zurück zur Übersicht

HER2-positive ­Tumoren ­gezielt be­handeln

  • -
Print Friendly, PDF & Email

Pertuzumab kann Überleben verlängern

Seit einigen Jahren zählt die Behandlung mit dem ­Antikörper Trastuzumab (Handelsname Herceptin®) zur Standardtherapie HER2-positiver Tumoren. Nun gibt es einen neuen Antikörper, der den Therapieerfolg von Trastuzumab vergrößern soll. Es handelt sich um den Wirkstoff „Pertuzumab“. Mehr über diesen neuen Antikörper erfuhr Mamma Mia! im Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Schneeweiss, Sektionsleiter Gynäkologische Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg.

Mamma Mia!: Bisher galt der Antikörper Trastuzumab als Standardtherapie von HER2-positiven Tumoren. ­Worin genau liegt der zusätzliche Nutzen von Pertuzumab?

Prof. Dr. Andreas Schneeweiss: Trotz der guten Wirksamkeit der Trastuzumab-basierten Therapien schreitet die Erkrankung im metastasierten Stadium bei etwa jeder zweiten Patientin innerhalb eines Jahres fort. Nun ist es gelungen, einen weiteren Antikörper zu entwickeln, der das Ansprechen in Kombination mit Trastuzumab verbessert. Während Trastuzumab nur einen bestimmten Abschnitt der Oberfläche des HER2-Rezeptors blockiert, setzt Pertuzumab an der so genannten Dimerisierungsdomäne an (Pertuzumab = Dimerisierungs-Inhibitor). Das ist der Teil, an dem sich die HER2-Rezeptoren mit sich selbst und anderen HER-Rezeptoren verbinden können (= Dimerisierung), wodurch ein Signal ins Zell­innere geleitet wird. Dieses Signal verstärkt die Bösartigkeit der Zelle, indem Zellwachstum, Zellteilung und Metastasierung gefördert werden und der Grad der Entartung steigt. Insbesondere die HER2:HER3-Dimere scheint in diesem Prozess eine zentrale Rolle zu spielen. Pertuzumab verhindert diese so genannte Dimerisierung. Dadurch wirkt Pertuzumab komplementär, also ergänzend zu Trastuzumab und verstärkt die Wirkung entscheidend.

Mamma Mia!: Pertuzumab wurde in der Phase-III-Studie „CLEOPATRA“ getestet. Könnten Sie uns die Studieninhalte kurz erläutern?

Prof. Dr. Andreas Schneeweiss: Die CLEOPATRA-Studie (CLinical Evaluation Of Pertuzumab And TRAstuzumab) ist eine internationale Phase-III-Studie zur Evaluation der Wirksamkeit und Sicherheit von Pertuzumab in Kombination mit der aktuellen Standardtherapie Trastuzumab (Herceptin®) plus Docetaxel bei Patientinnen mit nicht-vorbehandeltem HER2-positivem, metastasiertem Mammakarzinom. Die Hälfte der Studienteilnehmerinnen erhielt Pertuzumab, die andere Hälfte ein Placebo. Die Studie zeigte, dass die Pertuzumab-Gruppe sowohl eine Verlängerung der Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung von sechs Monaten als auch einen beachtlichen Überlebensvorteil hat.

Mamma Mia!: Für welche Patientengruppe ist der Wirkstoff derzeit zugelassen? Ist mit einer Zulassungserweiterung zu rechnen?

Prof. Dr. Andreas Schneeweiss: Zurzeit ist Pertuzumab für Patientinnen mit einem HER2-positiven Brustkrebs zugelassen, die sich bereits in einem fortgeschrittenen oder metastasierten Stadium befinden. Sie dürfen für ihre fortgeschrittene oder metastasierte Erkrankung noch keine Chemotherapie und keine Behandlung mit Trastuzumab erhalten haben. Eine vorherige (neo-) adjuvante Chemotherapie (einschließlich Trastuzumab und/oder Taxan) ist erlaubt. In den USA ist Pertuzumab (Handelsname Perjeta®) auch für die neoadjuvante, also präoperative Behandlung des neu diagnostizierten, HER2-positiven Brustkrebses zugelassen, weil durch die zusätzliche Gabe von Pertuzumab die Rate an so genannten „kompletten, pathologischen Remissionen“ gesteigert werden konnte. Hierunter versteht man das komplette Verschwinden der Tumorzellen unter der präoperativen Therapie, so dass man bei der nachfolgenden Operation im Operationspräparat keinen Tumor mehr findet. Dieser Zustand ist beim HER2-positiven Brustkrebs mit einer höheren Heilungschance verbunden. Ob Pertuzumab künftig auch in der adjuvanten, postoperativen Therapie einen Vorteil für die Patienten bringt, also die Heilungschancen erhöht, wird derzeit in der so genannten APHINITY-Studie (siehe Kasten) untersucht. Die Aufnahme von Patienten in die Studie ist bereits abgeschlossen, die ersten Ergebnisse werden frühestens in zwei Jahren erwartet.

Mamma Mia!: Kann der Antikörper auch als alleinige Therapie angewandt werden?

Prof. Dr. Andreas Schneeweiss: In der ersten Studie, die mit Pertuzumab durchgeführt wurde, bekamen Patientinnen den Wirkstoff, nachdem Trastuzumab in Kombination mit einer Chemotherapie versagt hatte. Pertuzumab allein zeigte jedoch kaum eine Wirkung. Anschließend wurden beide Antikörper Pertuzumab und Trastuzumab in Kombination eingesetzt, woraufhin ein Viertel der Studienteilnehmerinnen auf die Therapie ansprach.

Mamma Mia!: Mit welchen Nebenwirkungen müssen Betroffene bei der Einnahme von Pertuzumab rechnen?

Prof. Dr. Andreas Schneeweiss: Erfreulicherweise ist der Antikörper sehr gut verträglich. In der Verträglichkeit der Therapie zeigte sich bei den Patienten, die zusätzlich Pertuzumab erhielten, nur eine leicht erhöhte Rate an Durchfällen und Fieber, allerdings nur bei gleichzeitiger Gabe der Chemotherapie. Sobald die Chemotherapie nach im Schnitt fünf Monaten beendet wurde, gab es keine Unterschiede in der Verträglichkeit zwischen den beiden Studienarmen. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Häufigkeit von Herzproblemen, die durch Trastuzumab auftreten können, durch Pertuzumab nicht erhöht wurde.

Pertuzumab kann das Überleben beim HER2-positiven, metastasierten Brustkrebs verlängern. Die APHINITY-Studie testet bei Frauen mit neu diagnostiziertem HER2-positivem Brustkrebs, ob die zusätzliche Gabe von Pertuzumab nach der Operation auch die Heilungschancen verbessert. In den USA ist Pertuzumab schon für die neo­adjuvante Behandlung des neu diagnostizierten HER2-positiven Brustkrebses zugelassen, da es den Tumor in der Brust häufiger komplett zerstört, was wahrscheinlich vermehrt zu einer Heilung führt.


Schneeweiss-AndreasProf. Dr. med. Andreas Schneeweiss
Sektionsleiter Gynäkologische Onkologie, Nationales Centrum für Tumor­erkrankungen
Universitäts-Klinikum
Im Neuenheimer Feld 460
69120 Heidelberg
Tel.: +49 (0)6221 56 36051
Fax: +49 (0)6221 56 7920
E-Mail
www.klinikum.uni-heidelberg.de

zurück zur Übersicht