Viel Positives zum triple-negativen Brustkrebs

Redaktion Mamma Mia!

iStock-1142895590_Positives_triple_negativ_ArtikelHeader
© iStock / evrim ertik
Print Friendly, PDF & Email

Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Moderne Untersuchungsverfahren machen eine immer genauere Einteilung in Untergruppen mögliche. Eine von ihnen ist der triple-negative Brustkrebs.

Print Friendly, PDF & Email

TNBC: Vier Buchstaben, die lange Zeit für eine kaum therapierbare Erkrankung standen. Denn auch wenn Brustkrebs heute in der Regel gut behandelbar ist: Beim triple­-negative breast cancer (TNBC) – beziehungsweise dreifach negativen Brustkrebs – waren die Aussichten bis vor Kurzem weitaus weniger gut. Das liegt an den besonderen Eigenschaften dieser Untergruppe. Das triple-­negative Mammakarzinom hat nämlich weder HER2­ noch Östrogen­ oder Progesteronrezeptoren. Damit gibt es zum einen kaum Angriffspunkte, an denen die bekannten zielgerichteten Therapien ansetzen können. Zum anderen ist der triple­ negative Brustkrebs deutlich aggressiver als andere Brustkrebs­-Typen. So ist die Wahrscheinlichkeit für ein Rezi­div nicht nur deutlich erhöht. Wenn ein solches auftritt, dann in der Regel schon nach kurzer Zeit. Auch ein Fortschreiten der Erkrankung in Form von Metastasen, insbesondere an inneren Organen, tritt früher auf als bei anderen Brustkrebs­arten. Somit haben diese Patientinnen im Vergleich zu anderen Betroffenen bislang eine eher schlechte Prognose. Ein weiteres Merkmal des triple­-negativen Brustkrebs, der etwa 15 bis 20 Prozent aller Patientinnen betrifft: Er tritt weitaus häufiger bei jüngeren Menschen auf, bei älteren ist diese Brustkrebsform verhältnismäßig selten. Darüber hinaus besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem triple­-negativen Brustkrebs und Mutationen der sogenann­ten Brustkrebs­gene BRCA1 und BRCA2. Patientinnen mit einer solchen Mutation erkranken besonders häufig an dieser Form von Brustkrebs. „Trotz all dieser Fakten muss man sagen, dass die Diagnose triple­-negativer Brustkrebs in den vergangenen Jahren an Schrecken verloren hat“, so Prof. Dr. Michael Untch, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Helios Klinikum Berlin-­Buch. Denn mittlerweile stehen eine Reihe von Therapieoptionen zur Verfügung.

»Die Diagnose triple-negativer Brustkrebs hat in den vergangenen Jahren an Schrecken verloren.«

Früher triple-negativer Brustkrebs

„In der frühen triple­negativen Erkrankungssituation werden die allermeisten Patientinnen neoadjuvant behan­delt“, erklärt Professor Untch. „Das bedeutet, dass sie vor der Operation eine Chemotherapie erhalten.“ Standard sind hier die sogenannten Anthrazykline und Taxane, also das Epirubicin und das Paclitaxel; auch Cyclophosphamid kommt zum Einsatz. Eine weitere Möglichkeit der chemo­therapeutischen Behandlung sind die platinhaltigen Subs­tanzen, also das Cisplatin oder das Carboplatin. Hier liegen mittlerweile gute Daten zur Wirksamkeit vor. Ziel einer solchen neoadjuvant eingesetzten Therapie ist, zum einen die Tumorlast vor der Operation zu verringern. Zum anderen kann so auch festgestellt werden, ob die Therapie überhaupt anspricht – wichtiges Wissen für die weitere Behandlungs­planung. Studien zeigen, dass viele TNBC­Patientinnen gut auf dieses Vorgehen ansprechen: Die Rate an pathologischen Komplettremissionen (pCR) beträgt 50 bis 60 Prozent, nach er Therapie finden sich bei vielen Patientinnen keine sicht­baren Tumorzellen mehr in der Brust. Dies wiederum wirkt sich positiv auf die Langzeitprognose aus.

Über die Chemotherapie hinaus können bereits heute auch schon andere systemische Therapien neoadjuvant eingesetzt werden – allerdings mit Einschränkungen. „In Deutschland beziehungsweise Europa noch nicht zugelassen, aber über einen Einzelfallantrag durchaus möglich, ist die Therapie mit einem sogenannten Immun­-Checkpoint­-Inhibitor, in dem Fall mit Pembrolizumab“, erläutert Professor Untch. Diese auch als Immuntherapie bezeichneten Wirkstoffe sorgen dafür, dass das körpereigene Abwehrsystem Krebs­zellen, die über effektive Mittel der Tarnung verfügen, wieder als
Eindringlinge erkennt und unschädlich macht. Professor Untch ergänzt: „Es bleibt zu hoffen, dass die Substanz bald auch hierzulande zugelassen wird, da die Daten aus der Keynote 522­Studie darauf hinweisen, dass die Häufigkeit einer Metastasierung mit diesem immunmodulierenden Medikament deutlich niedriger ist.“ Ein weiter Punkt, der in der kurativen – also heilbaren – Situation wichtig ist, ist die Testung auf eine Mutation in den Genen BRCA1 und BRCA2. Liegt eine solche Mutation vor, haben Patientinnen die Mög­lichkeit mit einem sogenannten PARP­Inhibitor – hier das Olaparib – behandelt zu werden.
PARP-­Inhibitoren greifen in die DNA­Reparaturmechanismen der Krebszellen ein und führen so zu deren Absterben. „Die Daten der Olympia­-Studie sind positiv, in diesem Jahr werden dann auch Überlebens­daten erwartet“, so Professor Untch. „Aber auch hier haben wir die Situation, dass die Substanz in den USA bereits zuge­lassen ist, die Zulassung in Europa aber erst beantragt wurde. Dennoch kann für Patientinnen mit einem triple­-negativen Mammakarzinom und Restumor in der Brust und/oder den Lymphknoten nach der neoadjuvanten Behandlung sowie einer BRCA1-­ oder BRCA2­-Mutation ein Einzelfallantrag bei der Krankenkasse gestellt werden.“

»In der metastasierten Situation ist es durch verschiedene Tests möglich herauszufinden, welche Art von Tumor vorliegt. Das ist die Grundlage für die Behandlung.«

Die metastasierte Situation – Testen an erster Stelle

Hat der Tumor bereits gestreut, also Metastasen gebildet, ist eine Heilung nicht mehr möglich. Aber auch hier hat die Anzahl an Therapien, die das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und das Überleben verlängern, zugenommen. „In der metastasierten Situation ist es ganz wichtig zu testen, welche Art von Tumor vorliegt“, erklärt Professor Untch. Denn: Eine Metastase kann durchaus andere Eigenschaften haben und sich anders verhalten als der Primärtumor. Ein solcher „switch“ von zum Beispiel Hormonrezeptor-­positiv zu triple­-negativ kann eine Rolle spielen, auch und gerade für die Therapie. Ein weiterer Test, der laut Professor Untch auf jeden Fall erfolgen sollte, ist die Testung auf die sogenannte PD­-L1­Expression. Das Molekül PD­-L1 ist an einem Mechanis­mus beteiligt, der körpereigene Immunzellen daran hindert, den Tumor zu erkennen und effektiv zu bekämpfen. „Liegt eine solche Expression vor, ist die Gabe von zwei zugelasse­nen Checkpoint-Inhibitoren möglich. Hier kommt entweder das Atezolizumab oder das Pembrolizumab zum Einsatz und wird dann mit einer Chemotherapie kombiniert.“

Ebenso wichtig wie die Testung auf PD-L1 ist die Testung auf die BRCA1­- oder BRCA2­-Mutation, wenn diese vorher noch nicht durchgeführt wurde. „Anders als in der frühen Situation sind PARP­Inhibitoren – namentlich das Olaparib und das Talazoparib – für die metastasierte Situation bereits zugelassen und werden in der Leitlinie empfohlen“, erklärt Professor Untch. Aber nicht nur eine BRCA­-Mutation kann ausschlaggebend für den Einsatz eines PARP­-Inhibitors sein. „Es gibt eine kleine Gruppe von Patientinnen, die eine sogenannte PALP­-B2­-Mutation aufweisen. Und auch wenn es bisher nur wenige Studiendaten gibt, so scheint es sich mit der Wirksamkeit der PARP-Inhibitoren ähnlich zu verhalten wie bei den Patientinnen mit einer BRCA-Mutation.“ Liegt aber weder eine BRCA-Mutation noch ein positiver PD-­L1­-Sta­tus vor, so gibt es die Möglichkeit einer Chemotherapie, unter Umständen auch in Kombination mit einem sogenannten Angiogenesehemmer, dem Wirkstoff Bevacizumab. Er sorgt dafür, dass die Versorgung der Tumorzellen mit Nährstoffen und Sauerstoff gehemmt wird. Allerdings konnte in Studien so nur das sogenannte progressionsfreie Überleben, also die Zeit ohne ein Fortschreiten des Tumors, und nicht das Gesamtüberleben verbessert werden.

Und was, wenn die genannten Therapien bereits ausgeschöpft sind und die Erkrankung weiter fortschreitet? „Hier ist mit Sacituzumab-­Govitecan seit Kurzem auch in Deutschland ein sogenanntes Antikörper­-Wirkstoff-Konjugat zugelassen“, erklärt Professor Untch. Bei diesen Substanzen handelt es sich um eine Kombination aus einem Antikörper, der an einen Rezeptor an der Tumorzelle bindet. An den Antikörper gebunden sind wiederum giftige Substanzen oder Moleküle, die in die Tumorzelle eingeschleust werden und diese dann abtöten. Die Wirksamkeit von Sacituzumab­Govitecan für Patientinnen mit einer metastasierten, mehrfach vorbehan­delten triple­negativen Brustkrebserkrankung wurde in der ASCENT­-Studie eindrucksvoll dargelegt. Die Frauen, die diesen Wirkstoff erhielten, hatten ein doppelt so hohes Gesamtüber­leben wie die Frauen, die nur eine Chemotherapie erhielten. Auch die Nebenwirkungen waren vertretbar, es kam haupt­sächlich zu Durchfall und Veränderungen im Blutbild.

Ein Blick in die Zukunft

Für Professor Untch sind Substanzen wie Sacituzumab-­Govitecan ein wichtiger Schlüssel, um die Aussichten für die Patientinnen mit einem triple-­negativen Brustkrebs zu ver­bessern. „Wir werden in Zukunft sicherlich mehr von diesen Substanzen brauchen – und auch neue werden hinzukommen. Genauso wichtig ist aber auch die Klärung von offenen Fragen wie: Was machen wir, wenn die Patientin auf einen Checkpoint-­Inhibitor nicht mehr reagiert – können wir dann einen anderen Checkpoint-­Inhibitor nehmen? Oder diesen behalten und vielleicht mit einer anderen Chemotherapie kombinieren? Oder: Kann ich einfach einen anderen PARP­-Hemmer nehmen, wenn der eine nicht mehr wirkt?“ Zu all diesen Themen müssen wir Studien machen, um möglichst vielen Patientinnen die Hoffnung auf Heilung oder zumindest eine möglichst lange Lebenszeit geben zu können.

Prof. Dr. Michael Untch
Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie
Helios Klinikum Berlin­-Buch
Schwanebecker Chaussee 50 13125 Berlin
Telefon: (030) 94 01­53300
E-Mail: michael.untch@helios­gesundheit.de

Kommentar • 1
  1. Hallo,
    Vielen Dank für den aufklärenden Beitrag, als Betroffene ‘sauge’ ich jeden Beitrag über TNBC auf.
    Mit 55 Jahren wurde die Diagnose gestellt, die übliche Behandlung inkl Capecitabin bis jetzt habe ich überstanden.
    Dennoch sind so viele Fragen offen, ich würde so gerne mal Beiträge bzw. Studien über die Krankheit im fortgeschrittenen Alter lesen.
    Auch wenn Viele es nicht lesen wollen, mich würde meine Prognose sehr interessieren.
    Ich freue mich über jeden weiteren, neuen Beitrag über TNBC hier, egal ob er optimistisch oder eher pessimistisch ausfällt, die Wahrheit ist eben nicht immer schön.
    Ihnen ein schönes, neues Jahr,
    mit freundlichen Grüßen,
    Andrea Wissmann

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert