus der Sache raus? Was tu ich da eigent­lich? So war das nicht gedacht, dass ich noch ein Problem­chen bekomme, das ich beweinen muss. Ich würde ja gerne sagen, dass ich jetzt viel Sport mache und meine Ernährung umgestellt habe. Das wäre auch bestimmt nicht schlecht und ich könnte so auch viel gefälliger für das interessierte Umfeld gegen den Krebs kämpfen. Wobei mir diese Kampf­metaphorik ohnehin nicht passt. Ich kämpfe nicht. Ich halte aus. Jeden Tag. Und ich knutsch halt viel lieber, als dass ich für einen Marathon trainiere.