Ein Gentest auf ein verändertes BCRA2-Gen kann eine Variante unklarer Signifikanz (VUS) ans Licht bringen, deren Bedeutung für die Krebsrisiken unklar ist – bisher jedenfalls. Eine US-Forschungsgruppe klassifizierte jetzt fast alle Varianten – ein Grundstein für genauere Testergebnisse und gezieltere Präventions- und Behandlungsstrategien.
Krankheitsauslösende genetische Veränderungen im BRCA2-Gen erhöhen das Risiko, an Brust– und Eierstockkrebs zu erkranken. Auch die Gefahr für einige weitere Krebsarten steigt durch eine BRCA2-Mutation. Dieses Gen ist einer der Hauptakteure bei Menschen mit erblichen Krebsrisiken. Ein internationales Forschungsteam hat das BRCA2-Gen jetzt genauer unter die Lupe genommen und mit Hilfe einer besonderen Technologie untersucht: CRISPR-Cas9.
Dabei handelt es sich um eine Art „Genschere“ oder „molekulares Skalpell“. Das Werkzeug besteht aus einem Enzym (einem Protein) und aus zwei RNA-Molekülen. Die Abkürzung „RNA“ steht für Ribonukleinsäure. Mit Hilfe dieser Technologie lässt sich das Erbgut – die DNA – sehr präzise an zuvor festgelegten Stellen schneiden und durchtrennen. Forschende können Gene entfernen und ausschalten oder an der Schnittstelle neue Abschnitte einfügen – und auf diese Weise das Erbgut einer Zelle verändern.
Genauere Ergebnisse bei Gentests
Die Forschungsgruppe unter der Leitung des Mayo Clinic Comrehensive Cancer Center analysierte mittels CRISPR-Cas9 den funktionellen Einfluss fast aller Varianten im DNA-Bindungsbereich des BRCA2-Gens. Insgesamt handelte es sich um fast 7.000 Varianten. Sie identifizierten jene Varianten, die das Krebsrisiko steigen lassen und solche, die dies nicht tun. Rund 91 Prozent der Varianten unklarer Signifikanz (VUS) in diesem Teil des Gens konnten sie eindeutig klassifizieren.
„Unsere Studienergebnisse verbessern die Genauigkeit von genetischen Tests erheblich“, schreiben die Forschenden im renommierten Fachblatt Nature. „Die neuen Informationen werden viel von der Unsicherheit nehmen, die es rund um die VUS gibt. Sie erlauben es uns, ein klareres Bild von den Krebsrisiken zu zeichnen und sie besser abzuschätzen“, erklärt Dr. Fergus Couch, ein Zbigniew and Anna M. Scheller Professor für Medizinische Forschung an der Mayo Clinic.
Präzisere Präventions- und Behandlungsstrategien
Ärztinnen und Ärzte könnten jetzt auf der Basis der Studienergebnisse Personen, die diese BRCA2-Varianten tragen, gezielter Screening-Maßnahmen, präventive Empfehlungen und Strategien zur Behandlung anbieten. Für gesunde Trägerinnen und Träger einer BRCA-Mutation gibt es verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel ein Intensiviertes Früherkennungs- und Nachsorgeprogramm (IFNP) oder vorbeugende (prophylaktische) Operationen.
Außerdem könnten die neuen Erkenntnisse dazu beitragen, Patientinnen und Patienten mit Brustkrebs, Eierstockkrebs oder Bauchspeicheldrüsenkrebs zu identifizieren, die von gezielten Therapien wie PARP-Hemmern profitieren können. Diese Medikamente greifen in die Reparaturmechanismen ein, die bei einer BRCA-Mutation gestört sind.
„Diese Studie ist ein großer Fortschritt in unserem Verständnis, welche Rolle viele BRCA-Varianten bei der Veranlagung für eine Krebserkrankung spielen“, erklärt Couch. Bis jetzt hätten Personen mit einer Variante unklarer Signifikanz sich oft große Sorgen gemacht, ob sie an Krebs erkranken oder nicht. „Aber mit der Klassifikation dieser Varianten können wir beides – die Präventionsstrategien und Behandlungen – auf die Betroffenen zuschneiden“, so Couch weiter.
Bessere medizinische Versorgung bei BRCA-Mutation
Die Studienergebnisse haben laut der Forschungsgruppe einen direkten Einfluss auf die Testlabore, die genetische Testungen durchführen, sowie auf die Gesundheitsfachkräfte, die rund um die genetische Krebsveranlagung und den Gentest aufklären und beraten. Sie können Menschen mit VUS nun eine individuelle und maßgeschneiderte Versorgung anbieten.
Viele Betroffene könnten benachrichtigt werden, dass die VUS neu klassifiziert wurden, wenn Informationsmaterialien aktualisiert und die neuen Ergebnisse berücksichtigt würden. „Wir haben jetzt einen Katalog von jeder möglichen Variante unklarer Signifikanz in diesem Bereich des BRCA2 zur Verfügung, der als Leitfaden in der medizinischen Versorgung dienen kann“, erklärt Couch.
Die Forschungsergebnisse legten den Grundstein für zukünftige Studien zur Charakterisierung und Klassifizierung aller BRCA2-Varianten bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Krebstypen. „Wir können so die Risikoabschätzung für jeden Menschen verbessern“, schreibt das Forschungsteam.
Wie durch BRCA1- oder BRCA2-Mutation Krebs entstehen kann
BRCA1 und BRCA2 gehören zu den sogenannten Tumorsuppressorgenen. Diese Gene kontrollieren die Prozesse der Zellteilung und helfen dabei, die Bildung von Tumoren zu unterdrücken. In diesen Genen ist der Bauplan für spezielle Eiweiße (Proteine) verschlüsselt, die an der Zellreparatur beteiligt sind, die sogenannten BRCA-Proteine. Genetische Veränderungen oder Defekte in einem Tumorsuppressorgen können dazu führen, dass fehlerhafte Reparatureiweiße hergestellt werden. Dann können Zellschäden nicht mehr behoben werden und die Zellen können sich unkontrolliert teilen und vermehren – Krebs kann entstehen.
- Huang, H., Hu, C., Na, J. et al. Functional evaluation and clinical classification of BRCA2 variants. Nature 638, 528–537 (2025). https://doi.org/10.1038/s41586-024-08388-8, abgerufen am 9.2.2026
- Mayo Clinic, Researchers resolve unertainty in brca 2 testing improving cancer risk assessment and patient care, abgerufen am 10.2.2026
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