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Die Heil­kraft der Natur

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Komplementäronkologische Unterstützung in der ­Krebstherapie

Viele an Krebs erkrankte Menschen möchten ihren Körper auf natürliche Art und Weise während der Therapien unterstützen. Frei nach dem Motto „kann nichts schaden“, werden jährlich mehrere Millionen Euro für Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche, freiverkäufliche Medikamente ausgegeben. Mamma Mia! sprach mit Dr. Jutta Hübner über komplementäronkologische Therapieansätze. Dr. Hübner leitet den Bereich „Komplementäre Onkologie“ am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) in Frankfurt/M.

Mamma Mia!: Frau Dr. Hübner, die erste Standardtherapie neben der Brustoperation ist meist die Chemotherapie, die zahlreiche Nebenwirkungen mit sich bringt. Was können Frauen tun, um diese zu reduzieren?

Dr. Jutta Hübner: Die wohl häufigste Nebenwirkung bei der Chemotherapie ist die Übelkeit. Hier kann nachgewiesenermaßen Ingwer helfen. Es reicht schon, einige Stücke frische Ingwerwurzel in kochendes Wasser zu geben und den Sud schluckweise über den Tag verteilt zu trinken. Die Wirksamkeit konnte in zwei Studien nachgewiesen werden. Wir können jedoch keine Aussage darüber treffen, ob es zwischen Ingwer und Emend zu Wechselwirkungen kommen kann. Emend ist ein Medikament, das nach einer Chemotherapie häufig gegen Übelkeit verschrieben wird. Es gibt weiterhin gute Daten zu Akupunktur- beziehungsweise -pressur. So können Betroffene beispielsweise versuchen, einen bestimmten Punkt am Unterarm zu pressen. Dieser Punkt befindet sich an der Innenseite des Unterarms, zwei Querfinger breit oberhalb des Handgelenks zwischen den Sehnen. Gegen Durchfall helfen die bewährten Hausmittel wie geriebener Apfel, Möhre und Banane.

Mamma Mia!: Viele Patienten klagen über permanente Müdigkeit und mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Was können sie tun?

Dr. Jutta Hübner: Fatigue, eine chronische Müdigkeit, kann sich durch sportliche Betätigungen, auch während der Therapien, verbessern. Lange Zeit waren wir vorsichtig und gaben Patienten eher den Rat, sich zu schonen. Neue Studien haben jedoch belegt, dass Sport zu jeden Zeitpunkt gut tut. Weiterhin kann auch Ingwer den Körper etwas auf Trapp bringen. Eine weitere, sehr interessante Pflanze ist in diesem Zusammenhang die Ginsengwurzel. Ginseng verbessert die Energieversorgung der Zellen. Es gibt einige Berichte, wonach Ginseng auch eine Tumor hemmende Wirkung haben soll. Die nachlassende Konzentrationsfähigkeit ging unter dem Begriff „Chemobrain“ in die Literatur ein. Es gibt jedoch keine Studie, die belegen könnte, welche Wirkstoffe dem entgegenwirken könnten. Ginko fördert die Durchblutung und könnte hilfreich sein, sollte jedoch aufgrund mangelnder Daten erst nach Beendigung der Chemotherapie ausprobiert werden.

Mamma Mia!: Wie stehen Sie zu allgemeinen Vitaminpräparaten zur Stärkung des Körpers?

Dr. Jutta Hübner: Generell halte ich nichts davon. Wir konnten sogar mehrfach zeigen, dass diese Nahrungsergänzungsmittel die Wirkung sowohl der Chemo- als auch der Strahlentherapie beeinträchtigen können. Auch zur Hochdosisgabe von Vitamin C fehlen uns Daten. Eine Ausnahme bildet Selen. Die Einnahme von Selen ist auch umstritten, aber ich denke, dass man eine Ergänzung nach vorheriger Absprache mit dem Onkologen in Erwägung ziehen könnte.

Mamma Mia!: Was hilft bei schlechten Blutwerten?

Dr. Jutta Hübner: Wenn die Blutwerte wirklich weit absinken, können wir auf pflanzlicher Ebene wenig ausrichten. In so einem Fall müssen die Blutbildung anregende Medikamente verordnet werden.

Mamma Mia!: Wie beurteilen Sie immunstimulierende Wirkstoffe wie die Mistel?

Dr. Jutta Hübner: Zur Misteltherapie gibt es keine verlässlichen Daten. Es gibt Hinweise, wonach sie die Lebensqualität von Patientinnen verbessern kann. Aufgrund der dünnen Datenlage sollte sie aber erst nach der Chemotherapie verordnet werden. Zu anderen Immunstimulanzien, wie beispielsweise Thymus, gibt es noch weniger zuverlässige Daten.

Mamma Mia!: Wie können Patienten ihren Körper ­während der Strahlentherapie unterstützen?

Dr. Jutta Hübner: Während der Strahlentherapie gilt es in erster Linie, die Haut zu pflegen. Entgegen früherer Empfehlungen wird von Wasser heute nicht mehr generell abgeraten. Aloegel kann die irritierte Haut beruhigen, wirkt aber leider nicht immer. Die Behandlung ist jedoch unbedenklich, so dass sie ausprobiert werden kann. Eine Salbe, mit der wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben, ist Leviaderm. Sie ist in Apotheken erhältlich. Nahrungsergänzungsmittel machen auch hier keinen Sinn, Ausnahme, wie oben erwähnt, ist Selen.

Mamma Mia!: Die dritte große Therapiesäule ist die Antihormontherapie, unter der auch viele Frauen leiden. Haben Sie Ratschläge für Betroffene?

Dr. Jutta Hübner: Gegen die häufigste Nebenwirkung, nämlich Hitzewallungen, kann Salbeiextrakt helfen. Es gibt hierzu zwar keine Studie, das ist vielmehr eine Empfehlung aus der Erfahrungsmedizin. Mittlerweile empfehlen wir auch Traubensilberkerze, das rund einem Drittel der Betroffenen hilft. Dieser Wirkstoff galt lange als Phytoöstrogen und wurde daher nur zögerlich empfohlen. Eine große amerikanische Studie hat nun belegt, dass damit kein erhöhtes Risiko einhergeht.

Mamma Mia!: Was hilft bei Knochen- und Gelenkschmerzen?

Dr. Jutta Hübner: Eine ganz neue Studie hat wieder die Wirksamkeit von Vitamin D3 in der aktiven Form belegt. Das kann generell während einer Antihormontherapie eingenommen werden. Ob ergänzend Kalzium nötig ist, kann der Arzt entscheiden. Ein erhöhter Kalziumspiegel muss verhindert werden. Gegen Muskel- und Gelenkschmerzen können außerdem pflanzliche Rheumamittel wie Teufelskralle oder Weidenrinde helfen.

Mamma Mia!: Ein großes Tabuthema sind trockene Schleimhäute, auch im Intimbereich. Was empfehlen Sie?

Dr. Jutta Hübner: Die Anwendung lokaler Östrogenpräparate kann helfen, muss aber mit dem Arzt abgeklärt werden. Unbedenklich hingegen ist Vitamin-E-haltiges Öl ohne Aroma, das kann sogar Speiseöl sein. Das Öl sollte mit einem tief getränkten Tampon eingeführt werden. Wenn das nicht reicht, kann der Gynäkologe Scheidenzäpfchen verordnen.

Mamma Mia!: Haben Sie auch einen Tipp für Frauen mit Schlafproblemen?

Dr. Jutta Hübner: Wichtig ist die Schlafumgebung: So sollte am Abend jegliche Aufregung vermieden und stattdessen ruhige Musik aufgelegt werden. Baldrian, Hopfen und Lavendel haben eine beruhigende Wirkung, auch als Fußbad angewendet. Auf Johanniskraut sollte auf jeden Fall verzichtet werden, da es zu viele Interaktionen mit anderen Wirkstoffen gibt.

Mamma Mia!: Was können Frauen bei Stimmungsschwankungen tun?

Dr. Jutta Hübner: Ich denke, dass zum einen Gespräche mit einem Psychoonkologen und zum anderen Entspannungstechniken wirkungsvoll sind. Es gibt heutzutage ein weites Spektrum und breitflächiges Angebot an Yoga, Tai Chi, Simonton und ähnlicher Bodytechniken.

Mamma Mia!: Frau Dr. Hübner, gibt es etwas, das Sie unseren Leserinnen ans Herz legen möchten?

Dr. Jutta Hübner: Ich empfehle allen Krebskranken, nicht auf eigene Faust „rumzudoktern“, sondern sich immer intensiv beraten zu lassen. Außerdem ist es wichtig, den behandelnden Arzt über die Einnahme zusätzlicher Präparate zu informieren.


Dr. Jutta HübnerDr. J. Hübner
Leiterin Palliativmedizin, supportive und komplementäre Onkologie
Universitäres Centrum für Tumor­erkrankungen (UCT)
Klinikum der J. W. Goethe-Universität Frankfurt
Tel.: +49 (0)69 6301 5130
E-Mail
www.uct-frankfurt.de

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