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Das triple negative Mamma­karzinom – Eigen­schaften und Therapie­möglich­keiten

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Patientinnen mit triple negativem, also dreifach negativem Brustkrebs stellen etwa 15 Prozent aller Brustkrebsfälle dar. Charakteristisch für diese Tumorart ist, dass sowohl Östrogen- als auch Progesteron- sowie HER2/neu-Rezeptoren fehlen. Das macht die Behandlung dieser eher aggressiven Tumorart sehr schwierig, weil viele bisher zugelassene, zielgerichtete Therapien nicht angewendet werden können. Als einzige systemische Therapieform bleibt die Chemotherapie, deren Nutzen ebenfalls begrenzt ist. Beim fortgeschrittenen/metastasierten Brustkrebs wird zudem der Blutgefäßbildungshemmer Bevacizumab eingesetzt.

Mamma Mia! sprach mit Priv.-Doz. Dr. Cornelia Liedtke vom Universitätsklinikum Lübeck über Chancen und Hoffnungen in der Behandlung des triple negativen Brustkrebses.

Mamma Mia!: Frau Dr. Liedtke, was ist typisch für triple negative Tumoren? Ist es richtig, dass diese Tumorart sehr aggressiv ist?

Priv.-Doz. Dr. Cornelia Liedtke: Ja, das ist generell richtig. Es besteht bei dieser Erkrankung eine höhere Rezidivwahrscheinlichkeit als bei anderen Tumorarten – und wenn Rezidive auftreten, so werden sie in der Regel schon nach kurzer Zeit diagnostiziert. Auch ein Fortschreiten der Krankheit in Form von Metastasen, insbesondere an inneren Organen, ist häufiger als bei anderen Tumoren. Somit haben diese Patienten im Vergleich zu anderen Betroffenen eine eher schlechtere Prognose.

Mamma Mia!: Haben denn alle Patientinnen mit triple negativem Brustkrebs eine schlechte Prognose?

Priv.-Doz. Dr. Cornelia Liedtke: Nein, nicht alle Patientinnen mit triple negativem Brustkrebs haben eine gleichermaßen schlechte Prognose. Aus Studien, in denen Patientinnen vor der Operation mit Chemotherapie behandelt worden sind, wissen wir, dass Patientinnen mit triple negativem Brustkrebs eine höhere Ansprechwahrscheinlichkeit gegenüber Chemotherapie haben. Die so genannte pathologische Komplettremissionsrate, das heißt der Anteil an Patientinnen, bei denen sich zum Zeitpunkt der Operation keine bösartigen Zellen in der Brust mehr nachweisen lassen, ist bei triple negativem Brustkrebs gegenüber anderen Brustkrebsarten am höchsten.

Mamma Mia!: Umso wichtiger ist ja, dass die Betroffenen richtig behandelt werden. Welche Behandlungsstrategien stehen derzeit zur Verfügung?

Priv.-Doz. Dr. Cornelia Liedtke: Zurzeit bleibt die Chemotherapie die wichtigste etablierte Therapieoption für Patientinnen mit triple negativem Brustkrebs. In verschiedenen Studien wird derzeit untersucht, ob bei diesen Patientinnen andere Chemotherapiekombinationen eingesetzt werden sollten als bei anderen Brustkrebsarten. Eine Substanzgruppe, die bei triple negativem Brustkrebs eventuell besonders wirksam sein könnte, sind so genannte platinhaltige Chemotherapeutika. Bisher konnte jedoch noch nicht gezeigt werden, dass platinhaltige Chemotherapiekombinationen bei Patientinnen mit triple negativem Brustkrebs wirksamer sind als die etablierten Standardchemotherapieregime.

Mamma Mia!: Gibt es für Patientinnen mit triple negativem Mammakarzinom denn keine zielgerichteten Therapieansätze?

Priv.-Doz. Dr. Cornelia Liedtke: Antihormonelle oder gegen HER2-gerichtete Wirkstoffe können bei Patientinnen mit triple negativem Brustkrebs nicht eingesetzt werden. Neben der Chemotherapie besteht für Patientinnen mit metastasiertem triple negativem Brustkrebs die Möglichkeit einer Behandlung mit dem antiangiogenetischen Wirkstoff Bevacizumab (Avastin®). In verschiedenen internationalen Studien konnte gezeigt werden, dass Bevacizumab auch bei triple negativen Tumoren wirksam ist. Dieser Wirkstoff wird im Rahmen von Studien auch präoperativ beziehungsweise adjuvant eingesetzt. Bevacizumab ist jedoch keine speziell auf den triple negativen Brustkrebssubtyp ausgerichtet Substanz. Vielmehr hemmt Bevacizumab generell gegen die Bildung von Blutgefäßen – und das eben auch beim triple negativen Mammakarzinom.

Mamma Mia!: Bis vor Kurzem wurde im Zusammenhang mit dem triple negativen Brustkrebs of von den genannten „PARP-Inhibitoren“ gesprochen. Was hat es damit auf sich?

Priv-Doz. Dr. Cornelia Liedtke: Die PARP-(Poly-ADP-Ribose-Polymerase)-Inhibitoren wurden zunächst bei Patientinnen mit einer BRCA1- oder BRCA2-Mutation eingesetzt, also bei Frauen mit einer erblichen Brustkrebsvariante. Es ist bekannt, dass diese Tumoren einen defekten DNA-Reparaturmechanismus haben. Die PARP-Hemmer setzen einen weiteren Reparaturmechanismus außer Kraft: Sie hemmen das PARP-Enzym, das normalerweise den oben beschriebenen Defekt ausgleichen kann. Die Krebszellen werden durch die Störung ihrer DNA-Reparaturmechanismen abgetötet, gesunde Zellen werden hingegen nicht beeinträchtigt. Deshalb treten auch relativ wenige Nebenwirkungen auf. Da ein enger Zusammenhang zwischen erblichem Brustkrebs und dem triple negativen Brustkrebs besteht (triple negativer Brustkrebs ist bei Patientinnen mit erblichem Brustkrebs sehr viel häufiger), hat man gehofft, dass PARP-Hemmer auch bei triple negativen nicht-erblichen Brustkrebserkrankungen wirksam sein könnten.

Mamma Mia!: Und waren diese Hoffnungen für Patientinnen mit triple negativem Brustkrebs gerechtfertigt?

Priv.-Doz. Dr. Cornelia Liedtke: Leider haben die PARP-Inhibitoren die in sie gesetzten Hoffnungen für nicht erbliche triple negative Tumoren nicht erfüllen können. In einer US-amerikanischen Studie mit Patientinnen mit metastasiertem triple negativem Mammakarzinom konnte nicht gezeigt werden, dass Iniparib das progressionsfreie oder das Gesamtüberleben der betroffenen Patientinnen signifikant verbessern konnte.

Mamma Mia!: Und wie geht es weiter? Welche neuen wissenschaftlichen Ansätze gibt es? Sind neue Wirkstoffe in Sicht?

Priv.-Doz. Dr. med. Cornelia Liedtke: Wir müssen zunehmend erkennen, dass triple negativ nicht gleich triple negativ ist – und müssen vielmehr davon ausgehen, dass sich hinter diesem Begriff eine sehr heterogene Tumorpopulation verbirgt, die vermutlich ganz unterschiedlicher Therapiekonzepte bedarf. Daher ist es umso wichtiger Biomarker zu entwickeln, die die Prognose und die Ansprechwahrscheinlichkeit gegenüber spezifischen Therapien vorhersagen können.

Mamma Mia!: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

Dr. Cornelia Liedtke: Nun, zunächst hoffe ich, dass die Prognose von Patientinnen mit einem triple negativen Tumor durch den Einsatz maßgeschneiderter Chemotherapie sowie auch neuer Wirkstoffe generell verbessert werden kann. Darüber hinaus hoffe ich, dass es uns gelingt, Prognosefaktoren und Ansprechparameter (so genannte „Prädiktivfaktoren“) zu definieren, die es uns ermöglichen, das derzeit verfügbare therapeutische Repertoire möglichst individuell, das heißt den Bedürfnissen der Patientin beziehungsweise den Eigenschaften ihrer Tumorerkrankung entsprechend, einzusetzen.


PD Dr. Cornelia Liedtke
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (Gynäkologie)
Ratzeburger Allee 160, Haus 12
23538 Lübeck
E-Mail

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