Mamma Mia!: Herr Prof. Denschlag*, personalisierte Krebstherapie – ein Begriff, der in aller Munde ist. Was bedeutet er für die Gebärmutterkrebsbehandlung?
Prof. Dominik Denschlag: Der Begriff ‚personalisierte Krebstherapie‘ heißt, dass wir die individuellen Tumoren unserer Patientinnen immer besser verstehen, und damit auch zunehmend besser wissen, wie wir sie gezielt behandeln können. Speziell bei Gebärmutterkrebs haben wir in den letzten Jahren gelernt, dass wir auf molekularer Ebene vier unterschiedliche Tumortypen klassifizieren können. Und diese können wir dann individuell verschieden behandeln.
Wie wichtig sind Krebsbehandlungen noch, die ungezielt im gesamten Körper wirken, zum Beispiel eine Chemotherapie?
Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind Chemotherapien ein unverzichtbarer Bestandteil, um eine fortgeschrittene Gebärmutterkrebserkrankung zu managen. Sie sind jedoch nicht mehr länger ein alleiniger Bestandteil der Therapie. Neuere, zielgenauere Therapiebausteine wie eine Immuntherapie als Erhaltungstherapie sind in den letzten Jahren hinzugekommen.
Neue Therapien wie die Immuntherapie oder PARP-Hemmer kommen im Moment hauptsächlich bei fortgeschrittenem Gebärmutterkrebs und nur in speziellen Fällen zum Einsatz. Könnten sie bald für mehr Frauen eine Option sein?
Sowohl die Immuntherapie als auch die Erhaltungstherapie mit den sogenannten PARP-Hemmstoffen sind derzeit in der Behandlung von fortgeschrittenem Gebärmutterkrebs fest etabliert. Die bisherigen Studien, in denen diese Substanzen schon in Frühstadien eingesetzt wurden, sind bisher leider alle negativ verlaufen. Ob sich dies in Zukunft ändern wird, lässt sich jetzt noch nicht abschätzen.
Im Labor wird an der therapeutischen Impfung für verschiedene Krebsarten geforscht, zum Beispiel an der mRNA-Impfung gegen Krebs. Wo stehen wir hier und wäre eine solche Impfung auch für Gebärmutterkrebs denkbar?
Die Forschungen zur therapeutischen Impfung stehen bei Gebärmutterkrebs noch sehr weit am Anfang. Die Idee ist ja, spezielle Merkmale des Tumors zu nutzen und für jeden Menschen einen persönlichen, passgenauen Impfstoff zur Therapie herzustellen. Das ist ein Unterschied zur vorbeugenden Schutzimpfung, durch die Krankheiten erst gar nicht entstehen oder milder verlaufen sollen. Prinzipiell ist die therapeutische Impfung jedoch bei jeglicher Art von soliden, also festen, Tumoren denkbar. In den nächsten fünf Jahren würde ich jedoch hier aber noch keine eindeutigen Antworten erwarten.
Gibt es neue Behandlungen oder Medikamente gegen Gebärmutterkrebs, die Sie für besonders zukunftsträchtig halten?
Als derzeit am vielversprechendsten haben sich in Studien Medikamente einer neuen Substanzklasse gezeigt, die Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, ADCs oder Antibody-Drug-Conjugates. Hier wird ein Chemotherapeutikum mit einem Antikörper kombiniert. So soll es gelingen, die Chemotherapie über den Antikörper direkt in die Tumorzelle einzuschleusen und diese spezifisch zu zerstören. Zu diesen ADCs laufen derzeit verschiedene Studien, die erfolgversprechend erscheinen.
Der „Fingerabdruck“ eines Tumors spielt schon heute eine wichtige Rolle für die Wahl der Behandlung. Gefunden wurden jetzt fünf weitere genomische Risikofaktoren, die sich vielleicht für die Therapie nutzen lassen. Wie schätzen Sie das ein?
Derzeit unterscheiden wir nur vier molekulare Tumortypen, die einen Einfluss auf die Prognose und auf unsere Therapieentscheidung haben. Es gibt aber verschiedene Ansätze, das molekulare Profil eines Tumors noch weiter im Detail zu charakterisieren. Uns fehlen allerdings im Moment noch ausreichende Daten, ob neu gefundene Mutationen einen Einfluss auf die Prognose haben. Unklar ist auch, ob Tumore mit diesen neu identifizierten genetischen Veränderungen auf verschiedene Therapien anders ansprechen.
Behandlungen wie die Operation oder Strahlentherapie besitzen einige Nebenwirkungen. Welche beeinträchtigen die Lebensqualität der Frauen aus Ihrer Erfahrung heraus am meisten und welche Abhilfe gibt es?
Die Operation hat in den meisten Fällen nur relativ geringe Nebenwirkungen, weil wir sie bei der Mehrheit der Frauen minimal-invasiv vornehmen können. Das heißt, wir brauchen nur wenige, kleine Schnitte. Außerdem verzichten wir heute in den meisten Fällen auf eine radikale Lymphknotenentfernung, was unangenehme Lymphödeme zur Folge haben kann. Stattdessen entfernen wir meist nur den Wächterlymphknoten, den Sentinel, und untersuchen ihn auf Krebszellen. So können wir Nebenwirkungen durch die OP reduzieren.
Bei einer Strahlentherapie von außen über die Haut sieht es jedoch etwas anders aus. Sie kann kurz-, mittel- und auch langfristig Nebenwirkungen mit sich bringen. Die wichtigste Nebenwirkung ist Durchfall, weil der Darm durch die Strahlen gereizt wird. Durchfall lässt sich jedoch in aller Regel durch die Einnahme des Wirkstoffs Loperamid gut kontrollieren. Mittel bis längerfristige Nebenwirkungen wie narbige Verwachsungen, die wiederum zu Schmerzen oder Missempfindungen führen können, lassen sich leider nur schwerlich beeinflussen. Sie treten jedoch sehr individuell auf, nicht jede Frau entwickelt sie also.
Viele Menschen mit Krebs nutzen die Komplementärmedizin – von pflanzlichen Mitteln bis Yoga. Gibt es Behandlungen, die bei Gebärmutterkrebs hilfreich sein können und welche sollten Frauen besser sein lassen?
Auch wenn wir die Komplementärmedizin noch nicht im Detail verstehen: Es gibt zwei Maßnahmen, die bei soliden Tumoren wie Gebärmutterkrebs die Prognose verbessern können. Das ist wissenschaftlich belegt. Zum einen handelt es sich um das Thema gesunde Ernährung, wobei hier von Extremen abgeraten wird, zum Beispiel von speziellen einseitigen Diäten. Zum anderen ist moderate Bewegung beziehungsweise Sport bei jeder Tumorerkrankung eine sinnvolle Maßnahme. Jede Patientin hat also selbst etwas in der Hand, um den Tumor aktiv zu bekämpfen.
Die Informationen auf dieser Seite können eine professionelle Beratung durch ausgebildete und anerkannte Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen. Auch dienen sie nicht dazu, eigenständig eine Diagnose zu stellen oder eine Therapie einzuleiten.

