Mamma Mia › Gebärmutterkrebs › Fünf neue Risikofaktoren für Gebärmutterkrebs in den Genen gefunden
Gebärmutterkrebs ist eine häufige gynäkologische Krebserkrankung. Ungefähr 11.170 Frauen erkrankten im Jahr 2023 neu an dieser Krebsart, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI). Bekannt sind einige Risikofaktoren, welche die Entstehung eines Endometriumkarzinoms begünstigen können. So spielen zum Beispiel das Alter, die Hormone und manchmal auch die Gene mit, zum Beispiel bei einem Lynch– und Cowden-Syndrom. Schätzungsweise fünf Prozent aller Fälle von Endometriumkarzinomen stehen mit solchen erblichen Tumorrisikosyndromen in Verbindung. Ein Großteil der genetischen Ursachen ist aber noch nicht aufgeklärt.
Eine internationale Studie unter der Leitung der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) brachte jetzt mehr Licht in die Rolle der Gene bei Gebärmutterkrebs. Im Erbgut (der DNA) machten die Forschenden fünf neue Veranlagungen und Risikofaktoren aus, die eine Krebserkrankung der Gebärmutterschleimhaut fördern können. Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift „eBioMedicine“. Neben der MHH waren noch Kliniken und Forschungseinrichtungen aus Australien, Belgien, China, Deutschland, Großbritannien, Israel, Italien, Kanada, Kasachstan, Schweden und den USA an der Studie beteiligt.
- Analysiert und verglichen wurde das Erbgut von Frauen mit Gebärmutterkrebs und von gesunden Frauen.
- Fünf neue Risikofaktoren in den Genen wurden identifiziert, die die Wahrscheinlichkeit für ein Endometriumkarzinom erhöhen könnten.
- Die neuen Erkenntnisse könnten die Vorsorge und Früherkennung verbessern und neuen Therapien den Weg ebnen.
- Weitere Untersuchungen sollen folgen, besonders des NAV3-Gens. Es zählt möglicherweise zu den sogenannten Tumorsuppressorgenen, die schützende Effekte bei der Krebsentstehung entfalten.
Genauer Blick ins Erbgut
Die Forschungsgruppe um Dr. Thilo Dörk-Bousset von der MHH führte genetische Daten aus nationalen Biobanken verschiedener Länder zusammen und untersuchte sie auf genetische Veränderungen. Sie verglich das Erbgut von mehr als 17.000 Frauen, die an einem Endometriumkarzinom erkrankt waren, mit dem Genom von rund 290.000 gesunden Frauen. Die Ergebnisse der Genomanalyse überprüften die Forschenden an weiteren Studienteilnehmerinnen aus der MHH-Frauenklinik.
Im Rahmen ihrer Analyse entdeckte das Forschungsteam fünf neue Genorte im Erbgut, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rolle bei der Entstehung eines Endometriumkarzinoms spielen. Die zugehörigen Gene besitzen die Abkürzungen NAV3, PPARG, BPTF, ATF7IP2 und RPP21.
NAV3-Gen - ein Tumorsuppressor?
Eines der neu entdeckten Risikogene namens Navigator-3 (NAV3) untersuchten die Forschenden in speziellen Ziellinien aus Gebärmuttergewebe genauer. Wurde NAV3 stillgelegt, wuchsen die Gebärmutterzellen schneller. Dagegen führte eine übermäßige NAV3-Aktivität zum Absterben der Zellen. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass NAV3 normalerweise das Zellwachstum im Endometrium begrenzt und somit als sogenanntes Tumorsuppressorgen die Krebsbildung unterdrückt“, erläutert Dr. Dhanya Ramachandran, Molekularbiologin und Erstautorin der Studie. „Entsprechend ist die Aktivität von NAV3 in Endometriumkarzinomen stark reduziert.“
Tumorsuppressorgene spielen eine wichtige Rolle bei der Krebsentstehung. Sie besitzen schützende Effekte in den Zellen, bremsen die Zellteilung, reparieren Erbgutschäden oder leiten den programmierten Zelltod (Apoptose) ein. So verhindern sie die Entstehung von Tumoren. Fällt die Funktion eines Tumorsuppressorgens aufgrund einer Mutation aus oder ist sie verändert, können sich Zellen unkontrolliert vermehren – Krebs kann entstehen.
Erkrankungsrisiko präziser vorhersagen
Durch die neuen Studienerkenntnisse stieg die Zahl der bisher bekannten genomischen Risikofaktoren für Gebärmutterkrebs von 16 auf 21. „Damit sind wir dem Ziel einer möglichst genauen Risikovorhersage für erblich bedingten Gebärmutterkrebs ein Stück nähergekommen“, sagt Dörk-Bousset, Biochemiker und Fachhumangenetiker. „Denn je mehr verantwortliche Gene wir finden, desto präziser lässt sich die jeweilige Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der eine Frau am Endometriumkarzinom erkranken könnte.“
Blick in die Zukunft: Bessere Vorsorge - neue Therapien?
Womöglich lässt sich aber nicht nur das individuelle Erkrankungsrisiko besser vorhersagen. Vielmehr könnten die Erkenntnisse auch ein Angriffsziel für die verbesserte Früherkennung sowie für neue Therapien bieten. „Wenn wir verstehen, welche Gene für die Tumorentwicklung eine Rolle spielen und was genau sie tun, haben wir auch mögliche Angriffspunkte für Vorsorgestrategien und neue Therapieansätze“, erklärt Dörk-Bousset.
Das NAV3-Gen scheint dabei ein vielversprechender neuer Kandidat zu sein. Wie dieses Gen genau reguliert wird, soll jetzt weiter untersucht werden. „Die Grundlagenforschung von heute ist von zentraler Bedeutung für die Krebstherapie von morgen“, betont Prof. Peter Hillemanns, Direktor der MHH-Frauenklinik und stellvertretender Leiter des Comprehensive Cancer Center Niedersachsen.
Bekannte Erbgutveränderungen als Ursache von Gebärmutterkrebs
Eine mögliche Ursache von Gebärmutterkrebs ist das Lynch-Syndrom. Betroffene Frauen haben angeborene Mutationen in den DNA-Reparaturgenen, den sogenannten Mismatch-Reparatur-Genen. Fallen die Reparaturmechanismen der Zellen aus, lassen sich Fehler im Erbgut nicht mehr korrigieren und Krebs kann entstehen. Bei einem Lynch-Syndrom ist nicht nur das Risiko für ein Endometriumkarzinom erhöht, sondern noch für einige weitere Krebsarten, zum Beispiel für Dickdarmkrebs, Eierstockkrebs oder Tumoren des Harntraktes. Engmaschige Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen sind daher besonders wichtig.
Auch das Cowden-Syndrom zählt zu den erblichen Tumorrisikosyndromen. Oft tritt es im Zusammenhang mit einer Mutation in einem Gen namens PTEN auf. Dies ist die Abkürzung für „Phosphatase und Tensin homolog“-Gen. Das PTEN-Gen zählt zu den Tumorsuppressorgenen. Funktioniert das Eiweiß, das nach dem Bauplan des PTEN-Gens hergestellt wird, nicht richtig, können sich Zellen verstärkt teilen und vermehren. Es können sich gutartige, aber auch bösartige Tumoren entwickeln. Auch hier haben Betroffene ein erhöhtes Risiko für mehrere Krebsarten, darunter Gebärmutter-, Schilddrüsen-, Nieren- oder Darmkrebs.
- Ramachandran D, Wang X, Laisk T et al. GWAS meta-analysis identifies five susceptibility loci for endometrial cancer eBioMedicine, 2025; 11
- Medizinische Hochschule Hannover, Pressemitteilung der MHH vom 7.8.2025,
https://idw-online.de/de/news856530 und https://www.mhh.de/en/presse/mhh-insight/news-detailed-view/five-new-risk-factors-for-uterine-cancer-discovered (Abruf: 12.6.2026) - Robert Koch-Institut (RKI), https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/kid_2025/kid_2025_c54_c55_gebaermutterkoerper.pdf?__blob=publicationFile (Abruf: 12.6.2026)
- Deutsches Konsortium Familiärer Darmkrebs, https://www.hnpcc.de/lynch-syndrom.html (Abruf: 12.6.2026)
- American Cancer Society (ACS), Family Cancer Syndromes, Cowden Syndrome (Abruf: 12.6.2026)
NP-DE-AOU-WCNT-260012 (07/2026)
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