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Kraft schöpfen durch ­Ent­spannung

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Tiefenentspannung fördert Wohlbefinden

Die Diagnose Brustkrebs wirft zunächst das ganze Leben durcheinander. In der ersten Zeit dominieren häufig Gefühle wie Angst, Trauer, Wut, Verzweiflung. Betroffene fühlen sich gestresst, sind kraft- und mutlos. Dazu kommen die Therapien mit teils schwerwiegenden Nebenwirkungen. Um in dieser extremen Zeit nicht ganz den Boden unter den Füßen zu verlieren, ist es wichtig, sich immer wieder bewusst zu entspannen, damit Körper und Geist zur Ruhe kommen können. Wie das gelingen kann, schildern Angela Tietz und Angela Maletzki, die als Psychoonkologinnen des Brustzentrums im Evangelischen Waldkrankenhaus in Spandau Krebspatientinnen betreuen.

Mamma Mia!: Liebe Frau Tietz, liebe Frau Maletzki, Sie betreuen seit zehn Jahren Brustkrebspatientinnen, zurzeit in einem Akutkrankenhaus in der ersten Krankheitsphase. Während der Therapiesitzungen bringen Sie den Betroffenen Entspannungsübungen bei. Wobei kann Entspannung im Prozess der Krankheitsbewältigung hilfreich sein?

Angela Tietz: Während eines Entspannungszustandes sinkt der Erregungszustand von Menschen, das vegetative Nervensystem „fährt“ herunter, geht von symphatischer in parasympatische Aktivität über. Die Muskeln entspannen sich, es wird weniger Cortisol (ein Stresshormon) ausgeschüttet. Entspannung hat einen positiven Einfluss auf das Immunsystem. Darüber hinaus können Entspannungsübungen sehr hilfreich eingesetzt werden bei beispielsweise akuten Angstzuständen, Schlafstörungen oder in Spannungs- und Stresssituationen.

Mamma Mia!: Mit welchen Entspannungstechniken arbeiten Sie am häufigsten?

Angela Maletzki: Wir arbeiten mit Autogenem Training, Visualisierungsübungen und der Progressiven Muskel­entspannung nach Jacobsen. So bieten wir in unserer Klinik zum Beispiel Kurse für Autogenes Training an.

Mamma Mia!: Welche Methoden gibt es noch und wie beurteilen Sie diese?

Angela Tietz: Nun, es gibt eine Vielzahl an Methoden – Visualisierungen, Selbsthypnose, Yoga und vieles mehr. Dabei gibt es kein „gut“ und kein „schlecht“. Vielmehr muss die Patientin für sich selbst herausfinden, was ihr gut tut, Spaß macht und was sich in den Alltag integrieren lässt. Dafür kann die Reha sehr sinnvoll sein. Dort ist mehr Zeit, um verschiedene Dinge auszuprobieren als hier im Akutkrankenhaus, wo die Patienten nur sehr kurze Zeit sind.

Angela Maletzki: Es kommt bei der Entspannungsübung auch gar nicht so sehr darauf an, eine bestimmte Methode anzuwenden. Die Patientinnen können die Übungen so verändern, dass sie für sie selbst „passen“ und anwendbar sind. Außerdem versuchen wir, den Patienten zu vermitteln, dass jeder Moment der Entspannung wichtig ist – und sei es ein Moment, in dem die Betroffenen aus dem Fenster blicken und sich beispielsweise auf ihre Atmung konzentrieren.

Mamma Mia!: Ist es also gar nicht wichtig, einen Kurs zu besuchen, um eine bestimmte Entspannungsmethode zu erlernen?

Angela Maletzki: Es ist sicherlich sinnvoll, an verschiedenen Kursen teilzunehmen, um die Methoden kennen zu lernen und um herauszufinden, was gut tut. In den Kursen bekommen Frauen und Männer einfaches Werkzeug an die Hand, um einen Entspannungszustand zu erreichen. Haben sich die Betroffenen für eine Methode entschieden, ist es sinnvoll, regelmäßig zu praktizieren. Denn je öfter geübt wird, sich zu entspannen, desto besser gelingt es, und es wird „leichter“. So gibt es viele Menschen, die sich inmitten des Alltags und Trubels entspannen können.

Mamma Mia!: Im Alltag, der durch Kinder, Beruf und andere Verpflichtungen dominiert wird, ist es oft schwierig, Zeit für Entspannungsübungen zu finden. Was raten Sie den Frauen?

Angela Tietz: Nach einer schweren Krankheit sollten Betroffene, Männer wie Frauen, darauf achten, dass sie gewisse „Auszeiten“ haben. Das sind kleine Pausen zwischendurch. Zehn Minuten können schon ausreichen. Einfach hinsetzen und ausruhen. Auf die eigene Atmung achten. Den Körper wahrnehmen. Eine Tasse Tee trinken. Schöne Musik auflegen und tanzen. All das sind Möglichkeiten, kurz Pause zu machen und zu entspannen. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Es ist wichtig, seinem Umfeld zu signalisieren, dass diese Auszeiten wichtig sind. Auch den Kindern gegenüber.

Angela Maletzki: Oftmals sind auch Audio-CDs hilfreich. Es gibt sehr gute Entspannungsanleitungen auf CD, beispielsweise Fantasiereisen oder Selbsthypnose. So kann es unglaublich entspannend sein, sich vorzustellen, am Meer spazieren zu gehen oder auf einer Blumenwiese zu liegen.

Mamma Mia!: Wie können Betroffene entsprechende Kursangebote finden?

Angela Tietz: Informationen über entsprechende Ange­bote geben meist die Brustzentren oder örtlichen Krebsberatungsstellen. In unserem Haus erhalten die Frauen beispielsweise eine Entlassungsmappe, in der verschiedene Adressen und Angebote aufgeführt sind.

Übersicht Entspannungsverfahren

Verfahren Bemerkung
Autogenes Training Autosuggestives Entspannungsverfahren. Formelhafte Vorstellungen („die Beine sind schwer“ oder „die Atmung geht ruhig“) werden wiederholt. Leicht erlernbar und zu üben
Progressive Muskelentspannung Einzelne Muskelgruppen werden angespannt und wieder losgelassen. Leicht erlernbar und zu üben
Meditation Fernöstliche Methode mit spirituellem Hintergrund. Aufrechte Sitz­haltung mit Besinnung auf das Hier und Jetzt, ohne andere Gedanken und Gefühle zuzulassen.
Yoga Fernöstliche Methode. Körperhaltungen und Atemübungen bewirken Entspannungsreaktion.
Selbsthypnose Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine Sache (visuell oder akustisch).
Imaginative Verfahren Fantasiereisen, Imaginationen oder Visualisierungen. Sie sind oft Teil einer anderen Entspannungsmethode.
Biofeedback Konzentration auf Körperfunktionen, die normalerweise nicht wahrgenommen werden, wie Puls oder Hirnströme. Diese werden mittels elektronischer Hilfsmittel bewusst gemacht.
Entspannung durch Bewegung Qigong, Taijiguan, Feldenkrais et al. Diese Methoden eigenen sich für Menschen, denen es schwer fällt, längere ruhende Haltungen einzunehmen.

Gedankliche Entspannung

(Selbstanleitung)

Bereiten Sie sich innerlich auf die Entspannung vor. Legen Sie sich ganz ruhig und locker hin. Genießen Sie einfach den ungestörten Zustand und gehen Sie in Gedanken ganz in Ihren Körper hinein. Wir werden jetzt alle für eine Entspannung wichtigen Muskeln nacheinander durchgehen und versuchen, sie durch reine Konzentration zu lockern und zu entspannen.

Gehen Sie jetzt als erstes in die rechte Hand. Lassen Sie die Fingerspitzen ganz entspannt und schwer auf die Unterlagen sinken: den Daumen, den Zeigefinger, den Mittelfinger, den Ringfinger und den kleinen Finger ganz schwer und entspannt werden lassen. Lassen Sie dann auch die Handinnenfläche ganz schwer und entspannt werden. Beziehen Sie jetzt auch die linke Hand mit ein. Lassen Sie die Fingerspitzen ganz entspannt und schwer auf die Unterlage sinken: den Daumen, den Zeigefinger, den Mittelfinger, den Ringfinger und den kleinen Finger ganz schwer und entspannt werden lassen. Lassen Sie dann auch die Handinnenfläche ganz schwer und entspannt werden. Beide Hände liegen jetzt locker und schwer und entspannt auf der Unterlage.

Konzentrieren Sie sich nun auf beide Unterarme. Lassen Sie die Unterarme schwer und entspannt nach unten sinken. Gehen Sie dann weiter in die Oberarme. Lassen Sie auch diese locker und schwer auf die Unterlage sinken. Gehen Sie dann in Gedanken weiter in den Schulterbereich. Lassen Sie die Schultern breit, rund und schwer auf die Unterlage sinken. Gehen Sie nun in Gedanken zum Nacken. Lassen Sie auch diesen locker und schwer werden.

Gehen Sie jetzt weiter in die Rückenmuskulatur. Lassen Sie auch die Rückenmuskulatur ganz locker und schwer werden. Gehen Sie dann weiter in das Gesicht. Lassen Sie die Gesichtsmuskeln locker wegsinken, ganz locker und entspannt werden, die Stirn, die Wange, die Mundpartie ganz locker und entspannt werden.

Gehen Sie weiter in die Brustmuskeln. Lassen Sie die Brustmuskeln breit und schwer nach unten wegsinken. Gehen Sie in Gedanken weiter in den Bauchraum. Lassen Sie den Bauch locker und entspannt nach unten sinken. Gehen Sie weiter in die Gesäßmuskulatur. Lassen Sie auch diese locker und entspannt und schwer auf die Unterlage sinken. Gehen Sie weiter in die Oberschenkelmuskulatur. Lassen Sie die großen Muskeln schwer nach unten wegsinken. Gehen Sie weiter in die Unterschenkel. Lassen Sie auch die Unterschenkelmuskulatur angenehm locker und schwer werden. Gehen Sie zuletzt weiter in die Füße. Lassen Sie die Füße ganz locker und entspannt werden, bis hin zu den Zehen. Registrieren Sie, wie jetzt der ganze Körper angenehm schwer und entspannt ist, und genießen Sie diesen Zustand.

(Dauer der gedanklichen Entspannung etwa 5 Minuten)

Quelle: Broschüre „Der Stress“, herausgegeben von der Techniker Krankenkasse. Kostenloser Download unter: www.techniker.de, telefonische Bestellung unter 0800 2858585. Im Angebot sind auch CDs mit Entspannungsanleitungen.


Angela Maletzki
Diplom-Psychologin, Psychoonkologin, Gestalt- und Hypnotherapeutin

 

Angela Tietz
Diplom-Sozialpädagogin, Psychoonkologin, HSF-Beraterin
Brustzentrum im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau
Stadtrandstraße 555–561
13589 Berlin
Tel.: +49 30 37021598

 

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