zurück zur Übersicht

­Elektro­chemo­therapie bei Haut­metastasen

  • -

Neues Verfahren in der AGO-Leitlinie

Eine neue Behandlungsform bei Krebsbefall der Haut wurde jetzt in die Leitlinie Mammakarzinom der ­Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V. (AGO) aufgenommen. Es handelt sich um die so genannte Elektrochemotherapie. Dieses Verfahren unterscheidet sich deutlich von der herkömmlichen Chemotherapie, da der Wirkstoff gezielter eingesetzt wird. Mamma Mia! sprach mit Prof. Dr. Eva-Maria Grischke von der Universitäts-Frauenklinik Tübingen über die Einsatzmöglichkeiten der Elektrochemotherapie.

Mamma Mia!: Frau Prof. Grischke, wie können Brustkrebspatientinnen Hautmetastasen erkennen?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: Zu Beginn können Hautmetastasen aussehen wie kleine Pickel, danach entwickeln sie sich zu tastbaren Knötchen mit geröteter Hautoberfläche. In einem fortgeschrittenen Stadium können größere Areale, die wie ein Ekzem aussehen, beziehungsweise oberflächliche Geschwüre (Ulzerationen) der Haut auftreten.

Mamma Mia!: Treten sie nur im Brustbereich auf oder können auch andere Körperteile betroffen sein?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: Hautmetastasen treten meist im Bereich der Brustwand, am Rücken und Hals auf. Prinzipiell können Sie aber jeden Körperteil betreffen.

Mamma Mia!: Welche herkömmlichen Behandlungsformen gibt es bei Hautmetastasen?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: Eine Operation ist meist die erste Wahl, im Anschluss daran kann das Areal bestrahlt werden. Eine Chemotherapie erfolgt meist dann, wenn die Hautmetastasen sehr ausgedehnt sind. Ist der Ursprungstumor hormonabhängig, ist eine Antihormontherapie sinnvoll.

Mamma Mia!: Ein neues Verfahren, die so genannte „Elektrochemotherapie“, wird seit einiger Zeit erfolgreich bei der Behandlung von Hautmetastasen eingesetzt. Können Sie uns dieses Verfahren näher erläutern?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: Bei der Elektrochemotherapie erhält die Patientin intravenös ein niedrig dosiertes Zyto­statikum, aktuell in Form von Bleomycin. Das Chemotherapeutikum umspült die Tumorzellen. Bei Auflage der einzelnen Elektroden zur Elektroporation fließt ein relativ hoher Strom, der allerdings nicht weiter gefährlich ist. Dadurch wird die Zellpermeabilität (Durchlässigkeit der Tumorzelle) für das Zytostatikum erhöht, das dann direkt in die Zelle eindringen kann. Die Zellwand schließt sich allerdings nach einem Zeitraum (aktuell werden 30 Minuten eingeplant), wobei dann das Chemotherapeutikum intrazellulär zu wirken beginnt. Die Patientin erhält eine Narkose, für etwa 30 Minuten, während der Zeit der Anwendung.

Mamma Mia!: Treten hierbei Nebenwirkungen auf?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: Während der Operation ­können je nach Eindringtiefe der einzelnen Elektroden (Cliniporator) Muskelfasziulationen auftreten, die die ­Patientin allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht bemerkt. In der Folge kann es vereinzelt zu etwas „Muskelkatergefühl“ kommen.

Mamma Mia!: Wie groß sind die Erfolgschancen?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: In Studien konnten die Tumoren durch die Anwendung der Methode in gut der Hälfte der Fälle, teilweise sogar bei bis zu 75 Prozent, zum Verschwinden gebracht werden (so genannte komplette Remission) und bei gut 20 bis 30 Prozent konnte zumindest zu einem großen Teil die Hautmetastasierung beseitigt werden.

Mamma Mia!: Die AGO hat das Verfahren der Elektrochemotherapie in die neue Leitlinie zum Mammakarzinom aufgenommen. In welchen Fällen kommt sie zur Anwendung?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: Bei der neuesten AGO-Leitlinie ist die Elektrochemotherapie als Behandlungsoption zur Behandlung des lokoregionären Rezidivs bei nicht heilbaren Fällen aufgelistet. Gemeint sind hier Hautmetastasen, die nicht weiter operabel und auch nicht durch eine weitere Strahlentherapie behandelbar sind. Da diese Veränderungen häufig subjektiv doch sehr beeinträchtigen, ist die Elektrochemotherapie sicherlich ein geeignetes Verfahren, um in ein bis zwei Sitzungen den wesentlichen Anteil einer Hautmetastasierung ­sicher auch in Abhängigkeit des Ausgangsbefundes zum Verschwinden zu bringen beziehungsweise Veränderungen wie Blutungen oder auch nässende Areale damit zu beseitigen.

Mamma Mia!: Gibt es weitere Anwendungsgebiete?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: Die Elektrochemotherapie kann sicherlich nicht nur bei Brustkrebs, sondern auch bei allen Tumoren mit einer Hautmetastasierung eingesetzt werden. Ziel ist häufig auch, durch die Verschorfung der Areale im absolut palliativen Sinne die lästigen Nebenwirkungen zu beseitigen. Generell gibt es Erfahrungen zur Elektrochemotherapie bei verschiedenen Tumorarten, teilweise wenden insbesondere Hautärzte dies auch bei nicht operablen Befunden im Kopf-Hals-Bereich an.

Mamma Mia!: Wird das Verfahren schon flächendeckend angeboten?

Prof. Dr. Eva-Maria Grischke: Aktuell gibt es keine flächendeckende Versorgung, allerdings wird es in jedem Falle in onkologischen Zentren und Schwerpunktzentren angeboten.


Prof. Dr. med. Eva-Maria GrischkeProf. Dr. med. Eva-Maria Grischke
Universitäts-Frauenklinik Tübingen
Calwerstraße 7
72076 Tübingen
Tel.: +49 (0)7071 2982211
E-Mail

zurück zur Übersicht