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Ich richte mein Leben nach dem „Über­leben“ aus

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Lange ist es nun her, dass ich ihn bemerkt habe – einen Knoten in meiner linken Brust, der da nicht hingehört. Obgleich ich nicht bei jedem Wehwehchen sofort zum Arzt laufe, beschleicht mich ein Gefühl, dass ich den Arztbesuch nicht noch länger hinauszögern sollte.

Der Besuch bei meinem Hausarzt währt kurz. Ich beschreibe ihm den Knoten, er tastet kurz und beschließt, mich zur Sicherheit zu einem Frauenarzt zu überweisen – die hätten mit so etwas mehr Erfahrung. Ich bin zwar ein wenig überrascht, letztlich erscheint mir der Schritt jedoch plausibel.

Ich kann heute nicht mehr sagen, wann ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, es könnte Krebs sein. Mit dem Besuch bei meinem Hausarzt entwickelt sich aus dem Gefühl leichter Sorge jedoch zunehmend ein Gefühl der Angst. Ich entschließe mich nun, das „Knotenproblem“ schnell zu lösen, und mache mich unmittelbar zum Frauenarzt meiner Frau auf. Die dortige Sprechstundenhilfe lacht mich zunächst aus: „Sie wollen ja wohl kaum einen Termin bei uns haben“. Mir ist nicht zum Lachen zumute. Ich reiche ihr meine Überweisung über den Tresen – und schon ist auch der Humor der Arzthelferin entschwunden.

Die Frauenärztin untersucht meine Brust mit dem Ultraschallgerät. Sie hält den Knoten zwar nicht für etwas Bösartiges, will mich aber zur Sicherheit in ein „Brustzentrum“ schicken. Als ich die Praxis verlasse, entschuldigt sich die Sprechstundenhilfe bei mir. Männer hätte sie bis dato noch nicht in ihrer Praxis gehabt…

Ein paar Tage später habe ich den Termin im Brustzentrum. Um sicher zu gehen, dass der Knoten nicht bösartig ist, wollen die Ärzte eine so genannte Stanzbiopsie bei mir durchführen. Unter Ultraschall und Betäubung wird eine lange Nadel in meine Brust eingeführt und mit drei „Schüssen“ Gewebe aus dem Knoten entnommen. Eine Stanzbiopsie muss man nicht jeden Tag haben – sie ist jedoch durchaus auszuhalten.

Der Schock

Der Anruf aus der Klinik erreicht mich zwei Tage später. Ich sitze im Büro, als mein Handy klingelt – es ist die leitende Oberärztin, die auch die Biopsie bei mir vorgenommen hat. Ohne Umschweife erläutert sie mir den pathologischen Befund. Die Proben würden eine Krebsvorstufe aufweisen. Sie spricht von DCIS. Der Krebs sei noch nicht ausgebrochen, müsse aber unbedingt behandelt werden. Endgültige Sicherheit über den Status meiner Erkrankung könne man erst nach einer Operation und der pathologischen Untersuchung des Knotens erlangen. Da nur drei kleine Proben aus dem Knoten entnommen worden seien, könnte nicht ausgeschlossen werden, dass sich andere Teile des Knoten bereits weiter entwickelt hätten…

Ich zittere und räume meinen Schreibtisch auf. Ich weiß nicht, ob beziehungsweise wann ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkomme und möchte alles geordnet hinterlassen. Dann schildere ich meinem Chef den Stand der Dinge – den Tränen nahe – und gehe.

Ich habe jetzt ein Problem. Ein ziemlich Gewaltiges sogar. Der Knoten in meiner Brust entwickelt sich in meinem Bewusstsein zu einer Art Fremdkörper, der so schnell wie eben möglich entfernt werden muss. In meinem eigenen, mir vertrauten Körper lauert etwas, was meinen baldigen Tod bewirken kann.

Mir ist klar, dass ich von nun an meine gesamte Aufmerksamkeit dieser Erkrankung widmen muss. Ich stürze mich in die Literatur. Das Internet bietet gute Dienste – ich achte jedoch sehr auf vertrauenerweckende Quellen. Sehr früh manifestiert sich bei mir ein Hauptgedanke: Wie steht es um mein Überleben, welche Chance habe ich? Doch genau hier liegt das Problem. Ich stoße auf Angaben zu Überlebensraten, die mich lähmen und eine sachliche Auseinandersetzung mit der Lage verhindern.

Meine Schwester besorgt mir geeignete Literatur – ich solle mich unbedingt in einem zertifizierten Brustzentrum behandeln lassen. Informationen zu Spezialisten für Männer mit Brustkrebs bekomme beziehungsweise finde ich nicht. Ich wähle die von meiner Frauenärztin empfohlene Klinik, die auch die Biopsie durchgeführt hat. Bis zur Operation sind es noch fünf Tage. Eine quälende Zeit beginnt. Ich praktiziere meinen Sport – mit der geringstmöglichen Belastung. Ich habe gelesen, dass sich Krebszellen auch über die Blutbahn verbreiten. Ist Sport in dieser Phase gefährlich? Die Angst begleitet mich.

Noch vor meiner Aufnahme in die Klinik wird eine Mammografie meiner Brust durchgeführt – links- und rechtsseitig. Das funktioniert deutlich besser, als ich erwartet hätte. Auch der Druckschmerz hält sich in Grenzen. Etwa 15 Minuten nach dem Prozedere bittet mich der Radiologe in sein Zimmer. Er blickt mir tief in die Augen und sagt nur diesen einen Satz: „Die Bilder sind sehr, sehr besorgniserregend“. Ich habe Angst.

Die erste Operation

Die Operation verläuft, wie Operationen halt meist verlaufen. Ich bekomme eine Spritze, werde irgendwann „abgeholt“ und erinnere mich hinterher an nichts mehr. Nach der Operation bin ich geschafft. Nach und nach erhole ich mich. Obgleich ich gesetzlich versichert bin, liege ich in einem Privatpatienten-Einzelzimmer. „Natürlich“ bin ich der einzige Mann auf der gynäkologischen Station. Auf der einen Seite weiß ich die damit verbundenen Annehmlichkeiten sehr zu schätzen – zum ersten Mal „hilft“ mir mein Exotenstatus als Mann! – auf der anderen Seite überlege ich, ob dieser „Service“ lediglich aus Kostengründen (ein Privatbetteinzelzimmer ist günstiger als ein „gesetzliches“ Vierbettzimmer mit nur einem männlichen Patienten) oder aber als „Gnadenbrot“ für einen unheilbar Kranken gestattet wird.

Es dauert weitere vier quälende Tage, bis ich das Ergebnis der pathologischen Untersuchung meines Knotens erhalte. Die Oberärztin betritt den Raum – und in dem Moment weiß ich, dass ich Krebs habe. Es steht in Ihrem Gesicht geschrieben. Der Knoten in meiner Brust enthält einen 0,5 Zentimeter großen bösartigen Anteil.

Pure Angst durchflutet meinen gesamten Körper. Etwa 500 Männer erkranken pro Jahr an Brustkrebs, etwa 250 der Erkrankten sterben pro Jahr. Diese Zahlen hatte ich schon gelesen. Nach „aktueller Datenlage“ muss ich also davon ausgehen, dass meine Überlebenschance bei 50 Prozent liegt.

Man könne noch nicht sagen, ob sich der Krebs ausgebreitet hätte, erklärt die Ärztin. Eine weitere Operation sei notwendig, bei der noch „nachresektiert“ werden müsse, da der Knoten nicht vollständig und mit einem ausreichenden Rand im Gesunden entfernt worden sei. Außerdem sollen Lymphknoten entfernt werden. Die Entnahme dient vornehmlich der Diagnostik, um den Ausbreitungsgrad der Erkrankung zu bestimmen.

Drei Tage verbleiben bis zur zweiten Operation. Etwa eine Woche, bis das Ergebnis dieser Operation vorliegt. Eine erneute, quälende Zeit der Ungewissheit. In dieser Zeit denke ich an meine Angehörigen und auch an die Möglichkeit, es nicht zu schaffen. Was muss ich noch regeln? Wird meine Frau unsere Wohnung weiter nutzen und finanzieren können? Was muss ich noch regeln, sollte ich es nicht schaffen? Ich kann mich dieser Gedanken nicht erwehren – sie machen mich leider auch sehr traurig.

Die zweite Operation

Die zweite Operation verläuft aus meiner Sicht wie die erste – Beruhigungsspritze, ich werde abgeholt, kann mich später an nichts erinnern und fühle mich, als wäre ich von einem LKW überfahren worden. Nach dem zermürbenden Warten, Bangen und Hoffen erhalte ich dann zum ersten Mal eine den Umständen entsprechend gute Nachricht: kein Lymphknotenbefall. Damit bessert sich meine Prognose: Mein Knoten hat das „geringste“ Grading G1 (Maß, wie „abnormal“ sich die Tumorzelle bereits entwickelt hat) und ist klein. In einer Tumorkonferenz wird auf der Basis dieser Daten meine Therapie beschlossen: Keine Bestrahlung, keine Chemotherapie, sondern „nur“ eine Antihormontherapie mit Tamoxifen.

Anschlussheilbehandlung

Noch in der Klinik werde ich auf die Möglichkeit einer Anschlussheilbehandlung (AHB) hingewiesen. Falls ich sie in Anspruch nehmen möchte, so muss ich sie binnen 14 Tagen antreten. Nachdem ich nunmehr von einer guten Prognose ausgehe, weiß ich nicht, ob mich das Zusammentreffen mit potenziell „verzweifelteren“ Patienten nicht wieder nach unten zieht. Dem ist nicht so. Die Mitpatienten der AHB haben alle „das Schlimmste“ hinter sich und auch wenn alle ihr „Päckchen zu tragen haben“, ist die Stimmung doch gut. Noch während der AHB fange ich langsam wieder mit meinem Sport an. Eine der wichtigsten Informationen, die ich während der Kur erhalte, betrifft den Sport. Es ist ein Dokument aus dem deutschen Ärzteblatt, das die Auswirkung von Sport und Bewegung auf das Überleben bei Brustkrebs beschreibt. Sport ist von nun an mit Überlebenssteigerung assoziiert und hat einen noch bedeutenderen Platz in meinem Leben gefunden.

Zurück im Beruf

Nach etwa acht Wochen kehre ich an meinen Arbeitsplatz zurück. Mein Team und einige weitere Kollegen wissen von meiner Erkrankung – ich mache auch keinen Hehl daraus. Dennoch ist der erste Tag schwer, ich werde immer wieder mit den traumatischen Geschehnissen der vergangenen Wochen konfrontiert. Es gibt Kollegen, die ohne Kenntnis meiner Erkrankung verwundert nachfragen, wo ich denn so lange geblieben bin. Nicht immer kläre ich über die wahren Gründe meiner Abwesenheit auf. Die Kollegen, die die Wahrheit erfahren, sind schockiert und fassungslos.

Leben und Tod

Die Diagnose Krebs reißt einen Menschen aus seinem normalen Leben. Ich durchlebe verschiedene Phasen. Zunächst wird das Selbstverständnis des Lebens erschüttert. Angst und Trauer dominieren die Seele. Der Gedanke um das Überleben dominiert den verbleibenden rationalen Teil des Gehirns. Diese Gefühle und Gedanken „setzen“ sich mit der Zeit. Irgendwann arrangiere ich mich damit, dass es mich trotz meines noch vergleichsweise jungen Alters erwischt hat. Nach und nach übernimmt der „gesunde Menschenverstand“ wieder die Kontrolle. Und dieser „gesunde Geist“ bringt mich zunächst dazu, das Problem „Krebs“ sachlicher zu sehen. Für mich steht fest, dass ich mein Leben nach dem „Überleben“ ausrichten muss. Alle Informationen zu meiner Erkrankung können mein Überleben sichern. Die Suche nach weiteren Therapieformen beginnt. Doch auch diese Phase lässt irgendwann nach. Der Alltag ist wieder da. Ich widme mich den Problemstellungen des Berufs. Auch die Kollegen behandeln mich relativ normal. Dennoch bin ich nicht mehr der Gleiche. Die Erkrankung ist wie eine empfindliche Narbe. Stößt man sich an ihr, so schmerzt sie. Gesunde Ernährung, Sport, Schlaf und Seelenhygiene haben einen anderen Stellenwert im Leben erhalten.

2010 habe ich an zwei internationalen Marathons teilgenommen. Ohne meine Erkrankung hätte ich das nicht getan. Eine schwere Erkrankung kann auch wie der berühmte Tritt in den Hintern sein.

Mann mit Brustkrebs – ein Exot?

Ich nehme mich nicht als Mann mit einer Frauenkrankheit wahr, sondern vielmehr als Patient, der eine seltene Erkrankung hat (mittlerweile weiß ich jedoch, dass nicht jeder betroffene Mann so denkt). Auch bei meinen Mitmenschen habe ich die Bestürzung über die Erkrankung immer stärker wahrgenommen, als die Verwunderung über das betroffene Organ. Auf der einen Seite profitieren wir Männer mit Brustkrebs von den Erfahrungen betroffener Frauen und den für sie bereits entwickelten Medikamenten und Behandlungsmethoden – doch genau hier liegt auch die Crux. Besonders die hormonellen Prozesse der Männer unterscheiden sich offenbar sehr von denen der Frauen – dennoch bekommen wir zum Teil die gleichen Medikamente – und dass offenbar ohne wirklich verlässliche Studien für deren Wirksamkeit bei Männern.

Studien sind teuer und lohnen sich möglicherweise nicht für 500 Exoten pro Jahr? Hier lohnt es sich zu kämpfen!


Frank, Dezember 2010, Jahrgang 1965, Diagnose 2008

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