Mamma Mia › Mediathek › Mamma Mia! Patientenwochenende › Herausforderungen und Möglichkeiten der Berufstätigkeit
Ein herbstliches, regnerisches Wochenende in Kronberg im Taunus: Draußen rauscht der Wind durch die Bäume, drinnen im Tagungssaal herrscht eine warme, einladende Atmosphäre. Dreizehn Frauen sind angereist, um sich auszutauschen. Es wird viel diskutiert, zugehört, aber auch geweint und herzlich gelacht. Sie alle leben mit metastasiertem Brustkrebs. Und doch leben sie mit Mut, Humor – manchmal Galgenhumor – und einer Kraft, die berührt. Schon in der Vorstellungsrunde wird deutlich, wie schnell Nähe entsteht: Fremde werden zu Verbündeten, Worte zu Trost. Gemeinsam suchen sie Antworten: Wie kann Arbeit Halt geben, ohne zu überfordern? Wie bleibt man Teil des Lebens – mit Krankheit, aber auch mit Zuversicht?
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Mehr Informationen„Die Krankheit begleitet mich – aber sie definiert mich nicht“
Jede Teilnehmerin trägt ihre eigene Geschichte, geprägt von Lebensumbrüchen, Schmerzen und erstaunlicher Stärke. Anja, Lehrerin aus Berlin, erinnert sich, wie ein Kollege nach ihrer Erstdiagnose scherzte: „Krebs kriegen wir doch alle mal – eins zu null für dich!“ Sie lachte damals noch. Chemotherapie und Bestrahlung überstand sie, wurde als krebsfrei entlassen und verdrängte die ganze Geschichte. Jahre später bringen CT und MRT Metastasen an der Wirbelsäule an’s Licht. Diesmal zog es ihr den Boden unter den Füßen weg. Der Krebs ist zurückgekehrt und sie gilt als unheilbar. Doch Aufgeben kommt für sie nicht infrage: „Ich will leben, nicht nur überleben“, sagt Anja.
Sätze wie dieser schaffen sofort Nähe. Niemand muss erklären, wie sich Kontrolltermine anfühlen oder wie schwer das Wort „unheilbar“ wiegt. Niemand muss eine Mütze aufsetzen, um gesund zu wirken. „Hier darf ich einfach ich sein“, fasst Alma das Gefühl zusammen.
Das Leitmotiv des Wochenendes – „Beruf, Arbeit, Teilhabe – was trägt mich im Leben?“ – klingt zunächst sachlich. Doch schnell wird klar: Es geht um Würde, Selbstbestimmung und den Wunsch, im eigenen Tempo am Leben teilzuhaben, mit allen Anforderungen, aber auch Freuden.
Zwischen Therapie und Teammeeting – die medizinische Runde
Am Samstag beginnt die Gesprächsrunde mit Prof. Dr. Ute-Susann Albert und Mamma Mia! Chefredakteurin Eva Schumacher-Wulf. Offen, zugewandt und auf Augenhöhe beantworten sie Fragen zu Therapien, Impfungen, Ernährung und neuen Studien.
„Wir sprechen oft von Eskalation der Therapie“, erklärt Albert, „aber Optimierung trifft es besser.“ Es gehe darum, das Leben zu verlängern – und es lebenswert zu gestalten. Eva ergänzt: „Ich möchte dahin kommen, dass fortgeschrittener Brustkrebs zu einer chronischen Erkrankung wird – dass wir lange mit ihr leben können.“ Hoffnung, nicht Verdrängung, prägt den Vormittag.
Praktische Tipps gibt Albert gleich mit: BRCA-Testung, Impfungen, Nahrungsergänzung nur nach gemessenen Werten – und vor allem: Fragen stellen! Eine Teilnehmerin sagt: „Ich weiß gar nicht, was ich fragen soll, damit ich die Antworten kriege, die ich brauche.“ Patientenleitlinien bieten eine sichere Orientierung, um die richtigen Fragen zu stellen.
Arbeit als Teilhabe – nicht nur Broterwerb
Am Nachmittag steht Arbeit und Sozialrecht im Mittelpunkt. Dr. Kati Hiltrop präsentiert die CARES-Studie, die untersucht, wie Menschen mit metastasiertem Brustkrebs in der Arbeitswelt unterstützt werden können.
Diplom-Sozialpädagogin Marie Rösler stellt den Teilnehmerinnen die Frage: „Was verbinden wir mit Arbeit?“ Die Gruppe nennt: Existenzsicherung, Unabhängigkeit, sinnstiftende Tätigkeit, Teilhabe an der Gesellschaft. „Arbeit ist Teilhabe“, betont sie. „Das Erste, was man fragt, wenn man jemanden im erwerbsfähigen Alter neu kennenlernt, ist oft: Wie heißt du – und was arbeitest du?“
Für viele bedeutet Arbeit mehr als Einkommen. Sie steht für Struktur, Selbstwert und das Gefühl, gebraucht zu werden. Teilnehmerinnen berichten aber auch von Angst und Druck bei dem Gedanken, wieder ins Arbeitsleben zurückzukehren – ohne Schonung, von null auf hundert.
Rösler erklärt flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice, Reha-Ansprüche und das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM). „Das sozialmedizinische Gutachten ist eure Bibel“, sagt sie, und „Ihr habt Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis – nutzt eure Rechte!“ Marion berichtet, wie ihre beste Freundin sie zu einem BEM-Gespräch begleitete: „Ich brauchte jemanden, der für mich spricht, wenn ich nicht mehr kann.“
Rösler betont: Ein realistischer Umgang mit der eigenen Belastbarkeit ist entscheidend. „Arbeit kann sinnstiftend sein, Kontakte bieten und ein Stück Normalität zurückbringen“, fasst Rösler zusammen. „Aber genauso richtig ist es, wenn jemand entscheidet, nicht wieder zu arbeiten. Wichtig ist, ehrlich zu sich selbst zu sein – und zu erkennen, was gut tut.“
Zwischen Yoga und Geschichte – Zeit für Körper und Seele
Nach dem Mittagessen führt eine Historikerin die Gruppe durch die Burg Kronberg. Bei regnerischem Herbstwetter lauschen die Frauen Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten und lachen gemeinsam zwischen den schweren Themen.
Am frühen Abend leitet Gillian Wagner Yoga und Meditation für Körper, Geist und Resilienz im Beruf. „Von Zeit zu Zeit erhaschst du einen Blick auf die Version von dir, die frei von Erwartungen ist, die fest in ihrer Kraft steht“, sagt sie. „Diesen Ort gibt es. Und du kannst ihn wiederfinden.“ Viele schließen die Augen, atmen, spüren, lassen los. Die Erkrankung tritt in den Hintergrund, Lebensenergie wird spürbar.
Achtsam zurück in den Job
Der Sonntag steht im Zeichen der Selbstfürsorge. Coachin Susanne Seydel eröffnet den Workshop „Achtsam zurück in den Job“ mit klarer Botschaft: „Wenn ihr nicht auf euch aufpasst, tut es keiner.“ Selbstfürsorge ist keine Option, sondern Notwendigkeit. Sie spricht über die vier Säulen – körperlich, emotional, sozial, spirituell – und lädt ein, zu reflektieren, welche Unterstützung am dringendsten gebraucht wird.
„Mutig sein heißt, ehrlich zu sich selbst zu sein und neue Wege zu gehen“, betont Seydel. Eine Teilnehmerin fragt: „Darf ich mit Krebs überhaupt noch Forderungen stellen?“ Seydel antwortet: „Ja, unbedingt! Grenzen ziehen, Pausen fordern, Nein sagen – das ist Selbstachtung, kein Egoismus.“
In kleinen Übungen erarbeiten die Frauen, wie alte Glaubenssätze überschrieben werden können – die inneren Stimmen, die sagen: Ich muss funktionieren. Ich darf keine Schwäche zeigen. Ich muss etwas leisten. „Diese Sätze haben uns geprägt“, sagt Seydel, „aber ihr dürft sie jetzt durch neue ersetzen – die euch tragen.“
Eine Teilnehmerin fasst es zusammen: „Ich habe gelernt, dass ich mit Krebs trotzdem Forderungen stellen darf. Ich darf sagen, was ich brauche.“ Lisa berichtet, wie sie Menschen losließ, die ihr nicht guttun. Seydel schließt: „Selbstfürsorge ist die mutigste Form der Stärke. Sie ist kein Rückzug, sondern ein Bekenntnis zu euch selbst.“
Zwei Frauen, zwei Wege
Christine, 39, erhielt im Frühjahr 2024 die metastasierte Diagnose. Ihr schwerster Moment war, ihren Eltern zu sagen, dass sie unheilbar krank ist. Heute lebt sie achtsamer, möchte nicht sofort zurück ins Arbeitsleben, sondern mehr vom Leben haben.
Lisa, Anfang 30, kam über Rückenschmerzen zur Diagnose. „Ich dachte, das Schlimmste wäre ein Bandscheibenvorfall“, erzählte sie. Als sich Knochenmetastasen zeigten, war sie überzeugt, bald zu sterben. Doch die Therapie schlug an – und sie kehrte Schritt für Schritt ins Leben zurück. „Ich hangele mich von Etappe zu Etappe“, sagte sie. „Diese kleinen Ziele – ein Ausritt, ein Wochenende mit Freunden – die halten mich aufrecht.“ Ihre Arbeit im Homeoffice gibt ihr Halt und Struktur. „Ich konnte nicht mehr auf der Couch liegen und warten. Die Arbeit gibt meinem Tag einen Sinn.“
Beide Frauen stehen exemplarisch für viele: Krankheit verändert das Leben – aber sie nimmt ihm nicht seinen Wert.
Miteinander statt Nebeneinander
In den Pausen wird gelacht, Tee getrunken, zugehört. Telefonnummern werden ausgetauscht, eine WhatsApp-Gruppe gegründet. In der Abschlussrunde wird das Wochenende reflektiert: „Ich nehme das Wissen mit: Ich bin nicht allein“, oder „Mein Kopf ist voll, ich bin müde – aber glücklich. Ich fühle mich verstanden.“ Besonders auch der Austausch untereinander war für Teilnehmerinnen bereichernd.
Auch organisatorisch war das Wochenende ein Volltreffer: ein ausgewogener Mix aus Information, Bewegung, Reflexion und Gemeinschaft. „Ein guter Rundumschlag“, so die Runde. Ein Arbeitsrechtler wäre noch schön gewesen – aber sonst war es perfekt. Einstimmig lautet die Antwort auf die Frage, ob das Wochenende wiederholt werden soll: Ja, unbedingt!
Ein neues Gleichgewicht
Zwischen Therapie, Alltag und Arbeit entsteht Balance aus Selbstfürsorge, Zuversicht und dem Mut, sich selbst ernst zu nehmen. Viele Frauen nehmen mit: Das alte Leben muss nicht zurückkehren. Es geht darum, das neue Leben anzunehmen – mit allen Veränderungen, aber auch Chancen.
Jeanette sagte zum Abschied: „Ich habe gelernt, stolz auf mich zu sein – auch, wenn ich weniger leisten kann. Hoffnung wächst, wenn man sie teilt.“
Am Ende bleibt ein gemeinsames Gefühl:
- Ich bin nicht allein.
- Ich darf mein Leben neu gestalten.
- Ich darf stolz auf mich sein.
Arbeit gibt Halt, Gemeinschaft gibt Stärke – und das Leben bleibt.
Unser Dank gilt den Expertinnen Prof. Dr. Ute-Susann Albert, Marie Rösler, Dr. Kati Hiltrop, Susanne Seydel und Gillian Wagner für ihre Zeit, ihr offenes Ohr und ihre wertvollen Tipps sowie unseren Partnern Novartis, Menarini Stemline und Pfizer. Ohne eine solche Unterstützung wäre die Umsetzung einer Veranstaltung wie dieser nicht möglich.
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