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Anti­hormon­therapie: Gleiche Wirkungs­weise bei Männern und Frauen?

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Mamma Mia!: Herr Jurmeister, wenn Männer an Brustkrebs erkranken, müssen sie sich in der Regel der gleichen Therapie unterziehen wie Frauen. Das klingt einleuchtend. Auch Menschen, die an Leukämie erkrankt sind, müssen die gleichen Behandlungsschemata durchlaufen. Ist das bei Brustkrebs zwingend und richtig?

Peter Jurmeister: Weit mehr als 90 Prozent der männlichen Mammakarzinome sind Östrogen abhängig. Die wichtigste systemische Therapie ist also eine Antihormontherapie, die genau da ansetzt, wo es die wesentlichen Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Organismus gibt. Hormonelle Therapien greifen ja nicht nur auf das Tumorgewebe zu, sondern insbesondere auch auf die Keimdrüsen (Eierstöcke beziehungsweise Hoden). Sie beeinflussen damit auch entscheidend den hormonellen Regelkreislauf der mittels der Steuerungshormone (FSH, LH, GnrH) von der Hypophyse beziehungsweise Hypothalamus gesteuert wird. Somit können sich – je nach eingesetztem Wirkstoff – die therapeutischen Wirkungen und die Nebenwirkungen deutlich unterscheiden. Dass es hier kaum Erkenntnisse gibt, zeigt zum Beispiel die zurzeit laufende „Male-Studie“ der German Breast Group, die den Einfluss von unterschiedlichen Medikamentenkombinationen auf die Östradiolkonzentration bei Männern evaluieren soll. Ein weiteres Beispiel: Mammakarzinome bilden – bei Männern noch häufiger als bei Frauen – auch Androgenrezeptoren aus. Ob dies bei dem deutlich höheren Androgenspiegel der Männer ein größeres Risiko für das Tumorwachstum bedeutet und es hier möglicherweise einen weiteren Therapieansatz gibt, ist völlig ungeklärt.

Fazit: Es gibt wohl kaum eine andere Krankheit, bei der das Geschlecht des Patienten sich so sehr auf die Therapie auswirkt. Für Frauen ist die Wirksamkeit der Therapien durch aussagekräftige Studien belegt. Männern bleibt nur die Hoffnung, dass die Behandlungen – trotz der offensichtlich anderen hormonellen Gegebenheiten des männlichen Organismus – auch bei ihnen wirken. Eine der bekanntesten Forscherinnen auf dem Gebiet des männlichen Brustkrebses, Dr. Sharon Giordano vom MD Anderson Cancer Center in Houston, hat das Problem so ausgedrückt: „It’s time for Evidenz instead of Extrapolation“ („Es ist Zeit für Beweise statt Vermutungen“, Anmerkung der Redaktion).

Mamma Mia!: Mit welchen körperlichen und emotionalen Risiken und Nebenwirkungen müssen Männer mit Brustkrebs rechnen, wenn sie antihormonelle Mittel einnehmen?

Peter Jurmeister: Das kommt ganz darauf an, um welche Medikamente es sich handelt. Bei Tamoxifen sind die Nebenwirkungen kaum anders als bei Frauen. So berichten beispielsweise auch Männer über Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Viele Patienten klagen aber auch über eine deutliche Libidominderung, was in der Folge bei Männern dann meist auch zu Potenzverlust führt.

Mamma Mia!: In der antihormonellen Therapie werden Tamoxifen, Aromatasehemmer und GnRH-Analoga eingesetzt. Gibt es nach Ihrer Erfahrung und nach den Berichten von Betroffenen Unterschiede in den Nebenwirkungen dieser Medikamente?

Peter Jurmeister: Die Auswirkungen der meist in Kombination eingesetzen Aromatasehemmer und GnRH-Analoga sind noch gravierender. Durch die GnRH-Analoga werden die männlichen Hormone auf Kastrationsniveau gesenkt. Ein völliger Verlust der Sexualfunktionen, Antriebsarmut und massive Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen werden häufig beschrieben. Männer verlieren auch deutlich an Muskelkraft, was dann, mit den bei Aromatasehemmern oft auftretenden Knochen- und Gelenkschmerzen, zu einer starken Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit führt. Eine Mono- oder Kombinationstherapie mit Aromatasehemmern wird bei Männern in der Regel nur bei Unverträglichkeit oder bei Fortschreiten der Erkrankung unter Tamoxifen eingesetzt.

Mamma Mia!: Warum wird oft auch noch durch GnRH-Analoga die Hodenfunktion ausgeschaltet? Was soll damit erreicht werden? Und welche Auswirkung auf den männlichen Patienten hat das?

Peter Jurmeister: In den Eierstöcken bei Frauen – und in geringerem Maße auch in den Hoden der Männer – werden Östrogene direkt erzeugt und können nicht durch Aromatasehemmer unterdrückt werden. Bei Frauen nach den Wechseljahren stellen die Eierstöcke die Funktion ein, und durch Aromatasehemmer kann die periphere Östrogensynthese unterbunden werden. Beim Mann bleibt die Funktion der Hoden – wenn auch vermindert – bis ins hohe Alter erhalten. Die direkte Östrogenproduktion in den Hoden führt aber dazu, dass bei der Therapie mit Aromatasehemmer der Östrogenspiegel nicht so weit absinkt wie bei Frauen nach den Wechseljahren. Somit ist es völlig offen, ob die verminderte Absenkung des Östrogenspiegels ausreicht, um eine therapeutische Wirkung zu entfalten. Durch die zusätzliche Gabe von GnRH-Analoga wird die Funktion der Hoden ausgeschaltet – in der Folge werden auch beim Mann die Östrogene vollständig unterdrückt. Aber auch die männlichen Hormone werden unterdrückt – mit den bereits beschriebenen Folgen.

Mamma Mia!: Was raten Sie Männern, die unter den Nebenwirkungen dieser Therapie besonders leiden? Aufhören? Weitermachen? Gibt es aus Ihrer Sicht „Hausmittel“, um die Nebenwirkungen in Schach zu halten?

Peter Jurmeister: Das können nur Arzt und Patient gemeinsam entscheiden, indem sie Risiko und Nebenwirkungen abwägen. Wir weisen Männer, die sich mit der Frage nach „Hausmittel“ an uns wenden, ausdrücklich darauf hin, dies unbedingt mit den behandelnden Ärzten abzustimmen. Tamoxifen ist beispielsweise eine so genannte „Prodrug“, das heißt, erst durch eine Verstoffwechselung in der Leber wird der eigentliche Wirkstoff erzeugt. Es gibt Medikamente, zum Beispiel einige Antidepressiva, aber auch einige „Naturheilmittel“, die den gleichen Stoffwechselweg nehmen und die Umwandlung des Tamoxifens behindern können. Viele Männer in unserem Netzwerk berichten, dass sie mit einer ausgewogenen Ernährung, moderatem Sport und Methoden zum Stressabbau besser mit den Nebenwirkungen zurechtkommen. Einige berichten auch, dass ihnen Akupunktur geholfen hat.

Mamma Mia!: Die Datenlage zur Behandlung brustkrebskranker Männer ist aufgrund der Seltenheit dieser Erkrankung dürftig. Gute Behandlung aber braucht Daten. Gibt es Alternativen zu klinischen Studien? Was könnte getan werden, um Fakten und Erfahrungen zur Therapie von Brustkrebs bei Männern zu sammeln und zu sichern?

Peter Jurmeister: Aufgrund der geringen Erkrankungsrate ist es nur auf internationaler Ebene möglich, genügend Patienten für belastbare Studien zu rekrutieren. Hoffnung gibt hier eine Studie der European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC). In der ersten, bereits abgeschlossenen Phase der EORTC10085 Studie waren 1822 männlich Patienten eingeschlossen. Leider beteiligen sich deutsche Zentren an dieser Studie nicht. Eine wesentliche Verbesserung in der Versorgung männlicher Brustkrebspatienten in Deutschland könnte erreicht werden, wenn sich einige wenige universitäre Brustzentren ganz speziell auch um das männliche Mammakarzinom kümmern würden. Wie sollen sich bei nur 600 Neuerkrankungen im Jahr und rund 250 Brustzentren in Deutschland Erfahrungen entwickeln und Fakten zu dieser Erkrankung gesammelt werden, wenn sich die Patienten auf alle Zentren verteilen? Natürlich müsste es an diesen Zentren auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Andrologen geben, um Männern mit den sexuellen Problemen der Antihormonbehandlung ärztliche Hilfe anbieten zu können.

Immer wieder wenden sich Männer an unser Netzwerk, um zu erfahren, wo sie denn die Spezialisten für ihre Erkrankung finden können. Die Auskunft, dass an allen Brustzentren, die zu mehr als 99 Prozent Frauen behandeln, die Spezialisten für den männlichen Brustkrebs zu finden sind, stellt verständlicherweise keinen Patienten zufrieden.


Peter JurmeisterPeter Jurmeister
Netzwerk Männer mit Brustkrebs e.V.
E-Mail
www.brustkrebs-beim-mann.de

 

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