App lindert Fatigue bei metastasiertem Brustkrebs

von Ingrid Müller

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Das neue Behandlungskonzept PRO-B soll Frauen mit metastasiertem Brustkrebs, die unter einer Fatigue leiden, digital begleiten. Eine Studie ergab, dass die Frauen weniger erschöpft, leistungsfähiger und seltener im Krankenhaus sind. Bald soll die App gesetzlich Versicherten zugänglich sein.

Eine Fatigue kommt häufig im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung wie Brustkrebs vor. Dieser physische, emotionale oder mentale Erschöpfungszustand bessert sich auch durch ausreichend Schlaf nicht. Die Fatigue kann den Alltag erschweren und die Lebensqualität schmälern.

Eine Forschungsgruppe von der Charité Universitätsmedizin Berlin und der Deutschen Krebsgesellschaft belegte jetzt in einer Studie, dass eine besondere App die Fatigue bei Frauen mit metastasiertem Brustkrebs bessern und ihren Alltag erleichtern kann. Die App befragte die Frauen regelmäßig nach ihrem Befinden und reagierte umgehend darauf.

Die Studienergebnisse wurden im Fachmagazin JAMA Oncology (August 2026) veröffentlicht. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) empfiehlt nach einer Prüfung, das neue Behandlungskonzept namens „PRO-B“ (Patient-Reported Outcomes bei Brustkrebs) in die Regelversorgung aufzunehmen und für gesetzlich Versicherte zugänglich zu machen.

PRO B kurzgefasst:
  • 52 Brustzentren und 909 Frauen mit metastasiertem Brustkrebs nahmen an der Studie mit dem PRO-B-Behandlungskonzept teil.
  • Eine App stellte ungefähr der Hälfte der Frauen wöchentlich einige Fragen zu ihrem Befinden. Die andere Hälfte erhielt nur alle drei Monate Fragen zum Wohlbefinden und wurde nicht kontaktiert.
  • Bei relevanten Veränderungen kontaktiert das Behandlungsteam die Frauen binnen 48 Stunden und klärt, ob und was zu tun ist.
  • Frauen in der PRO-B-Gruppe berichteten von deutlich weniger Fatigue. Außerdem waren sie körperlich fitter und mussten seltener in einer Klinik behandelt werden.
  • Das Behandlungskonzept soll gesetzlich Versicherten möglichst bald zugänglich gemacht werden.

App als enge digitale Begleitung

Das Herzstück des Behandlungsansatzes ist eine App, die den Frauen einmal pro Woche strukturiert bis zu 52 Fragen zu ihren Symptomen, ihrem Alltag und ihrer emotionalen Verfassung stellt. Dazu zählen zum Beispiel:

  • Hatten Sie Schmerzen?
  • Waren Sie selbst für Ihre gewohnten Tätigkeiten zu müde?
  • Waren Sie kurzatmig?

 

Ein Algorithmus wertet die Antworten aus und meldet wichtige Veränderungen umgehend an das Behandlungsteam. Dieses ruft die Frauen innerhalb von 48 Stunden an und klärt, ob und welche Maßnahmen zu ergreifen sind.

„Wir besprechen in diesen Telefonaten beispielsweise, ob die Medikamente gegen Übelkeit in ihrer Dosis angepasst werden sollten oder geben praktische Tipps zum Umgang mit den verschiedenen Symptomen“, erklärt Prof. Maria Karsten, leitende Oberärztin am Brustzentrum der Charité, Studienleiterin und Initiatorin des Projekts PRO-B. „Wir erkennen aber auch ernsthafte Nebenwirkungen schneller, die sich durch ein vermeintlich harmloses Symptom wie Müdigkeit andeuten, und können die Patientin sofort in die Klinik bestellen.“

Weniger erschöpft, leistungsfähiger, seltener im Krankenhaus

In einer deutschlandweiten Studie wies die Forschungsgruppe nach, dass diese Kombination aus enger digitaler und anlassbezogener persönlicher Betreuung den Alltag der Betroffenen verbessert. An der Studie waren 52 Brustkrebszentren beteiligt. Die Behandlungsteams begleiteten 909 Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs im Alter von 19 bis 81 Jahren ein Jahr lang.

Die Betreuung umfasste zunächst die medikamentöse Tumortherapie. Ungefähr die Hälfte der Frauen wurde zusätzlich mit dem PRO-B-Konzept betreut. Der anderen Hälfte wurden nur einmal alle drei Monate Fragen zu ihrem Befinden gestellt und sie wurden nicht vom Behandlungsteam kontaktiert.

Die zentralen Ergebnisse: Frauen in der PRO-B-Gruppe berichteten von deutlich weniger Fatigue. Außerdem schätzten sie ihre körperliche Funktionsfähigkeit besser ein und mussten seltener im Krankenhaus behandelt werden.

Karsten betont: „Das sind Effekte, die sich merklich auf den Alltag der Patientinnen auswirken. Die Frauen sind leistungsfähiger und können ihr Leben besser bewältigen.“ Es gebe sogar Hinweise darauf, dass das PRO-B-Konzept bei manchen Patientinnen die verbleibende Lebenszeit verlängere. „All das erreichen wir nicht durch ein neues Medikament, sondern allein dadurch, dass wir das Befinden der Frauen regelmäßig und strukturiert abfragen und darauf eingehen.“

PRO B: Auch Patientinnen äußern sich positiv

Auch das Fazit der Patientinnen in der PRO-B-Studiengruppe fällt eindeutig positiv aus. In einer Befragung nach dem Abschluss der Studie wünschten sich mehr als 90 Prozent, dass das neue Behandlungskonzept Teil der Routineversorgung werde.

Stephanie Neumann-Johnston, eine Teilnehmerin der PRO-B-Studie, sagt: „Die App hat mir gefühlt mehrfach das Leben gerettet.“ Es gebe sehr viele Situationen und Zwischenfälle, die man nicht einordnen könne und die viele Fragen aufwerfen würden. In der App könne man typische Probleme nachschlagen und fände fachlich geprüfte Informationen, zum Beispiel zur Fatigue. So könne man sich auch am Wochenende selbst helfen.

Außerdem fange einen der persönliche Kontakt emotional und medizinisch auf. Man bekomme zum Beispiel eine Einordnung seiner Situation und könne direkt klären, ob man mit diesen Symptomen in die Notaufnahme sollte oder nicht. „Die App nimmt einem eine große Last von den Schultern“, lautet das Fazit der 51-Jährigen.

PRO B soll Lücke schließen

Rund 68.000 Frauen in Deutschland leben mit metastasiertem Brustkrebs, schätzt die Deutsche Krebsgesellschaft. Der Brustkrebs gilt dann zwar als nicht mehr heilbar, aber behandelbar.  Mit verschiedenen Krebstherapien lässt sich die Erkrankung oft über einen längeren Zeitraum kontrollieren und die Lebenserwartung um mehrere Jahre verlängern. Manche Frauen können trotz ihrer Erkrankung weiterhin ihrem Beruf nachgehen.

Bei der Betreuung von Frauen mit metastasiertem Brustkrebs gibt es jedoch einige Herausforderungen, wie Karsten weiß: „Die neuen Medikamente müssen oft nicht mehr in der Klinik verabreicht werden, sondern Frauen können sie zu Hause einnehmen. Deshalb sehen wir die Patientinnen seltener in der Klinik und unser medizinischer Blick ist zum Teil lückenhaft geworden.“ Um diese Lücke zu schließen und die Patientinnen trotz der Distanz engmaschig begleiten zu können, sei das digitale Behandlungskonzept PRO-B entwickelt worden.

Als „ida“ auf dem Weg in die Regelversorgung

Der G-BA empfahl auf der Basis der medizinischen Ergebnisse und einer gesundheitsökonomischen Analyse, das PRO-B-Behandlungskonzept in die Regelversorgung zu überführen. Gesetzlich Versicherte sollen die App zukünftig bei einer entsprechenden Diagnose in Anspruch nehmen können. „Diese Empfehlung muss nun schnellstmöglich umgesetzt werden“, betont PD Dr. Christoph Kowalski, Abteilungsleiter bei der Deutschen Krebsgesellschaft und Co-Autor der Studie. „Wenn ein neues Versorgungskonzept medizinisch und ökonomisch Vorteile bringt, sollten wir es den schwerstkranken Frauen nicht vorenthalten.“

Um ihren Versicherten die App schon vor Aufnahme in die Regelversorgung anbieten zu können, planen am Projekt beteiligte Krankenkassen – BARMER, DAK-Gesundheit und mkk – meine krankenkasse – eine Weiterentwicklung. Sie soll betroffenen Frauen den routinemäßigen Einsatz des PRO-B-Konzepts voraussichtlich ab Herbst ermöglichen. Die neue Versorgungsform wird künftig unter dem Namen „ida“ von Maria Karsten und ihrem Team fortgeführt.

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