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Immer aufwärts gehen!

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Ein Leben mit metastasiertem Brustkrebs

Ihr Motto: aufwärts gehen! Diesem Motto blieb Verena Stub in den vergangenen 33 Jahren treu. Damals, vor 33 Jahren, erkrankte sie im Alter von 38 Jahren an Brustkrebs. Es war ein sehr atypischer Krankheitsverlauf. Die Beschwerden begannen mit starken Schmerzen im Arm. Ihre Kinder waren vier und acht Jahre alt. Heute engagiert sie sich in ihrem Verein „Sonnenstrahlen e.V.“ für die Betreuung von Kindern schwerkranker Eltern. „Du lebst, um anderen zu helfen“, sagt ihr Sohn Sebastian, heute 40 Jahre alt. Denn ob sie überleben würde, stand mehrfach in den Sternen. Doch sie hat es geschafft. Trotz Knochen- und Lebermetastasen. Wie sie es geschafft hat? „Aufwärts gehen, nach vorne schauen und viel lachen“.

Knochen- und multiple Lebermetastasen

Ihrer Ersterkrankung folgten Chemo- und Antihormontherapie. Ihre Welt schien in Ordnung zu sein, bis 1987, sechs Jahre nach Diagnosestellung, Metastasen in der Halswirbelsäule auftraten. Die Ärzte verordneten eine weitere Strahlentherapie, die jedoch nach einigen Sitzungen abgebrochen wurde. Vielleicht zu früh, meint Verena Stub. Denn bereits drei Jahre später verspürte sie beim Reiten starke Rückenschmerzen. Die Nachsorgeuntersuchung wurde vorgezogen. Das Ergebnis: Knochenmetastasen im gesamten Skelett von der Hüfte aufwärts sowie multiple Lebermetastasen. „Die Leber war geradezu übersät mit Metastasen“, erinnert sie sich. Diese Nachricht zog ihr den Boden unter den Füßen weg. „Es war heftig“, sagt sie in Gedanken versunken. Als Krankenschwester wusste sie, was bei dieser Diagnose alles auf sie zukommen könnte. Eine ihrer ersten Aktionen nach dieser niederschmetternden Nachricht war die Vorverlegung der Konfirmation ihrer Tochter Sabine. Die wollte sie schließlich noch miterleben.

Flucht nach vorne

Verena Stub war jetzt klar, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen musste. Sie begab sich in die Veramed-Klinik im Oberbayerischen Brannenburg, in der sie zweigleisig behandelt wurde. Sie erhielt eine weitere Chemotherapie sowie komplementäronkologische Unterstützung während der Therapie. „Dieser Klinik habe ich mein Leben zu verdanken“, sagt sie voller Überzeugung. Und das, obwohl sie bei ihrem ersten Besuch in der Klinik die Flucht ergriff: „Als ich den Infusionsständer mit den ganzen Beuteln sah, packte mich ein Fluchtreflex. Ich lief weit weg von der Klinik und setzte mich auf eine Bank. Ganz allein. Dort dachte ich lange nach und mir wurde klar, dass ich keine andere Wahl hatte, als mich weiteren Therapien zu unterziehen“, erzählt sie. Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, ging sie in die Klinik zurück.

Einmal am Tag Sekundenfreude

Während der Therapie begann sie „aufwärts zu gehen“. Jeden Tag lief sie einen der Berge in Kliniknähe hinauf. Sie überwand täglich 400 bis 500 Höhenmeter, war teilweise vier bis fünf Stunden unterwegs und fühlte sich von Tag zu Tag besser. Sie versuchte, so viel Sauerstoff wie möglich ein- und auszuatmen. Ganz bewusst. Die Therapien zeigten gute Wirkung. Stub ist überzeugt, dass auch der Gebetskreis, den einige befreundete Frauen für sie ins Leben riefen, half. „Ich bin zwar nicht besonders fromm, aber ich glaube fest daran, dass Kräfte weitergegeben werden können“, sagt sie. Und sie lachte. Sie lachte viel und herzhaft. Selbst über kleine Dinge. Mindestens einmal am Tag muss sie eine „Sekundenfreude“ verspüren. Eine Sekunde, in der die Freude ihren ganzen Körper durchdringt. Denn diese Freude, so Stub, stärkt ihr Immunsystem.

Sorge um die Kinder

Mit ihren Kindern hatte sie all die Jahre nicht über ihre Krankheit gesprochen. Es war ihr nicht bewusst, wie wichtig diese Gespräche für Kinder sein können. Sie ließ die Kinder zwar am Sterben und Tod ihres Vaters teilhaben, nicht jedoch an ihrer eigenen Geschichte. So kam es, dass ihre Kinder andere Leute fragten, ob ihre Mutter sterben müsse. Verena Stub ging aus ihrer Not heraus auf Distanz zu ihren Kindern. Sie ließ lange Zeit keine Nähe zu und konnte keine geben. Sie wollte ihre Kinder schützen, vielleicht sogar auf einen möglichen Abschied vorbereiten. Heute bezeichnet sie dieses Verhalten als großen Fehler. Sie bedauert, dass Kinder in dieser schwierigen Situation nicht besser aufgefangen werden. Zwar hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren einiges bewegt, aber eben nicht genug, meint Stub. Ihrer Meinung nach müsste jedes Brustzentrum speziell geschulte Kinderpsychologen für Kinder schwer kranker Eltern beschäftigen. Für dieses Ziel setzt sie sich im Rahmen ihrer Arbeit bei der Frauenselbsthilfe nach Krebs sehr engagiert ein.

Die Krankheit schreitet fort

1993 wurden weitere Metastasen im Arm- und Schulterbereich entdeckt. Es folgte eine weitere Strahlentherapie. Während die ganze Familie in Sorge über den erneuten Rückfall war, starb ihr Mann nach einer kurzen, sehr heftigen Krankheit. Er hatte Krebs. 1997 traten erneut Metastasen in der Halswirbelsäule auf, die ebenfalls bestrahlt wurden. Dadurch wurde der Geschmack- und Geruchsinn von Verena Stub beschädigt. „Das ist aber nicht so schlimm, Hauptsache die Metastasen geben Ruhe“, sagt sie und lacht. Und sie geben Ruhe. Wie durch ein Wunder sind sowohl die Knochen- als auch die Lebermetastasen auf Kontrollbildern fast nicht mehr zu sehen. Medikamente nimmt Stub schon lange nicht mehr, Schmerzmittel brauchte sie nie. Nachdem ihre Krankheit fast zehn Jahre geruht hatte, ging es 2007 wieder los. Ihre verbleibende Brust wurde warm und tat weh. Das Ergebnis der Vakuumbiopsie bestätigte ihren Verdacht: ein invasiver Tumor. Sie entschied sich zur sofortigen Amputation der Brust, um kein Risiko einzugehen. So konnte sie dieses Mal auch auf weitere Therapien verzichten.

Ziele setzen und nach vorne schauen

Wie hat Verena Stub es nur geschafft, trotz der vielen Rückschläge ihre Lebensfreude in all den Jahren zu bewahren? Bezüglich der Krankheit versuchte sie, dieser immer einen Schritt voraus zu sein, um gegebenenfalls den Spieß umdrehen zu können. „Ich habe mir auch immer mal wieder etwas Gutes getan“, erzählt sie. Sie plant in der Regel nur ein Jahr im Voraus. Denn wer weiß schon, was in einem Jahr alles passiert? Außerdem setzt sie sich ganz konkrete Ziele. Ihr nächstes großes Ziel ist eine Reise nach Spitzbergen. „Dort wollte ich schon immer mal hin“, schwärmt sie. Ihre Entschlossenheit lässt keinen Zweifel: Sie wird auch dieses Ziel realisieren.

Sonnenstrahlen e.V.

Betreuung von Kindern schwerkranker Eltern
Verena Stub ist heute erste Vorsitzende von „Sonnenstrahlen e.V.“ und möchte mit diesem Projekt Familien in schweren Zeiten unterstützen. Vor allem ist es ihr ein Anliegen, dass Kinder besser aufgefangen werden, als das zum Zeitpunkt ihrer eigenen Erkrankung der Fall war. Das Angebot des „Sonnenstrahlen“-Vereins richtet sich an Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Dabei steht nicht die Therapie im Vordergrund, sondern die Prävention: Den Kindern und Jugendlichen wird hier eine Anlaufstelle geboten, bei der sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen können. Sie haben die Möglichkeit, über ihre Ängste zu sprechen, Fragen zu stellen oder sich einfach kreativ zu betätigen, um den Gedankenkreislauf zu unterbrechen. Dadurch kann verhindert werden, dass die Kinder langfristig psychische Störungen oder gar Krankheiten entwickeln. Kreativ werden die Kinder von der Diplom-Kunsttherapeutin Marion Köhler angeleitet. In einem Werkraum mit Kuschelecke bietet sie den Kindern einen Freiraum, in dem sie die Welt ein wenig ausblenden und sich ganz ihrem Inneren widmen können. Hier können sie ihre Gefühle in Farben ausdrücken, ihre Gedanken beim Töpfern schweifen lassen oder einfach nur „chillen“. Ergänzend zu den Kreativstunden mit den Kindern führt die Therapeutin auch Eltern- und Familiengespräche. Das Angebot von „Sonnenstrahlen e.V.“ richtet sich an alle Betroffenen, unabhängig davon, in welchem Klinikum sie behandelt werden.


Stub-VerenaVerena Stub
Sonnenstrahlen e.V.
Klinikum am Steinenberg
Steinenbergstraße 31
72764 Reutlingen
Tel.: +49 (0)7121 2004336
E-Mail
www.sonnenstrahlen-online.de

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