Mamma Mia!: Herr Prof. Tempfer* , die Künstliche Intelligenz KI wird derzeit schon in der Diagnostik von (Krebs)Erkrankungen eingesetzt. Ist sie auch bei Gebärmutterkrebs eine Möglichkeit?
Prof. Clemens Tempfer: Derzeit gibt es leider noch keine KI-Systeme zur Diagnostik von Gebärmutterkrebs, deren Verlässlichkeit nachgewiesen ist und die damit im ärztlichen Alltag einsetzbar wären. Allerdings beschäftigt sich eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Studien mit der Künstlichen Intelligenz und wie sie bei der Diagnose von Gebärmutterkrebs helfen könnte.
Im Wesentlichen geht es bei diesen Studien um die Frage: Können bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie, Computertomographie oder der Ultraschall die Diagnostik im Zusammenspiel mit Befunden verbessern, die für eine Patientin spezifisch sind, zum Beispiel ihre Blutwerte? Solche KI-Systeme werden mit Hilfe großer Datenmengen trainiert. Die KI soll die diagnostischen Fähigkeiten von Ärztinnen und Ärzten, die auf Wissen und Erfahrung beruhen, verbessern oder sogar übertreffen.
Könnte man sich die KI auch bei der Frühdiagnostik von Endometriumkarzinomen zunutze machen?
Ja, vielleicht. Das Screening, also eine Reihenuntersuchung an gesunden Frauen ohne Symptome zur Früherkennung von Gebärmutterkrebs, könnte ein anderes mögliches Einsatzgebiet der KI sein. Gerade erst wurde 2025 eine Metaanalyse veröffentlicht, die insgesamt 13 Studien einbezogen hat. Hier erreichten KI-Systeme eine Trefferquote von 86 Prozent. Das ist gut, aber nicht sehr gut. Es zeigt, dass KI-Systeme für den täglichen Gebrauch noch nicht ausgereift sind. Das kann sich allerdings in naher Zukunft ändern.
Wie könnte denn eine gute „Zusammenarbeit“ zwischen Ihnen und der KI aussehen?
Fortgeschrittene KI-Systeme könnten uns theoretisch in vielen Bereichen unterstützen und in einigen wahrscheinlich auch zur Gänze ersetzen. Diese Zukunft ist noch mehr oder weniger fern. Ich würde zunächst die Analyse von Bildern wie MRT-, CT- und Ultraschallaufnahmen nennen, aber auch die Erstellung von Diagnosen, basierend auf einer Vielzahl von Informationen. Auch Trainingssysteme oder die Unterstützung bei Operationen durch die KI sind potenzielle Felder der Zusammenarbeit. Hier geht es zum Beispiel darum, eventuelle Fehler während der OP zu vermeiden oder bestimmte Operationsschritte einzuhalten.
KI-Systeme könnten vor allem dann hilfreich sein, wenn eine Vielzahl von Informationen und Parametern einfließen oder die Gestaltwahrnehmung eine Rolle spielt. Damit sind zum Beispiel das Aussehen und veränderte Strukturen von Geweben und Organen gemeint. Auch im Bereich der Dokumentation, die mittlerweile einen großen Teil unserer Zeit in Anspruch nimmt, können uns KI-Systeme entlasten.
Geforscht wird an einfachen diagnostischen Tests, die – anders als eine Biopsie – ohne invasive Eingriffe auskommen, zum Beispiel an einem molekularen Test anhand eines Abstrichs. Wie würden Sie diese einordnen?
Derzeit gibt es noch keine diagnostischen Tests, die dafür zugelassen oder in der Leitlinie empfohlenen währen. Ich glaube aber, dass sich minimale Eingriffe wie zum Beispiel Abstriche oder Blutabnahmen mittels molekulargenetischer Methoden vielleicht in Zukunft treffsicherer machen lassen. Ich geben Ihnen ein Beispiel: Der WID®-easy Test ist ein molekularer Test, der auf dem Nachweis bestimmter Marker basiert, sogenannter DNA-Methylierungsmarker. Hier sind an das Erbgut – die DNA- spezielle chemische ‚Schnipsel‘ angeheftet. Der Test wird anhand von Abstrichen aus der Scheide und vom Gebärmutterhals durchgeführt. Er ermöglicht bei Frauen eine nicht-invasive und objektive Abklärung von Blutungen, die während oder nach der Menopause auftreten.
Die bislang größten Studien zur Verlässlichkeit dieses Tests lieferte folgende Zahlen: Er konnte mit einer Sensitivität von mehr als 95 Prozent – eine kranke Person wird auch als krank erkannt – und einer hohen negativen prädiktiven Wertigkeit von 99,7 Prozent – das Testergebnis ist negativ, weil eine Person gesund ist – Endometriumkarzinome zuverlässiger ausschließen als herkömmliche Methoden.
Übernehmen die Krankenkassen die Kosten dafür?
Nein, diesen Test bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen im Moment nicht.
Gibt es andere Tests auf ein Endometriumkarzinom, die vielversprechend und vielleicht bald praxistauglich sind, zum Beispiel einen einfachen Bluttest?
Auch wenn derzeit auf dem Gebiet der Blutuntersuchung intensiv geforscht wird – aktuell gibt es keine Bluttests, die Gebärmutterkrebs nachweisen könnten. Forschungen deuten aber darauf hin, dass zum Beispiel zellfreie Erbgutabschnitte im Blut von vermeintlich gesunden Personen zum Nachweis von diverser Krebserkrankungen geeignet sind. Wir sind zwar noch nicht so weit, aber der Einsatz von Bluttests in der Krebsdiagnostik ist möglich.
Auch aus dem Urin eines Menschen lässt sich ja einiges ablesen – vielleicht auch eine Gebärmutterkrebserkrankung?
Ja, eventuell. Eine Studie aus dem Jahr 2021 konnte zeigen, dass Analysen von Zellen aus dem Urin Hinweise auf Gebärmutterkrebs und Gebärmutterhalskrebs liefern können. Einschlägige Studien zu diesem Thema sind allerdings noch experimentell und es ist derzeit unklar, ob Urintests in Zukunft wirklich praxistauglich sind.
Gibt es Entwicklungen in der Diagnostik von Endometriumkarzinomen, in denen aus Ihrer Sicht ein besonderes Potenzial steckt?
Das größte Potenzial und die dynamischsten Entwicklungen finden sich derzeit im Bereich der molekularen Subtypisierung von Gebärmutterkrebs. Klinische Studien zeigen zunehmend, dass wir uns solche molekulare Signaturen von Tumoren zunutze machen können. Wir können immer genauer vorhersagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Tumor auf Therapien anspricht. Diese Entwicklung wird als, Personalisierung‘ der Krebstherapie bezeichnet.
Molekulare Merkmale der Tumorzellen spielen schon heute in der Diagnostik eine große Rolle. Welche Vorteile hat das für betroffene Frauen?
Es gibt zwei wesentliche Vorteile: Zum einen können wir die Prognose der Krebserkrankung besser einschätzen. Und zum anderen können wir moderne Therapien zielgenauer einsetzen, die ja oft mit Nebenwirkungen behaftet und auch teuer sind.
* Prof. Dr. med. Clemens Tempfer ist Klinikdirektor des Marien Hospital Herne, Universitätsklinikum der Ruhr Universität Bochum, Lehrstuhlinhaber für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Ruhr-Universität Bochum sowie Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit der Schwerpunktbezeichnung Gynäkologische Onkologie.
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