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Biomarkertests bei Brustkrebs: Was ist das?

Redaktion Mamma Mia!

Laboruntersuchung
© iStock / angelp
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Biomarkertests eignen sich für Frauen mit frühem Brustkrebs, deren Tumor bestimmte Merkmale besitzt. Sie können helfen, den Krankheitsverlauf, die Rückfallgefahr und manchmal auch den Nutzen einer Chemotherapie abzuschätzen. Die Krankenkassen bezahlen die sogenannten Genexpressionstests unter bestimmten Voraussetzungen.

Biomarkertests können eine Möglichkeit für Frauen mit frühem Brustkrebs sein, durch die sich der wahrscheinliche Krankheitsverlauf besser abschätzen und eine individuelle, möglichst sichere Krebsbehandlung auswählen lässt. Viele der etwa 71.000 Frauen, die jährlich neu die Diagnose Brustkrebs erhalten, haben einen Tumor im Frühstadium. Die Krebszellen haben sich in diesem Fall noch nicht im Körper ausgebreitet und auch noch keine Fernmetastasen gebildet, etwa in der Leber, den Knochen, der Lunge, im Gehirn oder in der Haut.

Für einige dieser Frauen stellt sich die Frage, ob sie nach der Brust-Operation von einer zusätzlichen Chemotherapie profitieren würden, um ihr Rückfallrisiko (Risiko für ein Rezidiv) zu senken, oder ob andere Behandlungen wie die Antihormontherapie nach der OP eventuell ausreichen würden. Auch den Nutzen einer Chemotherapie kann man durch manche Biomarkertests abschätzen. Solche Tests können bei der Frage für oder gegen eine zusätzliche Chemotherapie helfen. Manchmal lässt sich nämlich anhand der klinischen (zum Beispiel Bilder) und pathologischen (Gewebeanalyse) Kriterien nicht genau vorhersagen, ob eine Chemotherapie nötig ist oder nicht.

Wie funktionieren Biomarkertests?

Biomarkertests zählen zu den genomischen Tests, welche die Aktivität verschiedener Gene in den Krebszellen untersuchen. Daher heißen sie auch Genexpressionstests, Multigentests oder Multigenassas. Im Unterschied dazu werden bei einem Gentest, etwa auf die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA1, fehlerhafte Varianten von Genen untersucht. Gentest und genomischer Test sind also nicht miteinander zu verwechseln, auch wenn die Begriffe ähnlich klingen. 

Ärztinnen und Ärzte können anhand von Biomarkertests Aussagen über den Krankheitsverlauf und die Wahrscheinlichkeit, ob der Krebs bei einer Frau zurückkehrt (prognostisch), machen. Somit lassen sich Rückschlüsse auf das Rückfallrisiko ziehen. Manche Multigentests können zusätzlich voraussagen, ob die Chemotherapie einen vermutlichen Nutzen für eine Frau hat (prädiktiv).

Derzeit sind in Deutschland vier Biomarkertests zugelassen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Kurz erklärt
    • Gene beherbergen den Bauplan für Eiweiße (Proteine) in verschlüsselter Form, die dann verschiedenste Funktionen im Körper ausüben, zum Beispiel im Zellzyklus.
    • Biomarker sind messbare Parameter (zum Beispiel Eiweiße), die im Rahmen normaler physiologischer Vorgänge vorkommen können, aber auch bei biologischen Prozessen einer Erkrankung. Sie können in diesem Fall Informationen über die Krankheit liefern und Aussagen über die Prognose zulassen.
    • Die Genexpressionsanalyse zeigt, wie aktiv die Gene für diese Biomarker sind.

Oncotype DX Breast Recurrence Score® Test

Der Biomarkertest Oncotype DX® Test kann das Rückfallrisiko bei Brustkrebs ermitteln und jene Frauen „herausfischen“, die von einer zusätzlichen Chemotherapie – neben der Operation und Antihormontherapie – profitieren würden. Umgekehrt kann der Test jene Frauen identifizieren, die vermutlich auf eine Chemo verzichten können, weil sie für sie keinen weiteren Nutzen hat.

Wie funktioniert der Test?

Beim Oncotype DX® Test wird die Aktivität von 16 krebsrelevanten Genen im Labor untersucht, die bekanntermaßen in Verbindung mit Brustkrebs stehen. Diese Gene beeinflussen zum Beispiel das Wachstum des Tumors, das Eindringen der Krebszellen in umliegendes Gewebe oder sind an der Ausbildung von Hormonrezeptoren (Andockstellen für Östrogen und Progesteron) beziehungsweise des HER2-Rezeptors (Andockstelle für spezifische Wachstumsfaktoren) beteiligt. Zusätzlich analysiert der Test fünf Kontrollgene (Referenzgene), die für die zuverlässige Auswertung des Tests wichtig sind.

Für den Biomarkertest ist es nicht nötig, zusätzliches Gewebe zu entnehmen. Pathologinnen und Pathologen nutzen das bereits entnommene Gewebe, etwa im Rahmen einer Routinebiopsie oder der Operation.

Was sagt das Testergebnis aus?

Ärztinnen und Ärzte erhalten beim Oncotype DX® Test das sogenannte Recurrence Score® Ergebnis. Dies ist ein individueller Zahlenwert für jede Frau, der auf einer Skala zwischen 0 und 100 liegt. Der Wert liefert eine Einschätzung, wie hoch der Chemotherapie-Nutzen und das persönliche Rückfallrisiko einer Frau mit Brustkrebs sind. Allgemein gilt: Je höher diese Zahl ausfällt, desto höher ist auch die Rückfallgefahr.

Der Test liefert sowohl prognostische Informationen über den vermutlichen Verlauf der Brustkrebserkrankung also auch prädiktive Informationen. Darunter ist die Vorhersage zu verstehen, inwieweit sich eine zusätzliche Behandlungsoption (hier die Chemotherapie) wahrscheinlich positiv auf den Verlauf einer Erkrankung (also Brustkrebs) auswirkt.

Beim Oncotype DX® Test gibt es drei Gruppen. In eine dieser Kategorien wird das individuelle Testergebnis eingeordnet:

 

Niedriger Recurrence Score (≤10)

  • Eine Chemotherapie ist wahrscheinlich unnötig und hat vermutlich keinen oder nur einen geringen Nutzen.
  • Das Risiko der Hinzunahme einer Chemotherapie ist höher als der wahrscheinliche Nutzen.
  • Frauen erhalten nach einer Operation standardmäßig eine Antihormontherapie, sodass das Risiko abgesenkt wird, in den nächsten zehn Jahren erneut an einem Mammakarzinom zu erkranken.

Mittlerer Recurrence Score (11-25)

  • Ältere Frauen mit Brustkrebs (älter als 50 Jahre, ab den Wechseljahren) profitieren von einer Chemotherapie vermutlich nicht. Die Nachteile (Nebenwirkungen) überwiegen bei ihnen wahrscheinlich die Vorteile.
  • Anders kann es bei Frauen sein, die jünger als 50 Jahre sind: Bei ihnen kann eine zusätzliche Chemotherapie (neben Operation und Antihormontherapie) womöglich von Nutzen sein. Für diese Frauen ist die individuelle Entscheidungsfindung mit dem Behandlungsteam von großer Bedeutung.

Hoher Recurrence Score (≥26)

  • Eine zusätzliche Chemotherapie ist für die Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit von Nutzen, denn ihr Rückfallrisiko ist hoch.
  • Bei diesen Frauen ist die Wahrscheinlichkeit groß, innerhalb der nächsten zehn Jahre trotz Operation und Antihormontherapie erneut an Brustkrebs zu erkranken, wenn sie keine zusätzliche Chemotherapie erhalten. 

Besprechen Sie das Ergebnis ausführlich mit Ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten und überlegen Sie gemeinsam, was die nächsten Schritte sind. Auf der Basis Ihres Ergebnisses können Sie gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam eine fundierte Entscheidung mit mehr Sicherheit treffen, ob eine Chemotherapie nötig ist. Somit reduzieren sich die Übertherapien, aber auch die Untertherapien.

Oncotype DX®Test – für welche Frau?

Seit Januar 2020 bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen den Genexpressionstest, wenn einige Bedingungen erfüllt sind. Zunächst muss sich der Brustkrebs noch in einem frühen Stadium befinden und darf sich noch nicht auf andere Organe und Gewebe ausgebreitet haben. Eine weitere Bedingung für den Test und die Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen ist, dass der frühe Brustkrebs folgende Merkmale besitzt:

  • Hormonempfindlich (Hormonrezeptor-Positiv): Die Tumorzellen besitzen Andockstellen (Rezeptoren) für Östrogen und/oder Progesteron (ER+/PgR+)
  • HER2-negativ (HER2-): Die Krebszellen haben keine erhöhte Anzahl an Rezeptoren für humane epidermale Wachstumsfaktoren (HER) auf ihrer Oberfläche.
  • Keine Metastasen (Lymphknoten, andere Organe) medizinische Fachleute empfehlen den Test jedoch auch für Frauen, bei denen nur eine geringe Anzahl von Lymphknoten von Krebszellen befallen ist (N1 = 1 bis 3 Lymphknoten). Denn es gibt einige Hinweise aus Studien, dass auch diese Frauen profitieren könnten.

 

Ein Test für Frauen mit N1 kann unter bestimmten Bedingungen erstattet werden (Einzelfallentscheidung). Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) prüft die Studienlage derzeit (Stand: Mai 2023). Die Privaten Krankenversicherungen übernehmen die Kosten für den Test, wenn nur wenige Lymphknoten befallen sind. Eine weitere Möglichkeit, die Kosten erstattet zu bekommen, ist die Ambulante Spezialärztliche Versorgung (ASV). Dort übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für den Oncotype DX® Test auch bei bis zu drei befallenen Lymphknoten.

Tipp:
    • Der G-BA hat ein Patientinnenmerkblatt veröffentlicht. Studieren Sie alle Fakten genau und wägen Sie dann gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam das Für und Wider ab – dann entscheiden Sie.

MammaPrint®

Der Biomarkertest MammaPrint® untersucht insgesamt 70 Krebsgene, um herauszufinden, wie aggressiv der Tumor ist. Das Testergebnis liefert Hinweise darauf, wie hoch das Risiko für einen Rückfall in den nächsten zehn Jahren und wie groß die Gefahr für Fernmetastasen ist, so der Hersteller. Das sind Krebsabsiedlungen in weiter entfernten Organen. Bei Brustkrebs sind besonders oft die Knochen, die Leber, die Lunge und seltener das Gehirn oder die Haut betroffen.

Folgende Voraussetzungen gelten für den Test:

  • Brustkrebs im Frühstadium
  • Tumorgröße höchstens fünf Zentimeter
  • Hormonrezeptor-positiv (HR+)
  • HER2-negativ
  • Keine Lymphknoten sind von Krebszellen betroffen (in manchen Fällen übernehmen die Krankenkassen auch die Kosten bei bis zu drei befallenen Lymphknoten)

 

Das Testergebnis lässt sich einer von zwei Gruppen zuordnen:

  • Geringes Risiko: Die Wahrscheinlichkeit für Metastasen ist gering und eine Chemotherapie vermutlich nicht nötig. „Niedriges Risiko“ bedeutet, dass im Schnitt 10 von 100 Frauen in den nächsten zehn Jahren ein Fernrezidiv bekommen.
  • Erhöhtes Risiko: Bei diesen Frauen ist die Gefahr hoch, dass der Tumor zurückkehrt und Krebsabsiedlungen bildet – diese Frauen profitieren voraussichtlich von einer Chemotherapie. „Hohes Risiko“ heißt, dass durchschnittlich 29 von 100 Frauen in den nächsten zehn Jahren an einem Fernrezidiv erkranken.

Prosigna®

Prosigna® (Pam50-Test) ist ein Genexpressionstest, der die Aktivität von 50 Genen untersucht. Der Test ermittelt nach Angaben des Herstellers das Rückfallrisiko einer Frau innerhalb von zehn Jahren als Punktwert (Score). Die Grundlage für die Berechnung sind diese Parameter:

  • Tumorgröße
  • Vier molekulare (intrinsische) Subtypen – das sind Tumorarten, die auf unterschiedliche Behandlungen ansprechen können. Beispiele: Luminal A, Luminal B
  • Proliferations-Index – wie schnell wächst der Tumor
  • Lymphknotenstatus – sind Krebszellen in den Lymphknoten vorhanden

 

Die Voraussetzungen für den Test:

  • Früher Brustkrebs
  • Hormonrezeptor-positiv (Östrogen)
  • HER2-negativ
  • Nach der Menopause

 

Bei diesem Test gibt es drei Risikogruppen: Gering, mittel und hoch. Darüber hinaus erhalten Ärztinnen und Ärzte einen Punktwert für das Rückfallrisiko sowie einen Rezidivrisiko-Wert für den jeweiligen molekularen Subtyp.

EndoPredict®

Der EndoPredict®-Test analysiert insgesamt zwölf Gene, die das Tumorwachstum und das Rückfallrisiko beeinflussen. Er kombiniert den genomischen Fingerabdruck des Tumors mit herkömmlichen prognostischen Parametern wie der Tumorgröße und dem Lymphknotenstatus (sind Krebszellen in den Lymphknoten nachweisbar). Daraus lässt sich nach Angaben des Herstellers das Rückfallrisiko in den nächsten zehn Jahren abschätzen, wenn Frauen nach der Operation nur eine Antihormontherapie bekommen.

Die Voraussetzungen für den Test sind laut Hersteller:

  • Östrogenrezeptor-positiv (ER+)
  • HER2-negativ (HER2-)
  • Vor und nach der Menopause
  • Lymphknotennegativ oder -positiv
  • Tumorgrad 1-3
  • Tumorgröße pT1-pT3


Der Test ermittelt Punktewerte zwischen 1 und 6. Anhand des Testergebnisses lassen sich Frauen einer von zwei Risikogruppen zuordnen:

  • Niedriges Rückfallrisiko (3,3 und niedriger): Es ist unwahrscheinlich, dass Frauen von einer Chemotherapie profitieren.
  • Hohes Rückfallrisiko (3,3 und höher): Eine Chemotherapie könnte das Rezidivrisiko senken.


Zusammengefasst: Sprechen Sie immer mit Ihrem Behandlungsteam, ob ein Biomarkertest für Sie in Frage kommt und welche Chancen er bietet. Informieren Sie sich gut über alle Vor- und Nachteile- Dann entscheiden Sie am besten gemeinsam mit Ihren Ärztinnen und Ärzten.

  1. Interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms (Stand: Juni 2021), abgerufen am 26.3.2024
  2. Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AG), prognostische und prädiktive Faktoren,  abgerufen am 26.3.2024
  3. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), Presse Mitteilung 1105: Biomarker-Test bei Brustkrebs und Presse Mitteilung 800: Unterstützung der Therapieentscheidung bei Brustkrebs im Frühstadium, abgerufen am 26.3.2024
  4. Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Biomarkertests, Kostenübernahme, abgerufen am 26.3.2024
  5. Ärztezeitung, drei weitere Biomarker auf Kassenkosten, abgerufen am 26.3.2024
  1. Mammaprint, abgerufe am 25.3.2024
  2. Myriadgeneticsm, Endopredict, abgerufen am 25.3.2024
  3. Prosigna, abgerufen am 25.3.2024
  4. Oncotype, abgerufen am 25.3.2024
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