Recht auf Vergessenwerden bei Krebs

Redaktion Mamma Mia!

Recht auf Vergessenwerden
© iStock / tadamichi

Immer mehr Menschen überleben dank verbesserter Früherkennung und Therapien eine Krebserkrankung. Doch bei Versicherungen, Banken und in anderen Bereichen ihres Lebens erleben sie oft noch viele Jahre nach einer überstandenen Krebserkrankung Nachteile. Das Recht auf Vergessenwerden (right to be forgotten = RTBF) soll dies ändern. In vielen europäischen Ländern gibt es dieses Recht bereits, in Deutschland in Kürze auch.

Dank besserer Diagnosemethoden und Therapien überleben immer mehr Menschen ihre Krebserkrankung. Allein in Deutschland leben rund 4,5 Millionen Menschen mit einer Krebserkrankung oder haben diese überstanden. Und: Jedes Jahr erhalten mehr als 500.000 Menschen eine neue Krebsdiagnose. Viele davon sind jung und haben einen Großteil ihres Lebens noch vor sich. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen erkranken besonders oft an Blutkrebs und Lymphdrüsenkrebs. Bei Erwachsenen zählen Brustkrebs, Prostatakrebs, Lungenkrebs, Darmkrebs und Hautkrebs zu den häufigsten Krebsarten.

Manche Menschen besitzen zudem ein genetisches Risiko, im Lauf ihres Lebens an Krebs zu erkranken. Ein Beispiel ist eine BRCA-Mutation, die lebenslang eine erhöhte Erkrankungswahrscheinlichkeit für Brust- und Eierstockkrebs mit sich bringt. Auch das Lynch- und Cowden-Syndrom sind mit einem lebenslangen Risiko für verschiedene Krebsarten verbunden, zum Beispiel für Gebärmutterkrebs.

Recht auf Vergessenwerden - kurzgefasst:
  • Viele ehemalige Krebskranke bleiben dank verbesserter Früherkennung und Behandlungen langfristig gesund und krebsfrei.
  • Das Recht auf Vergessenwerden (right to be forgotten = RTBF) bedeutet, dass die zurückliegende Krebserkrankung nach einer bestimmten Zeitspanne keine Rolle mehr für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben spielen soll.
  • Das RTBF ist ein Instrument gegen Diskriminierung, Stigmatisierung und Ungleichbehandlung und soll für mehr soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit sorgen, zum Beispiel beim Abschluss von Versicherungen, bei der Kreditvergabe, Verbeamtung, Pflegeelternschaft oder Adoption.
  • Die Grundlage für die Regelung des Rechts auf Vergessenwerden bildet die EU-Richtlinie zu Verbraucherkrediten von 2023 (EU-Richtlinie 2023/2225).
  • In vielen europäischen Ländern wie Italien, Spanien, Belgien oder Frankreich gibt es schon länderspezifische Regelung zum „right to be forgotten“ – in Deutschland gilt ab dem 20. November 2026 ein neues Gesetz.

Ehemalige Krebskranke erfahren Nachteile im Leben

Viele überstehen ihre Krebserkrankung und können wieder in ihren Alltag und Beruf zurückkehren. Nach fünf Jahren ohne eine Rückkehr des Tumors (Rezidiv) und ohne die Entwicklung von Metastasen gilt eine Krebserkrankung in der Regel als geheilt. So wird zum Beispiel ein befristet gewährter Schwerbehindertenausweis nach fünf Jahren der sogenannte „Heilungsbewährung“ erneut überprüft. Er kann entzogen oder der Grad der Behinderung (GdB) kann herabgestuft werden, wenn kein Rückfall nachgewiesen wurde.

Doch auch Jahre nach einer überstandenen Krebserkrankung erfahren viele Betroffene finanzielle und soziale Ungleichbehandlungen und Nachteile, zum Beispiel beim Abschluss von Versicherungen, bei der Aufnahme von Krediten oder bei der Verbeamtung und Adoption.

Ein Beispiel: In Deutschland dürfen Versicherer derzeit bei der Antragstellung Fragen nach der Gesundheit stellen. Es gibt eine Pflicht der zu versichernden Personen, diese wahrheitsgemäß zu beantworten. Wer frühere Erkrankungen verschwiegen hat, kann seinen Versicherungsschutz verlieren. Bei einer früheren Krebserkrankung setzen Versicherungen oft hohe Prämien an oder Betroffene können aufgrund ihrer früheren Krebserkrankung überhaupt keine Versicherung abschließen.

Schon gewusst?

Auch in der neuen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) gibt es ein Recht auf Vergessenwerden. Diese bezieht sich allerdings auf das Löschen von personenbezogenen Daten (dazu gehören auch Gesundheitsdaten) aus dem Internet oder Datenbanken.

Angewendet auf eine Krebserkrankung soll dieses Recht jedoch die langfristige Ungleichbehandlung, Stigmatisierung und Diskriminierung verhindern.

Was ist das Recht auf Vergessenwerden?

Das Recht auf Vergessenwerden (RTBF) folgt einer einfachen Grundidee: Ist das Risiko für einen Rückfall nach einer bestimmten Zeitspanne kaum mehr höher als in der Allgemeinbevölkerung, soll die frühere Krebserkrankung keine negativen Folgen für das finanzielle, wirtschaftliche und sozialrechtliche Leben haben.

Dies bedeutet, dass frühere Krebserkrankungen nach einer bestimmten Frist bei Versicherungen und Finanzgeschäften nicht mehr berücksichtigt werden dürfen. Als Heilungsbewährung gilt meist ein Zeitraum von fünf bis zehn Jahren. Auch für den Bereich der Verbeamtung und Adoption sollen ähnliche Regelungen gelten. Bei Vertragsabschlüssen müssen ehemals Krebskranke ihre Krankheit dann nicht mehr angeben. Zudem dürfen Versicherungen oder Kreditgebende diese Information nicht mehr verlangen und auch nicht in der Bewertung der Risiken mit einfließen lassen.

Das RTBF hat das Ziel, dass ehemals an Krebs erkrankte Menschen nach einer bestimmten Zeit die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben wie Menschen, die keine Krebserkrankung durchgemacht haben. In Europa hat dieses Recht an Bedeutung gewonnen (siehe EU-Richtlinie 2023/2225 zu Verbraucherkrediten). Auch in der Gesundheitspolitik und juristisch wird das Recht auf Vergessenwerden schon länger diskutiert.

Viele Initiativen wie der Verein Survivor Deutschland, die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs, die Kinderkrebsstiftung sowie mehrere Fachgesellschaften fordern das Recht auf Vergessenwerden nach einer bestimmten Zeit, zum Beispiel nach fünf Jahren Heilungsbewährung. Die SPD macht sich in einem aktuellen Beschluss (27.7.2026) ebenfalls für eine gesetzliche Verankerung dieses Recht stark. Sie nennt vor allem die Bereiche der:

  • Finanzprodukte
  • Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen
  • Kreditverträge und Hypotheken
  • Verbeamtungsverfahren
  • Einstellungsuntersuchungen im öffentlichen Dienst
  • Adoptions- und Pflegeverfahren

 

Nach dem französischen Modell erachtet die SPD eine allgemeine fünfjährige Frist als sinnvollen Rahmen. In Frankreich gilt, dass Betroffene fünf Jahre nach einer Krebserkrankung genauso behandelt werden sollen wie Menschen ohne Krebserkrankung, unabhängig von dem jeweiligen Bereich – ob Immobilienkredit, Adoption oder einer Berufsunfähigkeitsversicherung.

In Deutschland gilt ab dem 20. November 2026 ein neues Gesetz, das der Deutsche Bundestag auf der Grundlage der EU-Richtlinie beschlossen hat. Bei Verbraucherkrediten sieht es 15 Jahre nach einer Krebserkrankung ein Recht auf Vergessenwerden vor, nicht aber zum Beispiel bei Immobilienkrediten oder Krediten über einen Betrag von 100.000 Euro, was viele als unzureichend kritisieren.

Warum ist das Recht auf Vergessenwerden wichtig?

Es gibt immer mehr Menschen, die eine Krebserkrankung aufgrund verbesserter Therapien überleben. Diese Personen heißen auch Krebsüberlebende oder Englisch „Survivors“. Manche erkranken schon in jungen Jahren als Kinder oder Jugendliche an Krebs, andere erst im Erwachsenenalter.

Auch wenn die Krebsdiagnose schon viele Jahre zurückliegt und überstanden ist: Betroffene tragen ihre Diagnose oft ein Leben lang in einer (Patienten)Akte mit sich. Wenn sie nach Krankheiten gefragt werden, zum Beispiel vor dem Abschluss einer Versicherung, müssen sie diese Information offenlegen. Dies kann konkrete Folgen haben: finanziell, beruflich und persönlich.

Viele möchten aber nach ihrer Krebserkrankung neu durchstarten, Pläne machen und ihr zukünftiges Leben aktiv und positiv gestalten – und zwar ohne ständig an ihre Krebserkrankung erinnert zu werden. Doch in bestimmten Bereichen des Lebens werden ehemals an Krebs erkrankte Menschen stigmatisiert, diskriminiert und benachteiligt. Das gilt selbst dann, wenn die Krebserkrankung schon zehn bis 15 Jahre zurückliegt und es keine medizinischen Hinweise auf ein erhöhtes Rückfallrisiko gibt.

Einige Beispiele:

  • Sie erhalten keine fairen Versicherungsbedingungen und es werden Zuschläge in Form von höheren Versicherungsprämien erhoben. Manchen wird auch der Zugang zu einer Versicherung verwehrt, zum Beispiel zu einer Berufsunfähigkeits- oder Lebensversicherung.
  • Der Zugang zu Krediten und die Finanzierung von Immobilien sind erschwert.
  • Bei der Verbeamtung gibt es Hindernisse und Hürden.
  • Nachteile gibt es auch bei der Adoption oder bei der Elternschaft für ein Pflegekind. Eine Adoption ist zwar für Survivors nicht grundsätzlich ausgeschlossen, aber je nach Bundesland und Adoptionsvermittlungsstelle wird ein unterschiedlich umfangreiches Gesundheitszeugnis gefordert.

 

Die Initiative „Survivor Deutschland“ schreibt: „Insgesamt führt die aktuelle Rechtslage dazu, dass soziale und finanzielle Diskriminierung von Menschen nach einer Krebserkrankung, möglich ist, welche unter Umständen weitreichende Folgen für deren weiteres Leben und ihre Lebensplanung bedeuten, selbst wenn die Krebserkrankung schon viele Jahre oder sogar Jahrzehnte zurückliegt.“ Durch das Recht auf Vergessenwerden sollen Betroffene nach einer überwundenen Krebserkrankung nicht mehr benachteiligt werden.

Online-Umfrage unter Survivors
  • Nur 7 von 158 Teilnehmenden hatten noch keine Benachteiligungen erfahren.
  • 57,6 Prozent der Befragten hatten eine einmalige Benachteiligung erlebt. 25,2 Prozent gaben zwei Benachteiligungen und 13,2 Prozent drei an.
  • Expertinnen und Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer an Benachteiligten aus.

Quelle: DGHO

Welche Vorteile hat es, „vergessen“ zu werden?

Das RTBF besitzt verschiedene Vorteile für Betroffene – die wichtigsten im Überblick:

  • Gleichbehandlung: Menschen, die ihre Krebserkrankung überwunden haben, erhalten dieselben Chancen wie Menschen, die nicht an Krebs erkrankt waren.
  • Gesellschaftliche Teilhabe: Viele möchten eine Familie gründen, bestimmte Versicherungen abschließen oder einen Kredit aufnehmen, um eine Eigentumswohnung oder ein Haus zu finanzieren. Durch das Recht auf Vergessenwerden ist mehr soziale Teilhabe möglich.
  • Keine Stigmatisierung: Viele Menschen fühlen sich auch Jahre oder Jahrzehnte nach einer durchlebten Krebserkrankung noch immer als Krebspatient oder Krebspatientin. Die Frage nach früheren Erkrankungen, zum Beispiel von Banken oder Versicherungen, trägt dazu bei.
  • Gegen Diskriminierung: Frühere Krebskranke sollen nicht dauerhaft benachteiligt werden.
  • Finanzielle Gleichstellung: Eine Krebserkrankung bedeutet für viele Menschen ohnehin schon finanzielle Einbußen. Mehrere Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass das Risiko für Armut erhöht ist. Wer die Krebserkrankung ausgestanden hat, soll anschließend eine wirtschaftliche Gleichbehandlung erfahren.

Welche Kritik gibt es an diesem Recht?

Kritik kommt vor allem von Versicherungen. Ihr Argument ist, dass sie auf der Basis von Gesundheitsinformationen Risiken kalkulieren und abschätzen müssen. Können sie dies nicht, könnten sich die Versicherungsbeiträge für alle Versicherungsnehmenden erhöhen. Auch sei das Rückfallrisiko nicht bei allen Krebsarten gleich hoch. Daher seien differenzierte Regelungen notwendig, die sich an medizinischen Daten orientieren und der unterschiedlichen Rückfallwahrscheinlichkeit Rechnung tragen.

Wo gibt es das Recht auf Vergessenwerden schon?

Auf europäischer Ebene wird ein Recht auf Vergessenwerden gefordert. Eine Umsetzung wird in der EU-Richtlinie zu Verbraucherkrediten von 2023 vorgeschrieben (EU-Richtlinie 2023/2225).

Danach haben Menschen nach einer geheilten Krebserkrankung spätestens 15 Jahre nach dem Ende ihrer Therapie einen Anspruch auf das Recht auf Vergessenwerden. Sie dürfen hiernach beim Abschluss von Versicherungen zur Absicherung von Verbraucherkrediten bis 100.000 Euro sowie von unbesicherten Kreditverträgen von mehr als 100.000 Euro zum Zweck der Renovierung einer Wohnimmobilie nicht mehr aufgrund der Krebserkrankung benachteiligt werden.

Aus der Sicht von medizinischen Fachgesellschaften ist jedoch die Zeitdauer von 15 Jahren deutlich zu lang. Die European Society for Medical Oncology (ESMO) empfiehlt eine Fünf-Jahres-Schwelle für das Recht auf Vergessenwerden. In Deutschland gilt ab dem 20. November 2026 ein neues Gesetz, das der Deutsche Bundestag auf Grundlage der EU-Richtlinie beschlossen hat. Bei Verbraucherkrediten sieht es 15 Jahre nach einer Krebserkrankung ein Recht auf Vergessenwerden vor, aber zum Beispiel nicht für Immobilienkredite oder Kredite über 100.000 Euro. Viele Menschen empfinden das neue Gesetz daher als unzureichend und wünschen sich eine Regelung wie zum Beispiel in Frankreich.

Die Forderung nach einer solchen umfassenden Regelung findet auch in der deutschen Politik Unterstützung: Die SPD fordert jetzt offiziell ein umfassendes Recht auf Vergessenwerden nach einer überstandenen Krebserkrankung. Auch die CDU stellt sich hinter den Vorschlag und hält eine Frist von fünf Jahren für einen sachgerechten Richtwert.

In vielen Ländern Europas wurde dieses Recht schon eingeführt. Dazu gehören unter anderem Italien, Spanien, Portugal, Luxemburg, die Niederlande und Belgien.  Die konkrete Ausgestaltung des Rechts ist in den verschiedenen Ländern Europas unterschiedlich. In Frankreich, Belgien und Spanien gilt eine Fristdauer von fünf Jahren. In einigen Ländern gibt es auch die Möglichkeit, eine kürzere Frist für bestimmte Krebserkrankungen anzuwenden. Der Zeitrahmen von fünf Jahren ist also die maximale Wartefrist.

Verbände und Organisationen argumentieren, dass schon im Deutschen Grundgesetz (GG) zwei wichtige Grundsätze verankert sind, aus denen sich ein Recht auf Vergessenwerden ableiten lässt:

  • Artikel 2 Absatz 1 des GG garantiert den allgemeine Persönlichkeitsschutz und sichert jedem Individuum das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit zu. Das Grundgesetz schützt somit die Freiheitsrechte der Bürger*innen, ihr Leben selbstbestimmt und autonom zu gestalten. Hieraus lässt sich auch das Recht ableiten, nach einer überstanden Krebserkrankung uneingeschränkt in allen Bereichen ein autonomes Leben zu führen.
  • Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 GG regelt, dass niemand aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden darf.

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