Gebärmutterkrebs bei älteren Frauen – warum ein geriatrisches Assessment wichtig ist

Redaktion Mamma Mia!

geriatrisches Assessment ältere Frau
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An Gebärmutterkrebs erkranken meist ältere Frauen. Doch manchmal erhalten sie nicht die optimale Krebstherapie, zum Beispiel eine umfassende Operation. Instrumente wie ein geriatrisches Assessment könnten dabei mithelfen, die bestmögliche Behandlung zu finden.

An Gebärmutterkrebs erkranken meist Frauen in höherem Lebensalter. Das durchschnittliche Erkrankungsalter für diese Krebsart liegt in Deutschland bei 67 Jahren. Deutlich seltener tritt das Endometriumkarzinom bei jüngeren Frauen auf, zum Beispiel im Zusammenhang mit einem Lynch-Syndrom oder Cowden-Syndrom. Beide zählen zu den erblichen Tumorsyndromen, bei denen die Gene eine zentrale Rolle spielen.

Doch ältere Frauen mit gynäkologischen Krebserkrankungen wie Gebärmutterkrebs erhalten im Gegensatz zu jüngeren oft nicht die bestmögliche Therapie. Darauf weisen drei US-Fachleute aus der Gynäkologischen Onkologie am Memorial Sloan Kettering Cancer Center (MSK) in New York in einem Übersichtsartikel hin. Dass die gewählten Behandlungen bei Gebärmutterkrebs auch vom Lebensalter abhängen, haben auch schon frühere Studien nahegelegt. Für ältere Frauen bestehe daher womöglich die Gefahr der Unterversorgung. Sie schlagen daher Maßnahmen und Instrumente vor, wie sich das ändern ließe. Veröffentlicht wurde der Artikel auf der Plattform The ASCO-Post (Januar 2025).

Kurzgefasst:
  • Ältere Frauen mit Gebärmutterkrebs erhalten oft nicht die bestmögliche Therapie. Ein geriatrisches Assessment könnte Abhilfe schaffen.
  • Maßgeschneiderte Krebsbehandlungen sollten Faktoren wie chronische Begleiterkrankungen, Gebrechlichkeit oder das soziale Umfeld berücksichtigen.
  • Die körperliche Fitness können Programme zur Stärkung der körperlichen Aktivität, Bewegungs- und Ergotherapie verbessern.
  • Auf Basis der molekulargenetischen Tumoreigenschaften lassen sich Pläne mit verträglichen Behandlungen erstellen und diese auf jede Frau individuell „zuschneiden“.

Seltenere und weniger umfangreiche Operationen

Ein Beispiel sind chirurgische Behandlungen, die bei betagteren Frauen manchmal weniger intensiv und umfangreich ausfallen als es eigentlich notwendig wäre. Denn ältere Frauen haben bei der Diagnose häufiger aggressiver und weiter fortgeschrittene Tumoren, was mit einem erhöhten Rückfallrisiko und mit einem verminderten Gesamtüberleben verbunden sein kann.

So ergab zum Beispiel eine Untersuchung aus Deutschland, die sich auf die Krebsregisterdaten von älteren Frauen mit Gebärmutterkrebs stützte, folgendes Bild: Bei Frauen bis 60 Jahre wurde eher einer Lymphknotenentfernung (Lymphadenektomie) im Rahmen der Operation vorgenommen, sie durchliefen eher eine Strahlentherapie und wurden eher mit systemischen (im gesamten Körper wirkenden) Therapien behandelt als Frauen, die 70 Jahre und aufwärts waren. Die häufigsten Gründe, die gegen diese Behandlungen sprachen, waren ein schlechter Gesundheitszustand und/oder Grunderkrankungen. Dass die Frauen die empfohlene Behandlung selbst nicht wünschten, war dagegen nur selten der Fall.

Therapien: Alter, aber auch weitere Erkrankungen, Gebrechlichkeit und Umfeld zählen

Der Volksmund sagt, das Alter sei nur eine Zahl. Dies stimmt insofern, als Menschen sehr unterschiedlich altern können. Personen im gleichen chronologischen Alter können sehr verschieden sein, was ihre körperliche und geistige Fitness angeht. Und manche dieser körperlichen und geistigen Faktoren können sich auf die Therapiewahl bei Gebärmutterkrebs auswirken.  

So bringen Frauen über 65 Jahren und aufwärts neben Gebärmutterkrebs oft noch weitere Grunderkrankungen mit. Dazu gehören zum Beispiel die rheumatoide Arthritis, die koronare Herzkrankheit (KHK), die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus oder Atemwegserkrankungen. Auch das Hör- und Sehvermögen ist oft vermindert. Darüber hinaus kann die Mobilität eingeschränkt sein, wenn ein Mensch gebrechlich ist. Daher kann es eine Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte sein, die passenden Therapieentscheidungen für ältere Frauen zu treffen.

Erschwerend kommt hinzu, dass in Studien ältere Personen oft unterrepräsentiert oder ganz ausgeschlossen sind. Die Erkenntnisse aus Studien zu den Behandlungen sind somit nicht eins zu eins auf Seniorinnen und Senioren übertragbar.

Bessere Therapieentscheidungen dank geriatrischem Assessment

Die American Society of Clinical Oncology (ASCO) und die International Society of Geriatric Oncology (SIOG) empfehlen ein geriatrisches Assessment (GA), um bessere Therapieentscheidungen für ältere Menschen zu treffen. Ärztinnen und Ärzte sollten dafür nicht allein das chronologische Alter eines Menschen heranziehen.

Geriatrische Assessments nutzen strukturierte Prozesse, durch die sich die körperliche, geistige und seelische Gesundheit sowie die soziale Situation eines älteren Menschen erfassen und einschätzen lassen. Diese können dabei mithelfen, bislang verborgene Probleme aufzudecken, mögliche Nebenwirkungen und Komplikationen von Behandlungen besser vorherzusagen und die Lebenserwartung im Zusammenhang mit der Gebärmutterkrebserkrankung und weiteren Begleiterkrankungen abzuschätzen.

Operation – der Standard bei Gebärmutterkrebs

Die Operation ist die wichtigste Behandlung für Frauen mit Gebärmutterkrebs. Je nach Aggressivität und Stadium der Krebserkrankung kann die OP verschieden umfangreich ausfallen. Entfernt werden die Gebärmutter, die Eierstöcke und Eileiter auf beiden Seiten sowie Lymphknoten, um zu prüfen, ob dort Krebszellen eingewandert sind. Manchmal müssen noch weitere Organe und Gewebe ganz oder teilweise entfernt werden, zum Beispiel das Bauchfell oder Teile des Darms, je nach Stadium.

Für diesen chirurgischen Eingriff müssen Frauen jedoch eine gewisse „Fitness“ mitbringen. Ältere Menschen haben allgemein höhere Operationsrisiken, meist aufgrund von Begleiterkrankungen und geringeren körperlichen Reserven. Die Einschätzung, ob und in welchem Umfang der Gebärmutterkrebs operiert werden kann, treffen in der Regel Fachpersonen aus der Gynäkologie, Onkologie und Chirurgie.

Vor der OP könnte ein geriatrisches Assessment hilfreich sein, zum Beispiel das Practical Geriatric Assessment (PGA). Mit diesem Fragebogen können Ärztinnen und Ärzte den körperlichen Allgemeinzustand, den Ernährungszustand und die Fähigkeit einer älteren Person erfassen, Entscheidungen zu treffen.

Je nach Ergebnis des PGA kann zum Beispiel eine minimal-invasive Operationstechnik (Bauchspiegelung oder Laparoskopie) statt eines großen Bauchschnitts (Laparotomie) eine Option sein. Die „Schlüssellochchirurgie“ gilt als schonender und ist mit weniger Nebenwirkungen und Komplikationen verbunden. Frauen erholen sich schneller wieder. Wenn aufgrund der Risiken keine OP möglich ist, können womöglich Bestrahlung und Hormontherapie eine Alternative sein.

Strahlentherapie nach der OP

An die Operation schließt sich oft noch eine Strahlentherapie an, in der Regel des Beckens. Dort liegen Organe wie der Darm, die besonders empfindlich gegenüber Strahlung sind. Bei älteren Frauen, die schon unter Verdauungsproblemen wie Verstopfung oder einer Blasenschwäche leiden, können sich diese Beschwerden durch eine Bestrahlung verschlechtern. Auch der Knochenschwund (Osteoporose) ist ein häufiges Problem bei Seniorinnen. Die Knochen werden porös, instabil und brechen leichter. Die Bestrahlung kann die Knochengesundheit im bestrahlten Gebiet weiter beeinträchtigen.

Allerdings haben sich die Bestrahlungstechniken in den letzten Jahren verbessert. Sie sind zielgenauer und schonender geworden und die Nebenwirkungen fallen geringer aus. Am häufigsten haben Menschen mit Fatigue zu kämpfen, eine übermäßige Müdigkeit und Erschöpfung. Die Autorinnen und Autoren des Übersichtsartikels schlagen daher vor, dass moderne Bestrahlungstechniken bei allen Patientinnen angewendet werden sollten – aber besonders bei gebrechlichen und vulnerablen (verletzlichen) Frauen.

Die Strahlentherapie erfordert eine genaue Planung und Betreuung, aber auch Unterstützung im häuslichen Umfeld. In manchen Situationen, zum Beispiel bei starker Gebrechlichkeit, früherer Bestrahlung in der Nähe des Beckens oder begrenzter Unterstützung durch das soziale Umfeld kann der tägliche Bestrahlungstermin über mehrere Wochen hinweg schwierig sein. Dann kann eventuell die Brachytherapie eine Möglichkeit sein, eine Bestrahlung von innen über die Scheide. Die Behandlungszeit ist kürzer, die Bestrahlungsdosis niedriger und es treten weniger Nebenwirkungen auf. Hier gilt es jedoch, alle Vor- und Nachteile gut gegeneinander abzuwägen.

Chemotherapie bei Gebärmutterkrebs

Bei Gebärmutterkrebs kommen meist zusätzliche systemische Therapien zum Einsatz, die Krebszellen im gesamten Körper angreifen und vernichten sollen. Ein Beispiel ist die Chemotherapie, die mit starken Zellgiften (Zytostatika) arbeitet. Meist werden die Zytostatika Carboplatin oder Paclitaxel eingesetzt.

Bei älteren Frauen sind Ärztinnen und Ärzte mit der Empfehlung für eine Chemotherapie oft zurückhaltend. Aus Studien ist bekannt, dass nur wenige Patientinnen die Chemotherapie selbst ablehnen. Einer Untersuchung zufolge schlossen Patientinnen über 70 Jahre die Chemotherapie mit Carboplatin und Paclitaxel sogar häufiger ab als jüngere Frauen unter 70 Jahren. Und das, obwohl die betagteren Frauen ein höheres Risiko für Nervenschäden (periphere Neuropathie) hatten. Die Rate der anderen Nebenwirkungen durch die Chemotherapie war ungefähr gleich. Bei älteren Menschen kann die Neuropathie, in Kombination mit weiteren Problemen wie einer Sehschwäche, das Sturzrisiko noch weiter erhöhen.

Um das Risiko für Nebenwirkungen durch die Chemotherapie besser abzuschätzen, eignet sich dem Übersichtsartikel zufolge ein geriatrisches Assessment, zum Beispiel das ASCO Practical Geriatric Assessment Tool (PGA) oder das Cancer Aging Research Group Chemotherapy Toxicity Tool (CARG-TT).

Es gibt einige Möglichkeiten, um Nervenschäden durch die Chemotherapie zu vermindern. Dazu zählen zum Beispiel das Kühlen der Hände und Füße während der Chemo, die Verbesserung des Flüssigkeitshaushaltes durch Infusionen, das Angebot von Mobilitätshilfen oder eine reduzierte Dosis der Zytostatika, um die Verträglichkeit zu verbessern.

Immuntherapie bei Gebärmutterkrebs

Inzwischen gibt es viele neue Entwicklungen bei der Gebärmutterkrebstherapie, zum Beispiel zielgerichtete Medikamente, die sich die molekulargenetischen Eigenschaften der Tumorzellen zunutze machen. Von diesen neuen Therapien könnten auch ältere Frauen profitieren.

Bei fortgeschrittenem Gebärmutterkrebs oder einem Rückfall (Rezidiv) können Medikamente aus der Gruppe der Immun-Checkpoint-Inhibitoren zum Einsatz kommen, entweder als alleinige Therapie oder in Kombination mit einer Chemotherapie.

Allerdings ist es noch nicht geklärt, wie sich Immun-Checkpoint-Inhibitoren genau auf ein älteres Immunsystem auswirken. Erste Studien mit „fitten“ älteren Menschen lassen aber vermuten, dass die Wirksamkeit der Medikamente sowie die immunvermittelten Nebenwirkungen mit jenen bei jüngeren Personen vergleichbar sind. Gegenstand der medizinischen Diskussion ist, welche Begleiterkrankungen bei älteren Personen zu stärkeren immunvermittelten Nebenwirkungen führen und wie sich diese bestmöglich behandeln lassen.

Weil es für Immun-Checkpoint-Inhibitoren kein spezielles Instrument zur Abschätzung der Nebenwirkungen gibt, können Maßnahmen wie das Shared Decision Making (gemeinsame Entscheidungsfindung) sowie die engmaschige Überwachung der Nebenwirkungen bei älteren Frauen hilfreich sein. Die Kontrolle der Nebenwirkungen in engen Zeitabständen ist für alle Menschen empfohlen, die sich einer Immuntherapie unterziehen.

  1. Tiffany Y. Sia, William P. Tew, Jennifer J. Mueller: Age Is Just a Number: Treatment Considerations for Endometrial Cancer in Older Women, The ASCO Post, 25. Januar 2025
  2. GO – Das Magazin für Gynäkoonkologie und Mammakarzinom, „Ageismus“ in der Behandlung des Mammakarzinoms, 3/2025;
  3. Eggemann H, Ignatov T, Burger E, et al: Management of elderly women with endometrial cancer. Gynecol Oncol 146:519-524, 2017. 
  4. Sia TY, Tew WP, Purdy C, et al: The effect of older age on treatment outcomes in women with advanced ovarian cancer receiving chemotherapy: An NRG-Oncology/Gynecologic Oncology Group (GOG-0182-ICON5) ancillary study. Gynecol Oncol 173:130-137, 2023. 

NP-DE-AOU-WCNT-260007 (03/26)

Mit freundlicher
Unterstützung von GlaxoSmithKline

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