Abnehmspritzen unter der Lupe – Medizinische Hilfe oder nur ein Hype?

Redaktion Mamma Mia!

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Sie sind in aller Munde – die Abnehmspritzen. Es klingt nach einem verlockenden Konzept. Eine wöchentliche Spritze und schon ist man die unzähligen und frustrierenden Diätversuche los. Oder? Ist es wirklich so einfach? Und für Krebspatientinnen und -patienten eine gute Idee? Mamma Mia! diskutierte diese und andere Fragen mit dem Internisten PD Dr. Zoltan Kender, der an der Universitätsklinik Heidelberg unter anderem die Studienambulanz für Diabetesforschung leitet, und PD Dr. Laura Michel, Oberärztin im NCT Heidelberg.

Mamma Mia!: Herr Dr. Kender, könnten Sie unseren Leserinnen bitte kurz erklären, wie die Abnehmspritzen funktionieren? 

PD Dr. Zoltan Kender: Diese Medikamente gehören zu einer Wirkstoffklasse, die GLP-1-Rezeptor-Agonisten genannt wird. Ursprünglich wurden sie zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt. Sie ahmen ein körpereigenes Hormon nach, das nach dem Essen ausgeschüttet wird – das sogenannte GLP-1. Es wirkt auf das Gehirn und das Verdauungssystem: Der Appetit nimmt ab, der Magen entleert sich langsamer, und das Sättigungsgefühl hält länger an. Dadurch essen viele Menschen automatisch weniger – ohne strenge Diät. Es gibt auch sogenannte dual wirkende Medikamente. Sie aktivieren nicht nur den GLP-1-Rezeptor, sondern zusätzlich den GIP-Rezeptor, ein weiteres Hormon im Zuckerstoffwechsel. Dadurch wird der Appetit noch stärker gehemmt und der Energieverbrauch leicht gesteigert. 

Und wie stark kann man damit tatsächlich abnehmen?  

In den klinischen Studien haben Menschen mit starkem Übergewicht im Durchschnitt acht bis 15 Prozent ihres Körpergewichts verloren – natürlich immer in Kombination mit Ernährungsumstellung und Bewegung. In der Praxis sehen wir auch Reduktionen von bis zu 20 Prozent des Körpergewichts. In der Diabetologie wenden wir dieses Wirkprinzip schon seit vielen Jahren an, da neben der Gewichtsreduktion nicht nur die Blutzuckerkontrolle verbessert wird, sondern auch die Sterblichkeit und Folgen des Diabetes auf das Herz-Kreislaufsystem (Herzinfarkt, Schlaganfall, Amputation) positiv beeinflusst werden.

Für wen sind diese Spritzen zugelassen? 

Für die Gewichtsreduktion sind sie für Erwachsene zugelassen, die Adipositas haben – also einen Body-Mass-Index (BMI) ab 30 kg/m² – oder für Menschen mit einem BMI ab  27 kg/m², wenn zusätzlich eine Folgeerkrankung wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder eine Fettstoffwechselstörung besteht. In Deutschland ist die Anwendung verschreibungspflichtig, und sie sollte immer unter ärztlicher Kontrolle erfolgen, weil Dosierung, ausreichende Nährstoffzufuhr und mögliche Nebenwirkungen überwacht werden müssen. Von der Krankenkasse erstattet werden diese Medikamente zur Gewichtsreduktion trotz Zulassung nicht. 

Welche Nebenwirkungen haben diese Medikamente? 

Am häufigsten sind Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall – besonders zu Beginn der Behandlung. Das bessert sich meist nach einigen Wochen. Seltener sind Gallensteine oder Bauchspeicheldrüsenentzündungen.  

PD Dr. Zoltan Kender, PhD 

Leitung Forschungszentrum für Diabetes und Metabolismus, Universitätsklinikum Heidelberg, Innere Medizin I: Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechsel und Klinische Chemie, Im Neuenheimer Feld 410, 69120 Heidelberg 

Frau Dr. Michel, viele Krebspatientinnen leiden unter Gewichtszunahme unter antihormoneller Behandlung oder anderen Krebstherapien. Wir wissen, dass Übergewicht auch einen Risikofaktor für Brustkrebs darstellt. Würden Sie Ihren Brustkrebspatientinnen vor diesem Hintergrund die Abnehmspritze empfehlen? 

PD Dr. Laura Michel: In Einzelfällen ja, ich bin aber alles in allem eher zurückhaltend. Ich führe zunächst ausführliche Gespräche mit Betroffenen, die abnehmen wollen. Dabei müssen wir zwischen den Patientinnen unterscheiden, die unter Therapie einige Kilo zugenommen haben und denen, die tatsächlich adipös sind. Ich würde die Frauen immer erst einmal dazu ermutigen zu prüfen, ob sie an ihrem Lebensstil etwas ändern können, sprich durch Ernährungsumstellung und mehr Bewegung eine Gewichtsreduktion erreichen können. 

Hierbei sollten wir die Patientinnen aber nicht alleine lassen. Ich würde empfehlen, eine professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen. Außerdem verweise ich unsere Patientinnen gerne an das OnkoAktiv Netzwerk. Habe ich es mit Frauen zu tun, die stark übergewichtig sind und schon mehrere Abnehmversuche hinter sich haben, würde ich die Gabe eines GLP-1-Agonisten eher in Erwägung ziehen. 

Wir müssen aber immer im Auge behalten, dass ein radikaler Gewichtsverlust unter einer laufenden Krebstherapie auch nicht unbedingt gewünscht ist. Kalorien und eine ausreichende Eiweißzufuhr sollten gesichert sein, um den Körper zu stärken. Es gibt also eine Menge Dinge zu beachten. Daher sollten sich Patienten hier unbedingt von geschulten Diabetologen oder auch Hausärzten beraten lassen, die auch die Therapie mit einem GLP1-Agonisten mitbetreuen. 

Wichtig zu wissen ist außerdem, dass man häufig wieder zunimmt, wenn man das Medikament absetzt. Es ist also in der Regel eher eine langfristige Therapie – ähnlich wie bei Bluthochdruck oder Diabetes. Das müssen Patientinnen wissen, bevor sie die Therapie starten, zumal sie auch bei Krebspatienten nicht erstattet wird.  

Haben diese Medikamente auch einen direkten Einfluss auf die Krebserkrankung? 

Es gibt Hinweise, dass GLP-1-Agonisten gegebenenfalls mit einem moderat reduzierten Risiko für bestimmte adipositasassoziierte Krebserkrankungen in Verbindung stehen. Es gibt aber bisher keine Belege dafür, dass sie in der Krebstherapie selbst hilfreich wären. Dafür brauchen wir noch deutlich mehr Studien und Forschung. Ob die Aufnahme von oralen Tumortherapien durch GLP-1-Agonisten beeinflusst wird, ist bislang auch nicht abschließend geklärt. Wir sind also noch ein ganzes Stück davon entfernt, diese Therapie uneingeschränkt Krebspatientinnen empfehlen zu können. 

PD Dr. Laura Michel 

Oberärztin Medizinische Onkologie, Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT)/Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD)/Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Im Neuenheimer Feld 460, 69120 Heidelberg

  1. Mamma Mia! Das Brustkrebsmagazin Ausgabe 01/2026, S. 28f
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