Mamma Mia!: Frau Dr. Moubarak, für Gebärmutterkrebs gibt es in Deutschland kein spezielles Früherkennungsprogramm – warum nicht?
Dr. Malak Moubarak: Ziel eines Früherkennungsprogramms wäre es, die Sterblichkeit durch Endometriumkarzinome zu senken. Derzeit haben wir aber keine kosteneffektive, einfache und zuverlässige Screening-Methode, die dies leisten würde. Für Frauen ohne Symptome gibt es bisher keine belastbaren Studiendaten, die den Einsatz von transvaginalem Ultraschall, die Bestimmung von Tumormarkern oder Biopsien als Früherkennungsmaßnahmen unterstützen würden. Keine einzige vorsorgliche Maßnahme konnte die Sterblichkeit senken.
Dazu kommt, dass sich Gebärmutterkrebs in der Regel frühzeitig durch Symptome bemerkbar macht – insbesondere durch ungewöhnliche Blutungen nach den Wechseljahren, aber auch durch Zwischenblutungen oder sehr starke Regelblutungen bei Frauen der Menopause. Die aktuelle Strategie setzt deshalb darauf, Symptome rechtzeitig zu erkennen und rasch abzuklären statt auf eine allgemeine Früherkennung um jeden Preis. Eine Ergänzung ist die gezielte Vorsorge bei Frauen mit einem genetischen Risiko, zum Beispiel beim Lynch-Syndrom.
Die Ultraschalluntersuchung über die Scheide ist eine Individuelle Gesundheitsleitung, die Frauen selbst bezahlen müssen. Warum ist die Untersuchung nicht aussagekräftig genug? Man müsste doch eigentlich Veränderungen im Ultraschall gut sehen können.
Bei Frauen, die keine Symptome haben, können wir über den transvaginalen Ultraschall zwar eine verdickte Gebärmutterschleimhaut sehen, aber oft handelt es sich um gutartige Veränderungen, zum Beispiel um Polypen. Auch hormonelle Schwankungen können ein Grund dafür sein. Nur ein sehr kleiner Teil dieser Befunde ist tatsächlich bösartig. Der Ultraschall birgt daher das Risiko von Fehlalarmen, die zu unnötigen Biopsien oder operativen Eingriffen führen können. Umgekehrt gibt es aggressive Endometriumkarzinome, die auf dem Boden einer nicht verdickten Gebärmutterschleimhaut entstehen und im Ultraschall unauffällig bleiben.
Wenn schon ungewöhnliche Blutungen aufgetreten sind – ist es dann nicht ein bisschen spät?
Nein, in den meisten Fällen ist es nicht zu spät, erst beim Auftreten von Symptomen zu handeln. Wir diagnostizieren mehr als 80 Prozent der Endometriumkarzinome im Stadium 1, also bevor der Tumor über die Gebärmutter hinauswächst. In diesem frühen Stadium liegen die Heilungschancen nach einer Operation bei über 90 Prozent. Das zeigt: Die medizinische Strategie, bei Symptomen schnell zu reagieren, hat sich bewährt.
Selbst ist die Frau also?
Ja, aber ich würde hinzufügen: Frauen sollten mit Wissen vorgehen, nicht mit Angst. Die Eigenverantwortung ist entscheidend: Ungewöhnliche Blutungen sollten sie immer ernst nehmen und sie zeitnah ärztlich abklären lassen.
Gibt es auch Symptome, die untypisch sind oder die Frauen vielleicht falsch deuten?
Ein Endometriumkarzinom macht sich nicht immer durch klassische Blutungen bemerkbar. Auch ein veränderter vaginaler Ausfluss – er kann zum Beispiel bräunlich aussehen, eitrig sein oder unangenehm riechen – kann ein Alarmzeichen sein. Das Gleiche gilt für anhaltende oder chronische Unterleibsschmerzen, vor allem, wenn sie durch gängige Ursachen nicht erklärbar sind.
In fortgeschrittenen Stadien können außerdem Blut im Urin oder Stuhl, Wassereinlagerungen in den Beinen (Ödeme) oder ein ungewollter Gewichtsverlust auf eine bösartige Erkrankung der Gebärmutter hindeuten.
Für Gebärmutterkrebs sind mehrere Risikofaktoren bekannt, zum Beispiel die Hormonersatztherapie, Diabetes mellitus oder Übergewicht. Weiß man, welche sich wie stark auswirken?
Diabetes und Übergewicht zählen zu den wichtigsten Risikofaktoren für Gebärmutterkörperkrebs, weil sie den Hormonhaushalt beeinflussen. Besonders wichtig ist der Östrogenspiegel, der das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut stimuliert. Bei Übergewicht oder Adipositas produziert das Fettgewebe vermehrt Östrogen. Dadurch ist der Körper dauerhaft einem Hormonmilieu ausgesetzt, das aus der Balance geraten ist. Das gilt vor allem, wenn kein ausgleichendes Progesteron vorhanden ist.
Diabetes mellitus, vor allem Typ-2-Diabetes, geht meist mit einer Insulinresistenz einher. Die Körperzellen sind dann gegenüber dem Insulin unempflindlich. Die Bauchspeicheldrüse versucht dies auszugleichen, indem sie mehr Insulin produziert. Dieser chronisch erhöhte Insulinspiegel wirkt wachstumsfördernd und kann die Vermehrung von Zellen der Gebärmutterschleimhaut zusätzlich anregen. Dadurch steigt die Gefahr, dass sie entarten und zu Krebszellen werden.
Auch die Hormonersatztherapie, die HRT, kann das Risiko für ein Endometriumkarzinom beeinflussen: Eine Östrogentherapie ohne begleitendes Progesteron erhöht nachweislich das Risiko für ein Endometriumkarzinom, weil sie das unkontrollierte Wachstum der Gebärmutterschleimhaut fördern kann. Daher ist eine kombinierte HRT mit Östrogen und Progesteron sehr wichtig, um dieses Risiko zu reduzieren.
Es gibt auch schützende Faktoren. So wird zum Beispiel an der Ernährung geforscht – was ist darüber bekannt?
Welche Rolle die Ernährung als möglicher schützender Faktor bei einem Endometriumkarzinom spielt, das wird seit vielen Jahren wissenschaftlich untersucht. Allerdings ist die Datenlage aus Studien hier weniger eindeutig als bei hormonellen und Stoffwechselfaktoren, deren Einfluss gut belegt ist.
Mehrere Studien deuten aber darauf hin, dass bestimmte Ernährungsweisen das Erkrankungsrisiko potenziell senken könnten. Besonders die mediterrane Ernährung, die reich an Gemüse, Hülsenfrüchten, Fisch, Olivenöl und arm an rotem Fleisch ist, wird mit einem niedrigeren Risiko für Endometriumkarzinome in Verbindung gebracht. Sie wirkt entzündungshemmend, antioxidativ und unterstützt die Gewichtsregulation.
Auch eine ballaststoffreiche, pflanzenbetonte Ernährung scheint sich schützend auszuwirken, möglicherweise durch die Regulation des Hormonhaushalts und die Verbesserung der Insulinempfindlichkeit. In asiatischen Bevölkerungen, in denen traditionell viel Soja konsumiert wird, ist die Häufigkeit von Endometriumkarzinomen auffallend niedriger. Sojaprodukte enthalten Isoflavone. Das sind pflanzliche Phytoöstrogene, die eine schwach östrogene Wirkung haben. Sie könnten besonders bei Frauen nach der Menopause einen ausgleichenden Effekt auf das Hormonmilieu haben.
Ergänzend spielt auch regelmäßige körperliche Aktivität eine wichtige vorbeugende Rolle. Sie mindert das Risiko indirekt, indem sie Übergewicht, Insulinresistenz und chronische Entzündungsprozesse reduziert. Das alles sind Faktoren, die mit der Entstehung des Endometriumkarzinoms in Verbindung stehen.
Gearbeitet wird an intelligenten Systemen zur Prognose. Kürzlich wurde ein KI-Modell entwickelt, welches das Rückfallrisiko präzise vorauskann. Kann die KI hier zukünftig helfen?
Ja, die künstliche Intelligenz KI besitzt im Bereich des Endometriumkarzinoms ein vielversprechendes Potenzial, besonders für die Risikoprognose, Therapieentscheidung und personalisierten Nachsorge.
Mit der Einführung molekularer Marker ist das Endometriumkarzinom in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden. Seit Anfang dieses Jahres gilt eine neue Risikoeinteilung, die eine Vielzahl an Parametern berücksichtigt. Darunter sind anatomische, histologische und molekulare Merkmale. Hier wird die KI künftig eine wachsende Rolle spielen, allen voran bei der individuellen Risikobewertung und der darauf abgestimmten Therapieplanung.
Zwar befinden sich entsprechende KI-Modelle derzeit noch in der Entwicklungs- und Bewertungsphase, aber ihr Einsatz könnte die Entscheidungsfindung in der klinischen Praxis präziser, objektiver und personalisierter machen.
Die Informationen auf dieser Seite können eine professionelle Beratung durch ausgebildete und anerkannte Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen. Auch dienen sie nicht dazu, eigenständig eine Diagnose zu stellen oder eine Therapie einzuleiten.

