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Weg­weiser bei der ­Erst­erkrankung

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Wie bei jeder bösartigen Erkrankung sollten sich an Brustkrebs erkrankte Männer an spezialisierte und zertifizierte Brustzentren wenden. Nicht jeder Chirurg, der scharfe Schnitte mit dem Skalpell ziehen kann und sich für den Eingriff anbietet, ist auch der richtige Operateur auf diesem Spezialgebiet. Vor rund fünfzehn Jahren hat man in Deutschland begonnen, Diagnose und Behandlung von Krebs zu spezialisieren und auf die besten Kliniken zu konzentrieren. Brustkrebs war der Vorreiter in diesem Spezialisierungsgeschehen, das mit deutlichen Qualitätsverbesserungen einherging.

Politik und Partner im Gesundheitswesen (Ärzte, Krankenkassen, Patienten, Krankenhausgesellschaft) waren sich einig: Nicht mehr jedes Krankenhaus sollte Brustkrebs mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie behandeln. Es wurden Mindestfallzahlen festgelegt, die ein Brustzentrum erreichen muss, um eine Zertifizierung erfolgreich zu bestehen. Vor allem den Patientinnen war schnell klar, dass sie in einer Klinik mit 250 und mehr Operationen deutlich professioneller behandelt werden als in kleinen Krankenhäusern mit 20 Fällen im Jahr. Diagnostik, Therapie und Nachsorge werden in den Zentren auf hohem Niveau sichergestellt. Alle beteiligten Fachdisziplinen (Operateure, Pathologen, Onkologen, Strahlentherapeuten, Psychoonkologen) arbeiten eng zusammen. Alle Fälle werden gemeinsam in Tumorkonferenzen beraten.

Heute gibt es in Deutschland rund 250 spezialisierte und zertifizierte Brustzentren. Zwar dürfen immer noch alle Kliniken Brustkrebspatienten behandeln, aber die an Brustkrebs erkrankten Frauen sind nicht dumm: 90 Prozent gehen in die Brustzentren. Eine Abstimmung mit den Füßen!

Aus dieser Synergie erwächst eine hohe Versorgungsqualität, von der die Patientinnen und Patienten profitieren. Es ist kein Zufall, dass die Heilungschancen für Brustkrebs in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. Dazu hat maßgeblich beigetragen, dass sich die Versorgungsqualität durch die Bildung von Zentren erheblich verbessert hat. Andere Krebsarten sind diesem guten Beispiel gefolgt. Es gibt inzwischen Zentren für Darmkrebs, Prostatakrebs, Lungenkrebs – um nur einige Tumorerkrankungen zu nennen, die in spezialisierten Organzentren behandelt werden können.

Spezialisierte Brustzentren

Und weil die Brustkrebserkrankung beim Mann so ungewöhnlich und selten ist, sollten die Betroffenen auf jeden Fall in große Brustzentren gehen. Das ist der erste wichtige Schritt nach der Diagnose. Vielleicht empfiehlt sich sogar eine Universitätsklinik, weil dort auch geforscht wird. Aber reicht das wirklich für die Zukunft? Fachleute und Patientenvertreter sind sich einig: Es müssen auch Zentren geschaffen werden, die sich auf Brustkrebs beim Mann spezialisieren. Dort müsste beispielsweise auch das interdisziplinäre Team erweitert werden. Andrologen beispielsweise, also Ärzte, die sich mit den Fortpflanzungsfunktionen des Mannes und deren Störungen befassen, müssten dringend Teil des Beratungsteams sein.

Es gibt erheblichen Aufklärungsbedarf in dieser Frage. Immer noch scheinen viele Männer mit Brustkrebs von Chirurgen und nicht von spezialisierten Senologen – das sind Fachärzte für Brustheilkunde – operiert zu werden. So hat die Tumorbank der Stiftung PATH beispielsweise Brustkrebsgewebe und Blutserum von mehr als 7.500 Patientinnen bei tiefsten Temperaturen eingelagert. Die an sieben Brustzentren gesammelten Biomaterialien werden von der Stiftung PATH an die Krebsforschung gegeben. Orientiert man sich daran, dass ein Prozent aller Brustkrebsfälle bei Männern auftreten, müsste in der PATH Biobank Tumormaterial von rund 70 Männern zu finden sein. Es sind aber nur 30 Fälle. Das spricht dafür, dass Männer bei Verdachtsmomenten wie Knubbel in der Brust und Verhärtungen im Bereich der Brustwarze eher den Chirurgen aufsuchen als den Brustspezialisten. Und auch hier wird vermutlich schnell zum Skalpell gegriffen, weil selbst Ärzten Brustkrebs beim Mann nicht sofort in den Sinn kommt.

Mit Recht fordert Peter Jurmeister, dass nicht alle der rund 250 Brustzentren in Deutschland den seltenen Fall des männlichen Brustkrebses behandeln sollten. Es sollte eine Zentrierung auf einige wenige Kliniken erfolgen, die sich neben ihrem „Frauen“-Brustzentrum auf die Behandlung von Männern in Forschung und klinischer Anwendung fokussieren.

Begleitung beim Arztgespräch

Früher zeichnete sich das Arzt-Patient-Verhältnis durch Eindimensionalität aus: Der Doktor sagte, wo es lang geht, der Patient folgte den Therapievorschlägen und Anweisungen brav. Nachfragen und Widerspruch waren selten. Viele Ärzte vermieden es, dem Patienten seine Krebsdiagnose mitzuteilen. Die Zeiten haben sich geändert. Mit der Demokratisierung des Wissens durch das Internet sind jetzt viele auch medizinische Informationen für alle verfügbar.

Der gut informierte mündige Patient kann mitentscheiden. Wer fragt, bekommt in der Regel auch Antworten. Und so empfiehlt es sich, die Arztgespräche bei Diagnose und vor Therapiebeginn gut vorzubereiten. Am besten nimmt sich der Erkrankte seine Frau/seine Partnerin, beziehungsweise seinen Lebenspartner mit. Auch die eigenen Kinder können hilfreich sein. Oft ist man als Betroffener so aufgeregt, dass vorher überlegte Fragen im Nirwana verschwinden und ärztliche Auskünfte und Antworten im Raum verhallen. Schon eine Stunde später sind nur noch Bruchstücke erinnerbar. Da hilft die Liebste, der nächste Familienangehörige, der beste Freund mit genaueren Gesprächserinnerungen, vielleicht sogar mit protokollarischen Aufzeichnungen.

Zweite Meinung

Bevor Operation und Behandlung beginnen, ist immer Zeit, eine zweite Meinung einzuholen. Brustkrebs ist kein Notfall und muss nicht am nächsten Tag operiert werden. Es bleiben durchaus einige Wochen Zeit, um die Diagnose zu verarbeiten, weitere Informationen einzuholen, mit Nahestehenden und Betroffenen zu reden. Das Internet bietet eine Fülle an guten Informationen zu Brustkrebs. Wer unsicher ist, sollte sich eine zweite Meinung einholen. Kein guter Arzt ist beleidigt, wenn man sich noch ein weiteres Urteil zur schockierenden Diagnose suchen will.

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