Warum fühlt sich nichts mehr normal an?

Susanne Seydel

©iStock / CSA-Archive
Genau fünf Jahre ist es jetzt her. Die Behandlungen waren vorbei, ich wurde für „gesund“ erklärt. Es war überstanden. Und jetzt ging es darum, zurück ins Leben, den Alltag, den Job zu finden. Ich kehrte zurück in meine alte Stelle. Alle sagten mir, wie gut ich aussehe. Und nach außen lief es auch. Aber innen? Tobte es. Gefühlschaos, das ich mir selbst nicht erklären konnte. Gedanken, die mich nachts wachhielten. Ein unterschwelliger Druck, der immer da war. Das Gefühl, mich selbst nicht mehr zu verstehen. Falls du das kennst: Mit dir ist nichts falsch. Du bist nicht zu empfindlich. Sondern es gibt ein paar innere Konflikte, die nach Krebs ganz typisch sind. In dieser komischen Phase danach, in der man nicht mehr krank ist, aber auch nicht einfach zurück ins alte Leben kehren kann. Das Gute: Wenn du sie kennst, kannst du aufhören, gegen sie anzukämpfen.

Alle denken, es ist vorbei – für mich fängt es erst an

Das ist vielleicht der Konflikt, der am schwierigsten ist. Für dein Umfeld markiert das Ende der Akuttherapie den Abschluss. Alle atmen auf: endlich geschafft!

Für dich allerdings beginnt die eigentliche Auseinandersetzung gerade erst. Mit deinem Körper, der sich verändert hat. Mit Nach- und Nebenwirkungen, die niemand sieht. Mit deinen Ängsten, die allgegenwärtig sind. Mit der Frage, wer bin ich jetzt eigentlich – und wie will ich weiterleben? Diese Phase ist weniger sichtbar, aber innerlich oft intensiver als alles davor.

Auf mich achten und trotzdem funktionieren

Das Dilemma war nicht, dass ich nicht gewusst hätte, was gut für mich ist. Das Dilemma war, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich das im echten Alltag umsetzen soll. Also habe ich weitergemacht. Und mich gleichzeitig schlecht dabei gefühlt, weil ich es ja eigentlich besser wissen müsste. Was mich in dieser Zeit am meisten erschöpft hat, war nicht mal die Arbeit selbst. Es war dieses ständige Hin-und-Her in mir: Ich muss liefern. Ich muss auf mich achten. Ich muss liefern. Ich muss auf mich achten. Beides gleichzeitig schien einfach nicht zu gehen Heute verstehe ich, warum mich das so belastet hat: Innen hatte sich vieles verschoben – aber außen habe ich weiter funktioniert, als wäre nichts gewesen.

Ich lebe – müsste ich nicht dankbarer sein?

Du lebst. Du hast es geschafft. Und trotzdem gibt es Momente, in denen du dich traurig fühlst. Leer. Unruhig. Und sofort kommt das schlechte Gewissen: „Ich dürfte doch nicht so fühlen.“

Doch. Du darfst. Während einer Krebserkrankung ist dein Nervensystem über Monate im Ausnahmezustand – dauerhaft auf Alarm. Das stellt sich nicht einfach nach Therapieende ab. Dein System braucht Zeit, um wieder in Sicherheit anzukommen. Und solange das nicht passiert ist, ist echte Entspannung, echte Dankbarkeit, echte Leichtigkeit schlicht noch nicht möglich. Das ist keine Schwäche. Das ist Biologie.

Du bist nicht mehr die Alte – und das ist gut so.

Was sich gerade so chaotisch anfühlt, hat einen Sinn. Du sortierst dich neu. Das kostet Kraft, ja. Aber es ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist Neuorientierung. Du musst dich nicht zurückkämpfen ins alte Leben.

Du darfst einfach ankommen, wo du gerade bist.

Deine Susanne. Ich denk‘ an Dich

Susanne Seydel, systemische Coachin & Resilienztrainerin und 2020 selbst an Brustkrebs erkrankt, begleitet Frauen in (beruflicher) Neuorientierung auf ihrem Weg zu mehr Klarheit, Selbstvertrauen und Balance – in 1:1-Coachings, Gruppenprogrammen und Workshops.

Kontakt

E-Mail: info@susanne-seydel.de

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unter www.susanne-seydel.de

  1. Mamma Mia! Das Brustkrebsmagazin Ausgabe 03/2026, S. 75
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