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„de novo stage VI“ Brustkrebs – das ­primär metastasierte Mammakarzinom

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Wie sinnvoll ist die operative Entfernung des Brusttumors?

Durch verbesserte Früherkennungsmaßnahmen wird Brustkrebs meist früh entdeckt. Bei etwa fünf Prozent aller Brustkrebspatienten werden jedoch bereits bei Diagnosestellung Metastasen festgestellt. Dieses Krankheitsstadium wird auch als „de novo stage IV“ bezeichnet. In diesem Stadium ist Heilung in den meisten Fällen nicht mehr möglich, je nach Tumorart kann aber ein Fortschreiten der Krankheit durch zielgerichtete Therapien über einen längeren Zeitraum aufgehalten werden. In Fachkreisen wird nun diskutiert, ob der Brusttumor in diesem Krankheitsstadium operativ entfernt werden sollte oder nicht. PD Dr. Peter C. Dubsky, Leiter des Brustzentrums an der St. Anna Klinik in Luzern, hat beim Europäischen Brustkrebskongress EBCC in Amsterdam zu diesem Thema gesprochen und erläutert seine Ansichten im Gespräch mit Mamma Mia!.

Mamma Mia!: Herr Dr. Dubsky, Experten sind sich nicht ganz einig, ob der Brusttumor bei einer „ de novo stage IV“ Erkrankung operativ entfernt werden soll oder nicht. Könnten Sie uns die pro und contra Argumente kurz skizzieren?

PD Dr. Peter C. Dubsky: Auch in Fachkreisen ist man sich nicht immer ganz einig, wie bei einer solchen Diagnose vorgegangen werden soll. Ein Vorteil der operativen Entfernung des Tumors könnte sein, dass der Tumor nicht weiterhin Zellen in den Körper senden kann. Gegen eine Operation spricht, dass es zu einer Stimulierung von Wachstumsfaktoren, einer operationsbedingten Tumorzellzirkulation oder einer Aktivierung von Entzündungsprozessen kommen könnte. Außerdem kann der Tumor in der Brust Aufschluss darüber geben, ob die eingesetzte Therapie wirksam ist oder nicht.
Wenn wir uns für eine Operation entscheiden, müssen wir zwischen folgenden Optionen abwägen: systemische Therapie gefolgt von einer Operation des primären Tumors oder Operation gefolgt von der systemischen Therapie, in beiden Fällen kann eine ergänzende Strahlentherapie sinnvoll sein. Folgt die systemische Therapie auf die Operation des Primärtumors, kann es im Einzelfall sogar sinnvoll sein, im Anschluss daran auch Metastasen operativ zu entfernen, vorausgesetzt natürlich, das ist technisch möglich.
Retrospektive Daten zeigen aus der medizinischen Praxis ein relativ klares Muster: Meist wurden gesunde, jüngere Frauen mit kleinem Tumor und nur wenigen Metastasen operiert. Was retrospektiv ebenfalls aufgezeigt werden konnte ist, dass die Krankheit durch eine Entfernung des Tumors lokal besser kontrolliert werden konnte. Eine Operation bei primär metastasierten Frauen hatte auch einen positiven Einfluss auf das Gesamtüberleben. Wir müssen jedoch beachten, dass es schwer ist, aufgrund retrospektiver Daten klare Empfehlungen abzuleiten, da die Ergebnisse der rückblickenden Untersuchung schwer interpretierbar sind. So ist beispielsweise häufig nicht bekannt, welche systemische Therapie und zusätzliche Operationen ergänzend durchgeführt wurden. Natürlich kann die Statistik auch nie ausschließen, dass einfach nur die gesünderen Patientinnen operiert wurden und sich nur daher ein Unterschied im Überleben ergibt.

Mamma Mia!: Gibt es jetzt auch prospektive Daten? Was empfehlen Sie Ihren Patientinnen?

PD Dr. Peter C. Dubsky: Ja, es gibt endlich auch prospektive Studien zu dem Thema: Eine indische Studie wurde bereits publiziert (Badwe et al. , Lancet Oncology 2015) und eine türkische Studie ist noch in Nachbeobachtung: Den deutlichen Überlebensvorteil aus den retrospektiven Daten findet man in keiner der neuen prospektiv randomisierten Studien. Die Operation hat keinen deutlichen Einfluss auf das Gesamtüberleben der Patientin. Allerdings verliefen die Operationen sehr gut mit deutlich weniger Komplikation als man es bei Patientinnen mit manchmal erheblicher Tumorlast erwarten würde und damit war die lokale Situation natürlich behoben.
Für eine Operation würde ich mich aussprechen, wenn es sich um einen weit fortgeschrittenen lokalen Befund handelt, der Beschwerden verursacht. Außerdem sollte im Rahmen der systemischen Therapie regelmäßig geprüft werden, ob die Gefahr besteht, dass der Tumor trotz systemischer Therapie in die Brustwand einwächst, das gilt auch für die Lymphknoten.
Für mich sind diese primär metastasierten Patientinnen ein gutes Beispiel für eine interdisziplinäre Entscheidung im Rahmen einer Tumorkonferenz. Die Chirurgie kann für einzelne Patientinnen eine wichtige Behandlung sein, aber bei den meisten Patientinnen wird die systemische Therapie im Vordergrund bleiben.

Mamma Mia!: Inwiefern kann bei einer solchen Entscheidung der Wunsch der Patientin berücksichtigt werden?

PD Dr. Peter C. Dubsky: Der Wunsch der Patientin sollte in dieser Situation auf jeden Fall mit berücksichtigt werden.


Peter-DubskyPD Dr. med. Peter Dubsky
Leiter Brustzentrum
Klinik St. Anna
St. Anna-Strasse 32
CH – 6006 Luzern
Tel.: +41 (0)41 208 37 53
Fax: +41 (0)41 208 37 55
E-Mail
www.hirslanden.ch

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